Auf der Suche nach dem Glück

Was macht das Glück mit einem Menschen, der sich berufsmäßig mit diesem Hochgefühl beschäftigt? Jan Delhey muss lachen und denkt kurz nach: „In guten Momenten hilft es mir, stärker zu reflektieren, was ich gerade tue und, dass mir der Ärger jetzt gar nichts bringt. Aber in vielen anderen Momenten macht es gar nichts mit mir", sagt der Professor, der im März 2015 auf den Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie und Makrosoziologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg berufen wurde. Zuvorderst sei es der Sport, der seine Glücksgefühle anrege. Auf dem Sattel seines Fahrrades habe er von Magdeburg schon mehr gesehen als von Bremen während seiner achtjährigen Zeit dort als Professor an der Jacobs University, sagt er.

Das grüne Magdeburg an dem blauen Band der Elbe macht also einen guten Eindruck auf einen Neuankömmling? Der Glücksforscher nickt. Die Stadt Magdeburg mit ihrem Wohlfühlfaktor Natur sei durchaus ein positiver Bestandteil der objektiven Lebensbedingungen. Und zu seinem subjektiven Wohlbefinden, meint er, trage auch die Stelle am Institut für Soziologie bei. Delheys Forschungsthemen hier sind Lebensqualität, Vertrauen, soziale Ungleichheit und europäische Integration.

Zitate zum Thema Glück: Für jeden bedeutet Glück etwas anderes

Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung kann Jan Delhey rückblickend sagen: Ohne die politische Wende 1989 wäre sein Leben mit Gewissheit anders verlaufen. Im Süden Deutschlands, an der Grenze zur Schweiz, ist er aufgewachsen. Räumlich weit weg von Ostdeutschland, war für ihn als Kind einzig die `Leipziger Messe´ ein Bezugspunkt zur DDR. „Mein Vater ist jedes Jahr dorthin gefahren", erzählt er. Die Grenzöffnung allerdings hat Jan Delhey in Bamberg erlebt. „Als die Trabis in die Stadt fuhren und bejubelt wurden, war das für uns Soziologiestudenten ein ganz besonderes Erlebnis", erinnert sich der Wissenschaftler und ist gedanklich ganz nah bei seiner Forschung: „Ob man Umbrüche in der Gesellschaft oder im eigenen Lebenslauf als Herausforderung oder als Bedrohung empfindet, hängt stark von der existenziellen Sicherheit ab. Und die war nach der Wiedervereinigung für viele im Osten mit dem Niedergang der Betriebe gefährdet."

Ohne Wendezeit undenkbar auch das Thema seiner Promotion, die sich mit den Umbrüchen in Osteuropa befasste, mit sozialer Ungleichheit und der Bewertung der Lebensbedingungen nach der Wende. Sieben osteuropäische Länder hat er miteinander verglichen. „Auf die DDR bezogen", sagt er, „hatten sich die individuellen Lebensbedingungen relativ schnell denen im Westen angepasst. Aber wegen der geringeren Wirtschaftskraft ist immer eine Lücke zu Westdeutschland geblieben." Ist der Veränderungsprozess also für die neuen Bundesländer ein Aufholprozess? „In vielerlei Hinsicht schon", entgegnet der Soziologe. „Allerdings hat die Wiedervereinigung auch den Westen modernisiert. Als Beispiel möchte ich das Netz frühkindlicher Betreuung nennen. Unter einem gesellschaftlichen Aspekt fördert die Infrastruktur für Betreuung auch die Gleichstellung von Mann und Frau. Meine Mutter hatte ihren Beruf aufgegeben, nachdem wir Kinder geboren waren. In der DDR war es für die Mütter eine Selbstverständlichkeit, bald wieder in ihren Beruf zurück zu kehren." 

