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In die Uni reingehört

Manchmal muss man eben einfach mal drüber reden. Genau das macht die Uni Magdeburg mit "In die Uni reingehört. Der Podcast zur Arbeitswelt an der OVGU". In dem regelmäßig erscheinenden Podcast sprechen Angehörige der Uni Magdeburg über die Identifikation mit der Uni als Arbeitgeber, Stempeluhren, Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln und vieles mehr.

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#20: Was für eine Uni wollen wir sein?

Im kommenden Jahr wird die Uni 30 Jahre alt, kein Alter, sollte man meinen. Mit 30 haben wir privat oder beruflich zwar schon erste Erfahrungen und Blessuren weg, können uns auch durchaus schon an gute alte Zeiten erinnern, würden aber vor allem eines machen: nämlich in die Zukunft schauen und sehen, wohin die Reise gehen soll, wer wir sein wollen und werden. Und genau das wird die Uni auch tun. Aber was für eine Uni sind wir? Und wo wollen wir hin? Diesen Antworten wollen wir heute im Podcast näherkommen und fragen jemanden, der es wissen muss, den Rektor der Uni Magdeburg, Prof. Jens Strackeljan.

Prof. Jens Strackeljan (c) Jana Dünnhaupt

English version

We have translated the transcription of the podcast into English for you - you can read the conversation in English here. Unfortunately, the audio file is only available in German.

 

 

Der Podcast zum Nachlesen

 

Introstimme: In die Uni reingehört. Der Podcast zur Arbeitswelt an der OVGU.

Katharina Vorwerk: Herzlich willkommen zu einer neuen Podcastfolge „In die Uni reingehört.“ Mein Name ist Katharina Vorwerk, ich bin Pressesprecherin der Uni und möchte mich in dieser Ausgabe über einen besonderen Geburtstag unterhalten. Denn im kommenden Jahr wird die Uni 30 - kein Alter für uns Menschen. Wir haben mit 30 privat oder beruflich zwar schon erste Erfahrungen und Blessuren weg, können uns auch durchaus schon an gute alte Zeiten erinnern, würden aber vor allem eines: nämlich in die Zukunft blicken und planen. Und genau das wird sicher die Uni auch tun. Aber was für eine Uni sind wir? Und vor allem: Wer wollen wir sein? Das frage ich heute jemanden, der es wissen muss und begrüße meinen besonderen Studiogast, den Rektor der Uni Magdeburg. Guten Tag, Professor Strackeljan.

Prof. Jens Strackeljan: Guten Tag, Frau Vorwerk.

Katharina Vorwerk:: Ich hoffe, Sie sitzen bequem, genießen den Kaffee und eine kurze Pause zwischen den vielen Terminen heute und wir fangen mal gleich an und bleiben im Bild üblicher 30-Jahr-Feiern. Egal ob Schraubenfirma oder Hochschule – Jubiläen sind ja oft Anlass, reflexartig Logos zu gestalten, Feiern und Rückblicke zu organisieren; kurzum sich gegenseitig auf die Schultern zu klopfen, sich zu beglückwünschen. Machen wir das im nächsten Jahr genauso?

Prof. Jens Strackeljan:

Sie haben ja eben in der Eingangsmoderation die 30 Jahre und den Menschen ins Verhältnis gesetzt. Im Privaten ist das natürlich schon eine andere Geschichte. Wir sitzen hier im November, das Wetter ist ganz schön, aber wir planen etwas fürs kommende Jahr. Als Einrichtung braucht man das – privat, klar, gibt es auch große Geburtstage, da muss man auch ein bisschen Vorlauf haben oder einen Hochzeitstag. Aber im Großen und Ganzen geht man da schon anders ran. Man versucht dann natürlich ein Stück weit für die Einrichtung das zu denken, denn das soll ja dann auch ein Jubiläumsjahr für uns alle werden. Und es braucht trotzdem einen organisatorischen Rahmen. Und das stimmt, der beginnt dann ganz oft in den üblichen Prozessen. Das haben wir zum 20-Jährigen auch gemacht.

Dann gab es eben die beigestellte 20 neben dem neuen Logo der Otto-von-Guericke-Universität. Wir sind ja relativ spät dran. Es sind viele, viele Einrichtungen zwischen 1990- und 93 gegründet worden und ich habe in den vergangenen Monaten viele solcher Veranstaltungen besucht. Ob die Hochschulen, die außeruniversitären Forschungseinrichtungen, Verbände; und dann kriegt man schon ein bisschen auch ein Bild und weiß in diesem Format das noch mal zu machen, das wird vermutlich dann doch nicht das Richtige sein. Und letztlich sind wir dann auch kein kleines Unternehmen. Die machen dann das große Hoffest mit Kunden und der Belegschaft und dann ist das auch ganz toll. Das muss bei uns ein bisschen anders aussehen. Wir haben einen anderen Anspruch, wir hatten Zeit, uns das zu überlegen. Das ist jetzt keine Entscheidung, die durchs Rektorat irgendwie kommt, wie das genau abläuft. Wir sollten gemeinsam Freude haben an diesem Jahr und da müssen wir uns auch gemeinsam überlegen.

Katharina Vorwerk: Die Grundüberlegung ist ja - falls ich das korrekt verstanden habe - wir wollen das kommende Jahr eher dafür nutzen, uns gemäß unserem Leitspruch „Zusammen die Welt neu denken“ darüber zu verständigen, wo wir stehen, wer wir sind, wo wir hinwollen als Uni.

Prof. Jens Strackeljan:

Die Tradition dieser Otto-von-Guericke-Universität geht natürlich schon deutlich über die 30 Jahre hinaus. Also, wenn man sich mal selbst vergewissern möchte, inwieweit sind wir eigentlich noch in den Bereichen unterwegs, die mal bei der Gründung der verschiedenen Vorgängereinrichtungen eine Rolle gespielt haben, dann ist es auch gut, mal zurückzuschauen. Das ist grundsätzlich überhaupt nicht verkehrt. In jedem Fall – ob wir nun 70 Jahre zurückgehen oder wir schauen auf die 30 Jahre zurück – es ist eine junge Universität in allen Einrichtungen, die damals zur Gründung gekommen sind. Man hätte vor drei, vier Jahren möglicherweise über ein 30-Jähriges noch anders gedacht als heute, denn das haben wir jetzt gelernt in den vergangenen drei Jahren: Es gibt kaum wirklich ganz klare Gewissheiten, die man aus der Tradition ziehen kann, um zu sagen: Damit gestaltet man mit hoher Wahrscheinlichkeit auch eine für uns alle zufriedenstellende Zukunft.

Da ist so viel im Augenblick auf dem Prüfstein, aber eher vielleicht zu fragen, was haben wir denn in der Vergangenheit vielleicht auch nicht ganz so optimal gemacht, um zukunftsfest zu sein? Die Möglichkeit, die haben wir jetzt und so wollten wir das eigentlich auch gestalten.

Und wir haben nun eben unser Motto „Zusammen die Welt neu denken“, das passt ja ideal, weil: Die Welt muss ein Stück weit neu gedacht werden. Und das wollen wir aufgreifen in verschiedenen Formaten. Und dann hat es vor allem auch ein hohes Maß an Partizipation, also tatsächlich der Blick nach vorne.

Katharina Vorwerk: Sie sprachen eben schon oder nannten den Begriff Partizipation und sagten vor kurzem auf dem Empfang unserer Neuberufenen in der Festung Mark, dass wir neue Formate finden müssten, um hochschulintern in einen noch intensiveren Dialog und Austausch zu kommen. Warum ist denn eine breite Diskussion über unsere Zukunft überhaupt nötig? Reicht es nicht, wenn die Unileitung einfach was beschließt, wo es hingehen soll?

Prof. Jens Strackeljan: Ganz formal gibt es schon eine Rollenzuweisung, die das Hochschulgesetz der Hochschulleitung und auch den Gremien natürlich gibt. Und das ist auch gar nicht so schlecht, da erstmal rein zu gucken. Es gibt ja auch mal Konflikte und dann wird das auch rausgeholt. Also dagegen spricht auch überhaupt nichts. Also wir haben eine Governance, die lässt uns sehr viele Freiheitsgrade und ich glaube, es bringt uns allen nichts, wenn wir nur permanent darauf hinweisen „Pass mal auf, das war genau jetzt noch im Rahmen deiner Entscheidungsmöglichkeiten und das nicht.“ Denn auch diejenigen, die gewählt sind, ob nun in der Hochschulleitung oder in den Fakultätsräten oder in anderen Kommissionen oder die eben andere Ämter haben, wie im Bereich der Gleichstellung, die machen es ja für die gesamte Universität und in aller Regel nicht fürs eigene Ego oder weil sie ohnehin nichts anderes zu tun haben. Und von daher ist das eine immer wieder gestellte Frage, eigentlich jeden Tag: Wie schaffen wir es tatsächlich, dass wir sagen, das werden sie jetzt von mir erwarten können. Zum Glück ist diese Uni an dieser Stelle jetzt nicht ganz so politisch aufgestellt wie manche, ich meine nicht parteipolitisch, sondern von bestimmten Richtungen. Das ist auch ganz gut so. Also wie kriegen wir die Mitnahmen hin? Und ja, ich habe gestern in der kleinen Präsentation auf der zweiten Folie das schon dargestellt; genau unser Motto. Und das schaffen wir nur dann, wenn wir uns jeden Tag auch fragen: Ist das hier der richtige Weg? Und nicht irgendwie den Kopf in den Sand stecken und sagen „Na ja, da gibt es jetzt hier irgendwie Leitungen auf der Fachbereichsebene oder im Rektorat, die machen das schon irgendwie, aber die machen es auch nicht so unbedingt, wie ich mir das vorstelle. Aber sind auch ziemlich unerreichbar.“ Vielleicht hat man ab und zu mal das Glück, die Hochschulleitung oder den Rektor auf dem Hof zu treffen. Dann kann man uns immer ansprechen, aber ansonsten läuft das parallel. Das darf nicht sein. Und deshalb die Frage: Was sind denn geeignete Formate? Ja, Podcast ist ja auch ein Stück weit mal ein Versuch, was rüberzubringen. Da kommt man nicht in den Dialog, aber man hört vielleicht Dinge und sagt: „Was erzählt der da? Das möchte ich jetzt mal wissen.“ Ich glaube, wir haben aber auch im Digitalen noch viel mehr Möglichkeiten.