 

Die Formel zum Glück

Und wann ist Jan Delhey ausgezogen, das Glück zu suchen? „Ich kam eigentlich durch meinen Doktorvater Wolfgang Zapf auf dieses Thema. Er hatte die amerikanische Glücksforschung in den 1970er-Jahren nach Deutschland geholt. "Damals war das ›subjektive Wohlbefinden‹ noch ein völlig neuer Begriff", erzählt Delhey und, dass er dieses Forschungsgebiet bis heute interessant und spannend findet. Denn, „glücklich zu sein", sei erst in der wohlhabenden Gesellschaft zum zentralen Lebensziel der Bevölkerung geworden.

 

Die Formel zum Glück: HABEN + LIEBE + SEIN = GLÜCK

 

Der Wissenschaftler hat sogar eine Formel dafür entwickelt: HABEN + LIEBE + SEIN = GLÜCK. „Menschen sind dann glücklich, wenn sie ausreichend Geld zur Existenzsicherung haben, wenn sie gute soziale Kontakte zum Partner, zur Familie, zu Freunden haben und, wenn sie einen Sinn in ihrem Leben sehen", sagt der Wissenschaftler.

Auch vor der Wende sei dieses Glücksrezept mit seinen Grundzutaten für Ost- und Westdeutschland gleichermaßen gültig gewesen. „Im Osten wurden die materiellen Lebensbedingungen etwas höher bewertet, weil das Ausgangsniveau niedriger lag als im Westen. Aber jeder konnte seine Glücksnische finden. Der persönliche Nahbereich war den meisten Menschen wichtiger als die Politik", weiß Delhey. „Nach der Wende haben Gesundheit, Partnerschaft, Familie und der Job an Bedeutung für die Lebenszufriedenheit gewonnen. Je reicher die Gesellschaft, umso weniger wichtig sind die materiellen Dinge."

 

Zusammenhalt macht glücklich

Mit seinen internationalen Umfragen zur Lebenszufriedenheit hat der Soziologe als erster seines Fachgebiets nachgewiesen, dass den Menschen der gesellschaftliche Zusammenhalt enorm wichtig ist für ihr subjektives Wohlbefinden. „Der Mensch funktioniert eben nicht wie ein Homo oeconomicus", sagt Delhey und verweist auf eine Studie, die er mit Kollegen von der Jacobs University für die Bertelsmann-Stiftung durchgeführt hat. „In den Bundesländern, in denen der gesellschaftliche Zusammenhalt stark ist, bewerten die Menschen ihr Leben im Durchschnitt positiver. Je mehr Zusammenhalt, desto besser." Die große gesellschaftliche Frage sei es nun, wie man es schafft, den Zusammenhalt zu fördern, meint der Soziologe. Das interessiere mittlerweile sogar die Wirtschaftswissenschaftler. 

Stimmt es, dass sich Bundeskanzlerin Angela Merkel vom Glücksforscher Delhey beraten ließ? Der lächelt. „Na ja. Die Kanzlerin selbst ist nicht auf der Suche nach dem persönlichen Glück. Die Bundesregierung wollte im Zuge ihrer Kampagne, `Gut leben – Lebensqualität in Deutschland´ dem Thema Lebensqualität einen höheren Stellenwert geben und dafür ein Indikatorensystem entwickeln. Stabsmitarbeiter ließen sich von einem Expertengremium beraten, und ich war auch dazu eingeladen. Umgesetzt wurden dann u. a. die Bürger-Dialoge mit der Regierungschefin."

Die Suche nach dem Glück bleibt ein Dauerbrenner? „Ja sicher. Jeder will ein glückliches Leben führen. Damit wächst aber auch die Unsicherheit, wie man leben soll, denn die Lebensformen und -verläufe sind weniger verbindlich als früher," sagt Jan Delhey. Das Individuelle, das Unberechenbare bleibt wohl eine `Unbekannte´ in der Glücksformel.

Letzte Änderung: 19.03.2020 - Ansprechpartner: Webmaster