Katharina Vorwerk: Nun ist ja Konsens finden und alle mitnehmen an einer Gremienuni, wie unsere eine ist, das Tagesgeschäft und Sie sind inzwischen sicher sehr trainiert und konditioniert darin, ständig wechselnde Mehrheiten zu organisieren. Aber gibt es auch Momente, in denen Sie diese doch kräftezehrenden Abstimmungsprozesse und alle mitnehmen und dreimal kommunizieren, eher nerven, um es mal salopp auszudrücken.

Prof. Jens Strackeljan: Es hat sich so in der Governance der deutschen Universitäten in den vergangenen Jahren schon eine ganze Menge geändert. Es musste sich auch was ändern, denn wir haben am Ende einen Vertrag mit dem Land und damit auch im Kern mit der Gesellschaft. Es gibt gewisse Zielstellungen, die an uns herangetragen werden, und wir verpflichten uns auch, bestimmte Dinge zu erfüllen und planen das zumindest. Und dagegen steht eine Stabilität im Budget, und das ist in Zeiten, wie wir sie momentan sehen, auch gar nicht so schlecht. Darüber, dass es diese Verbindlichkeit zumindest mal immer über Perioden von vier Jahren gibt, sind wir froh. Und von daher muss man dann auch werben um bestimmte Mehrheiten und auch mal Dinge festlegen, für die man hinterher dann auch noch mal die Bestätigung braucht, dass das jetzt ein Handeln in eine entsprechende Richtung war. Also ich find‘s nicht nervig, entspricht ja der Governance, die eine Universität hat. Aber ich finde bei den zentralen Fragen wie dem Haushalt sind wir sehr dialogorientiert über die Gremien, auch Herr Weiß und Herr Wadzack. Aber ich komme immer aus dem Gespräch mit dem Kanzler, dass die nächste Haushaltsaufstellung eine Herausforderung wird und da sind wir an dem Punkt, dass wir jetzt wirklich mal mit den Dekanen und Dekaninnen sprechen wollen. Wo liegen die Schwerpunkte? Immer mehr aufs Budget der Fakultäten kann es nicht geben. Und das ist dann auch ein Stück weit vorgelagert, in einer kleinen Klausur vielleicht, mal abzuklopfen, wo die Schmerzgrenzen liegen, wo die Uni bereit ist, mitzugehen? Das ist dann auch ein demokratischer Prozess. Also wir machen nicht so wahnsinnig viel Hinterzimmerpolitik hier an der Uni.

Katharina Vorwerk: Kommen wir mal auf konkrete Kennzahlen und Vorhaben zu sprechen. Wir sind im Moment bei gut 13.000 Studierenden. Der Anteil in den profilgebenden ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen fällt, ist ja ein bundesweiter Trend. Die Zahl internationaler Studierender steigt und liegt aktuell bei, ich glaube rund 30 Prozent. Wo soll es denn beim Thema Studierende hingehen?

Prof. Jens Strackeljan: Ja, die Zahl sollte wieder wachsen. Wir hatten ja mal gut 14.000, das ist jetzt mal für uns eine Kennzahl. Es gibt dann also 14.000 Menschen, die auf dem Campus arbeiten, sich aufhalten, ihn beleben. Ob die in Weiterbildungsprogrammen tätig sind, ob es eingeschriebene Doktorandinnen und Doktoranden sind, das ist dann erst mal egal. Und da gibt's noch eine andere Kennzahl, die ist für uns vom Budget her sehr wichtig. Das sind die mit dem Land vereinbarten gut 8.000 Studierenden in der Regelstudienzeit. Da steckt einfach die Idee dahinter, dass jeder Studierende einmal abgerechnet wird in der Vorlesung, im Seminar. Kann eine Prüfung mal nicht klappen, dann wird die wiederholt. Das ist eingepreist. Aber so in etwa ist die Währung. Und dann gibt es personalbezogene Studienplätze. Also wir haben Studienplätze und dann kann man ja über die Lehrverpflichtung ausrechnen, welches Personal dahinter steckt. Und dafür gibt es Geld, da spielt die Forschung erst mal keine große Rolle. Und wenn wir da unter diese Grenze fallen und wir sind jetzt schon leicht unterhalb dieser gut 8.000 Studierenden, dann besteht zumindest die Möglichkeit, dass im Land jemand fragt: „Müsste nicht jetzt auch mal das Budget angepasst werden?“ Aber das können wir überhaupt nicht vertragen, wir sind jetzt schon schwer am Kämpfen. Ich glaube ich auch nicht, dass das passieren wird. Aber es könnte eventuell sein, dass einer sagt: „Mensch, wenn ihr die Zahlen schon nicht haltet… Ihr habt aber gleichzeitig berechtigte Forderungen im Bereich Energie…“ Die Digitalisierung ist noch längst nicht an dem Stand, wo es sein müsste und wir sind auch nicht in der Lage, das aus unserem Grundbudget zu stemmen. Da braucht es additive Mittel. „Ja, dann nutzt doch einfach das, was ihr weniger kriegen solltet, aber verlangt jetzt nicht vom Landtag mehr Mittel.“ Also das ist so ein bisschen eine Sorge, die uns alle umtreiben sollte. Der Druck in den Nach-Corona-Haushalten wächst, die Zinsen steigen, das Land hat auch zunehmende Pensionslasten und so weiter, also doch einen deutlichen Druck in den Haushalten der nächsten Jahre.

Katharina Vorwerk: Jetzt haben wir schon fast 30 Prozent internationale Studierende. Sollten wir das noch steigern? Das wäre ja kompensatorisch eine ganz smarte Idee.

Prof. Jens Strackeljan: Das haben wir in den vergangenen Jahren auch ganz intensiv gemacht. Wir haben im Rektorat festgelegt, dass wir die 30 Prozent - und in Kürze sind das knapp 4.000 Studierende – dann steigern können, wenn wir tatsächlich mehr tun und nicht nur irgendeine Integration, sondern den Schritt auch gehen hin zu einer tatsächlichen Betreuung, einer Inklusion in dem Sinne, dass sie dann tatsächlich auf dem Campus mitgenommen werden und das ist eben auch aufwendiger. Viele der Internationals sprechen kein Deutsch, wir müssen dann deutlich mehr im Bereich Spracheangebote tun. Wir wollen, dass sie dann hier auf dem Campus und in der Stadt auch Teilhabe am kulturellen, am gesellschaftlichen Leben sehen, da müssen wir was tun. Und am Ende wollen wir natürlich auch, dass ein Job in der Region eine echte Option ist. Und das bedeutet, wenn man jetzt mal Intel ausblendet und diese internationalen Unternehmen, dass dann die deutschen Sprachkenntnisse schon wichtig sind. Also, wir müssen mehr tun, dann sind die 4.000 internationalen Studierenden nicht irgendwie eine Schallmauer, die man nicht durchbrechen kann, weil es dann knallt. Dann knallt es eben nicht, sondern es geht ganz vernünftig miteinander. Wir wollen die Diversität bezüglich der Herkunftsländer verändern und wir wollen vor allem - das ist ein sehr, sehr sportliches Ziel - auf 15 Prozent, also in dem Anteil der 30 Prozent Internationaler, kommen, die aus Europa oder der EU sind. Das ist schon eine Herausforderung, das passiert nicht von selbst.

Katharina Vorwerk: Ist der Stellenwert der Lehre an einer Uni schon dort, wo er hinsoll?

Prof. Jens Strackeljan:

Die Lehre ist transparenter geworden in Corona-Zeiten, weil man in Online-oder hybriden Formaten mal reingucken konnte in die Hörsäle, sonst waren sie ja eigentlich überwiegend zu. Wenn da mal einer reinkam, der nicht zur Gruppe gehörte, dann hat man ihn auch nicht reingelassen. Das hat sich verändert und damit sind Dinge vergleichbar geworden. Und ich kann mir schon mal überlegen: Sind denn die Formate noch passend? Für jemanden, der in einem Bachelor kommt, ist das jetzt mal ein ganz entscheidender Faktor, der hat gar nicht gleich die Wünsche „Da kann ich promovieren“, sondern das muss für ihn ein Studienprogramm sein, in dem überhaupt Wert auf Lehre gelegt wird, in dem die Betreuung auch passt, in dem er oder sie wahrgenommen und ernstgenommen wird und in dem nicht die Konserve zum 25. Mal gezogen wird. „Gucken Sie sich das mal hier an, da habe ich Ihnen mal eine ganz nette Vorlesung versprochen“,das reicht nicht mehr aus. Vor allem im schärfer werdenden Wettbewerb, gerade in den in den MINT-Bereichen, in einem großen Feld an Mitbettbewerbern. Wenn man jetzt mal von West nach Ost geht und über Hannover startet oder von Hannover über Braunschweig, haben viele Hochschulen Studierende gewonnen im östlichen Niedersachsen. Die Braunschweiger sagen aber: Ganz so einfach ist es nicht mehr. Eine Beilage in der Braunschweiger Zeitung am Wochenende auf vier Seiten - das haben wir alles gehabt und das haben die Braunschweiger vor einigen Jahren auch toleriert. Das war gar kein Problem, rund um Gifhorn und Helmstedt gab es genügend Studieninteressierte. Die Zeiten sind aber vorbei. Und es geht Richtung Osten dann weiter mit Universitäten, die genauso werben, auch mit innovativen Ideen in der Lehre. Also, die Lehre braucht an der OVGU einen hohen Stellenwert, sozusagen noch einen höheren. Und sie braucht vor allem eine Veränderung und das ist eben die internationale Komponente.

Dafür wirken wir in Netzwerken mit - EU Green zum Beispiel. Wir brauchen Mobilitätsfenster. Denn, die Studentin aus Parma wird nicht sagen: „Ich lerne jetzt erst mal ein halbes Jahr Deutsch oder ein Jahr und dann gehe ich nach Magdeburg.“ Im Rahmen dieses Netzwerkes EU Green gibt es darum die Idee einer gemeinsamen Universität, um da viel schneller solche Dinge zu machen. „Ich studiere einfach die nächsten zwei Monate in Magdeburg, kriege das anerkannt und beende möglicherweise diesen Kurs wieder ein Parma“, das ist die Idee, die dahintersteckt.

Dann wird die Sprache einfach auch ein stückweit Treiber in den Lehrformaten, weil wir mehr englische Angebote brauchen, praktisch über die allermeisten Semester. Sprache stellt aber auch die Öffnung dar, wenn die Studentin weiß: „Ich komme in einem Monat nach Magdeburg und habe die Möglichkeit, hybrid schon jetzt an einer solchen Veranstaltung teilzunehmen“, dann sollten wir das unbedingt öffnen. Also von daher ist auch da der Druck, Lehre anders zu gestalten.

Katharina Vorwerk: Kommen wir von der Lehre mal zur Forschung. Wir gehören ja zu den drittmittelstärkeren Universitäten, wage ich jetzt hier mal zu behaupten. Nun wollen wir uns aber fest entschlossen und mutig auf den Weg zur Exzellenz-Uni machen. Zwei Forschungsvorhaben gehen dabei ins Rennen. Könnten Sie die ganz kurz beschreiben und sagen, wie Sie die Chancen sehen?

Prof. Jens Strackeljan:

Es gibt jetzt zwei Initiativen der OVGU in diese Richtung, die auch gefördert werden vom Land. Dafür sind wir sehr dankbar. Und das auch - das hat der Wissenschaftsminister neulich auch dargestellt - nicht nur bis zum Frühjahr ‘23, also bis zur Abgabe unserer Skizzen. Das ist ja ein längerer Wettbewerbsprozess, in dem erst mal die Skizze abgegeben wird, dann bekommt man in einem Jahr - also bis Frühjahr ´24 - eine Nachricht, ob man einen Vollantrag stellen darf oder ob es nicht gereicht hat. Es wäre schon die Zielstellung, dass wir mit einer unserer Ideen zumindest zum Vollantrag kommen. Eine Initiative kommt aus unserem neurowissenschaftlichen Schwerpunkt, dem CBBS. Die haben die spannende Idee, kognitive Vitalität umfassender aufzugreifen als jetzt nur durch Bildgebung und den ganzen Körper auch betrachten. Ein bisschen Werkstatt-Charakter da mitreinbringen, der ein bisschen an das Bauhaus erinnert. Das ist eine nette Story, die man begleitend mit erzählen kann. Aber man braucht natürlich eine richtig gute Forschungsfrage, die ist in der Basis da und die wird jetzt noch geschärft in den nächsten Wochen.

Die zweite Initiative kommt aus den Dynamischen Systemen und den dort vorhandenen Projekten im CDS und dem Max-Planck-Institut im Bereich der chemischen Prozesse. Da geht es mehr in Richtung Kreislaufwirtschaft, also die Frage, wie wir weniger Energie für bestimmte Aufgaben verbrauchen, mit anderen und weniger Materialien auskommen können. Ich habe neulich mal bei einem Vortrag gehört, dass ein modernes Smartphone aus 70 Elementen des Periodensystems besteht, das ist wahnsinnig viel. Wir haben bisher nie drauf geachtet, ob, wenn wir ein bisschen mehr Funktionalität haben wollten, wir damit Ressourcen aufgreifen, die vielleicht auf dieser Welt schlecht verteilt sind. Eins wissen wir aber ganz genau: In Deutschland ist so gut wie gar nichts davon vorhanden. Da sind also große Abhängigkeiten, die wir jetzt kritisieren und sagen: Das muss sich ändern. In diese Richtung geht es bei dem Forschungsansatz, also Funktionalität aufrechterhalten – denn wir wollen uns da nicht in die Steinzeit zurück katapultieren, sondern wir wollen ähnliche Dinge erreichen, vielleicht sogar mehr - aber mit anderen Ressourcen, schonender und in dieser Richtung vorangehen. Das wird SmartProSys aufgreifen, also smarter umgehen mit Prozessen in der chemischen Industrie.

Katharina Vorwerk: Dann heißt die Devise in puncto Forschung jetzt an der OVGU: Alle Gewehre aufs Rathaus! Bedeutet die Teilnahme an der Exzellenzinitiative aber, dass anderen Forschungsvorhaben gegebenenfalls weniger Ressourcen zur Verfügung stehen?

Prof. Jens Strackeljan: Um Ihre Frage zu beantworten: Es muss mehr passieren, als nur am Rand zu stehen und denen die Daumen zu drücken. Und die Hochschulleitung muss schon ein bisschen mehr tun als nur dafür zu sorgen, dass das Land die Mittel zur Verfügung stellt. Das kann eine finanzielle Unterstützung sein, manchmal sind es aber auch strukturelle Fragen, die kommen. Wir haben uns zum Beispiel verpflichtet, dass die Qualifikationsstellen, die jetzt geschaffen werden, dann auch nach Ablauf oder einem Rückgang der Landesförderung zumindest zu Ende geführt werden. Da stehen wir dann alle insgesamt ein Stück weit in der Bürgschaft. Das sind so Dinge, die man im Augenblick leisten kann. Von daher: Ja, es gibt eine gewisse Fokussierung. Aber wir hatten auch immer gesagt, dass diejenigen, die mit guten Ideen kommen, wo aber der Sprung in Richtung Exzellenz – wofür man dafür 25 hervorragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler braucht – schwierig ist, weil die kleiner sind, aber trotzdem richtig gute Sachen machen, dass die im Bereich der Profibereichserweiterung auch eine Chance haben. Und wir bemühen uns im Augenblick wirklich, dann auch aus den Strukturfonds Projekte aufzusetzen, dass die auch ein sichtbares Signal bekommen: Ja, wir sind hier nicht alleingelassen. Klar, im Augenblick sind die beiden Initiativen die beiden Leuchttürme. Aber es gibt auch ein paar Steine, die dazu dienen, an anderer Stelle auf einem guten Fundament auf etwas zu bauen.

Katharina Vorwerk: Jetzt haben wir Forschung und Lehre uns kurz angesehen. Jetzt ist ja die dritte große Säule der Uni die so genannte Dritte Mission. Die Uni organisiert Transfermessen, Wissenschaftsnächte, knüpft unermüdlich Netzwerke mit Partnern aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft. Sind wir da schon dort, wo wir hinwollen oder hinmüssen?

Prof. Jens Strackeljan:

Auch da ändern sich die Randbedingungen. Manche Punkte, die Sie gerade nannten, die würde ich gar nicht unbedingt alleine in die Dritte Mission ziehen. Wenn wir unsere Türen öffnen, dann hat das den Aspekt, dass wir natürlich der Gesellschaft, dem Steuerzahler sagen: Das finanziert ihr und das hat auch einen Wert. Diese Kommunikation muss es auch geben. Aber es ist natürlich zum Teil auch einfach das Öffnen der Türen, um neugierig zu machen, damit zukünftig auch ausreichend Studierende zu uns kommen. Also in Richtung Berufsorientierung, Studienorientierung. Da was zu machen, ist auch ein wichtiger Punkt. Ich glaube, wir nutzen in einer älter werdenden Gesellschaft, die ja zum Großteil zum Glück sehr fit älter wird, die Kompetenzen gar nicht aus. Ich bin ja selbst auch jetzt schon mit Alter von 60 an dem Punkt, wo man überlegt, in fünf, sechs Jahren wäre man dann ja schon in einem Alter, wo man ausscheiden könnte. Und dann bleiben da Ehrenämter. Das ist für mich im Augenblick gar nicht vorstellbar. Wie bringt man das aber ein in eine gewisse Systematik, die über das Konsumieren in einem Studienprogramm Studieren ab 50 hinausgeht? Da sind wir ja sogar noch weit über zehn Jahre unter dem Renteneintrittsalter. Wie können wir tatsächlich die Ressourcen nutzen, die ungeheuren Kompetenzen, die da sind, in einem ganzen Berufsleben aufgebaut wurden und uns fachlich eine ganze Menge geben können? Da sind Bürger, die Wissenschaft betreiben könnten, die man einbeziehen könnte. Wir arbeiten unglaublich viel mit unseren Smartphones oder mit anderen Devices, die eingesetzt werden könnten. Wenn ich allein an Post- und Long Covid denke, ist das ein Riesenthema, wo viele Daten gar nicht da sind.

Übrigens, bei der vorhin angesprochenen neurowissenschaftlichen Forschungsinitiative „Cognitive Vitality“ wollen wir so etwas auch aktiv mit nutzen und mal in größerem Stil Daten abgleichen. KI lebt davon, dass wir große Datenbestände zusammentragen, aber das nicht immer nur in organisierten Studien mit 20 Probanden, sondern in denen viele Bürgerinnen und Bürger mitmachen. An diesen Stellen kann Third Mission noch deutlich erweitert werden. Und da sollten wir uns auch weiter auf den Weg machen.

Ich glaube, insgesamt wir sind hier in der Stadt schon gut verortet. Ich freue mich riesig, dass wir den Zuschlag bekommen haben, jetzt im Rahmen der so genannten T-Raum-Ausschreibung und, dass dieser Wissenschaftshafen jetzt mal abseits der Dinge, die technisch da passieren, so in den Fokus genommen wird und wir wirklich gucken: Können wir ein Stück weit ein Quartier entwickeln aus einem richtig guten wissenschaftlichen Kern, wo Start-ups sich ansiedeln. Und ich habe das vor vielen, vielen Jahren mir in Aachen mal angeschaut und wir sind jetzt an dem Punkt, wo wir das für einen kleinen Teil sehr spezifisch auch mal probieren können. Und das gehört für mich zu Third Mission dazu.

Katharina Vorwerk: Ein zentrales Vorhaben - das hatten Sie vorhin schon kurz angesprochen - für die kommenden Jahre ist ja EU Green. Gemeinsam mit, ich glaube aktuell neun anderen Unis und Hochschulen wollen wir einen europäischen Campus, eine europäische Hochschule schaffen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Strukturen und Prozesse der einzelnen Einrichtungen in Teilen synchronisiert werden müssen in einer gewissen Art und Weise. Was bedeutet das denn konkret für die Angehörigen hier an der OVGU? Kommen da Veränderungen auf uns alle zu, wird es unruhig werden im positiven Sinne natürlich?

Prof. Jens Strackeljan:

Im positiven Sinne, ja! Erstmal wird es sicherlich eines: Wir bleiben agil und das müssen wir auch, das greift ja auch das auf, was wir vorhin hatten. Wir finden für EU Green und dieses Zusammenwirken auf allen Ebenen bis zur Verwaltung keine Antworten in unserem Agieren der letzten 30 Jahre. Das ist jetzt ein Punkt, zu sagen: Wir müssen hier einfach nach vorne schauen. Diese europäischen Universitätsallianzen sind skalierbar und die großen ersten Anträge wurden natürlich gestellt. Das war die TU in Berlin, die Uni Heidelberg und so weiter. Wenn man sich die anguckt in ihren Verbünden, da kommen die ja im Traum nicht auf die Idee zu sagen: „Wir gehen jetzt auf in einer europäischen Universität und dann gibt es die Uni Heidelberg nicht mehr.“

Es gibt aber auch kleinere, die für sich berechtigte Zukunftsängste haben und sagen: „Was soll denn eigentlich unsere Rolle sein? Wir sind doch viel zu klein, um tatsächlich auch nur einen Teil einer Antwort Europas auf einen deutlich stärkeren Wettbewerb im Forschungsbereich weltweit zu geben.“ Und diese kleineren Einrichtungen haben Ideen, wie sie sich einbringen wollen, können sich auch vorstellen, dass sie aufgehen in einer europäischen Universität und das auch mal durchdeklinieren, was das bedeutet an rechtlichen Fragestellungen.

Ich glaube auch, dass die Otto-von-Guericke-Universität erst mal eine aktive Position einnehmen kann, in der sie solche Prozesse einmal beobachtet. Und das haben wir uns jetzt auch vorgenommen für EU Green. Ende Januar findet ein Kick-off in Spanien statt und dann schauen wir mal, ob wir die passende Governance-Struktur haben? Die ist jetzt so ein bisschen am grünen Tisch erstellt worden. Reicht die eigentlich und reichen dann die Kräfte auch innerhalb der Uni? Wir kriegen ja auch noch Begleitförderung vom DAAD, also zwei Stellen, die dann geschaffen werden. Sind die wirkmächtig genug, um diese Veränderung innerhalb der Uni zu bringen, die nötige Unruhe zu erzeugen? Ich kann Ihnen auf jeden Fall sagen, dass ich das maximal unterstütze und, dass wir an der Stelle vielleicht auch überlegen, ob wir nicht im Zuschnitt der Prorektorate diesen Teil des Internationalen - vielleicht auch gekoppelt mit Diversity - nochmal ein bisschen in den Fokus nehmen. Es ist eine Querschnittsaufgabe in Lehre, Forschung, Infrastruktur und Planung und es betrifft uns alle! Wir haben es auf jeden Fall im Kopf. Ich denke eigentlich sehr europäisch und an unsere Partner in der ganzen Welt. Und deshalb ist es schade, wenn bestimmte Ideen zu lange brauchen, um in die Umsetzung zu kommen. Und dieser Internationalisierungsprozess, der nimmt jetzt mit EU Green einfach auch nocheinmal Fahrt auf.

Katharina Vorwerk: Der Erfolg solcher Vorhaben, wie wir eben auch schon besprochen haben mit EU Green, beruht ja an unserer Uni in besonderer Weise auf dem gemeinschaftlichen Engagement vieler Köpfe. Wie bewerten Sie denn unsere „Unternehmenskultur“ oder neudeutsch formuliert Corporate Identity? Gibt es denn eingeschliffene Gewohnheiten oder Prozesse oder Trägheiten im Umgang miteinander, die sie wirklich nerven oder besser gesagt, die sie gern verändern würden?

Prof. Jens Strackeljan: Wenn ich jetzt sage, die gibt es und die nerven mich, dann würden vermutlich diejenigen sagen: „Na ja, und ein Stück weit bist du vielleicht auch die Nervensäge“ - und das will ich auch gar nicht wegwischen. Wir haben in diesem Jahr auch mal ein paar Veranstaltungen gehabt, wo so ein Spirit spürbar war, wo wir auch gut im Austausch standen. Aber das ist zu wenig! Wir haben vorhin ja auch über die Formate gesprochen: Wie kann man Austausch und Dialog institutionalisieren? Das ist nicht einfach, aber wir müssen mehr machen. Da waren natürlich die vergangenen zweieinhalb Jahre nicht einfach. Wenn man unterstellt, dass es ohnehin einen Trend gab, der diesen Spirit nicht unbedingt ausbaut und das auch vielleicht gar nicht ganz so einfach ist, dann haben die vergangenen Jahre vieles offengelegt - jetzt gar nicht mal alleine mit Blick als Otto-von-Guericke-Universität, als Arbeitgeber oder als Einrichtung, als Organismus, der sich noch mal abhebt von anderen, vielen anderen Unternehmen. Wie das so insgesamt mit diesem Begriff „Great Resignation“ umschrieben wird, gibt es auch eine höhere Fluktuation. Also Personen, die sagen: „Mensch, jetzt ist mir mal der Spiegel vorgehalten worden und irgendetwas muss sich verändern, das ist gar nicht ganz klar, was es ist. Aber da ich nun 8 bis 9 Stunden irgendwie, vielleicht mit Fahrt noch länger mit dem Job beschäftigt bin, könnte es auch dieser sein.“ Das hat zu einem Wechsel an Beschäftigungsverhältnissen geführt. Wir merken es, denn an vielen Stellen fehlt uns eigentlich das Personal und es wäre naiv zu glauben, dass Veränderungsgedanen nicht bei dem einen oder der anderen an der Uni da wäre. Die Gewissheit eines sicheren Arbeitsplatzes und dann läuft der Rest schon von selbst, das funktioniert nicht mehr. Da gibt es natürlich auch diese kritische Ebene dazwischen, wo man eigentlich in dem Prozess ist, aber vielleicht noch keine Alternative hat, wohin es gehen soll und dann eher sagt: „Na ja, das reicht jetzt für die Uni….“ Nein, das reicht eben in diesen Zeiten nicht! Auch nicht in dem, was wir eigentlich planen wollen, nämlich, wie wollen wir uns weiterentwickeln? Und ich glaube, da müssen wir noch mal ein paar Potenziale wecken.

Katharina Vorwerk: Aber im Prinzip entnehme ich Ihren Worten, dass eine doch immer noch im humboldtschen Sinne aufgestellte Universität wie unsere in diesen Zeiten großer gesellschaftlicher Transformation nicht auf dem Prüfstein steht. Oder anders gefragt: Unsere Strukturen und Prozesse sind durchaus noch angemessen und passen dazu, die Herausforderungen, die vor uns stehen, irgendwie anzupacken. Wir brauchen also nicht für die nächsten 30 Jahre eine neue Uni.

Prof. Jens Strackeljan: Nee, und das ist übrigens auch Ergebnis der vergangenen 30 Jahre und auch der Erfolge, die da waren. Also diese Dinge, die kriegt man ja auch nicht durch das Definieren einer neuen Entwicklungsplanung umgesetzt. Dann muss man schon überlegen: Was ist denn für uns auch realistisch? Damit meine ich gar nicht das Vermögen, einen Drittmittelantrag zu stellen. Da diese Anträge aber interdisziplinär sind, inwieweit haben wir eigentlich die Fähigkeit, über Fakultätsgrenzen tatsächlich auch etwas zu machen, wenn wir die Fakultäten in der Struktur nicht verändern wollen? Funktioniert das im Miteinander? Wo sind eventuell Hemmnisse? Wir haben jetzt mit dem Ressourcen-Modell sehr viel Leistungskriterien abgebildet, die das Budget einer Fakultät mit beeinflussen. Manchmal bekommen wir als Argument, dass ein neues Studienprogramm, was vielleicht fakultätsübergreifend gestaltet werden soll, ja gar keinen richtigen Sinn macht, weil eher die andere Fakultät Profiteur davon ist. Eigentlich sind das Debatten, die wir gar nicht führen sollten. Und das sind Dinge, wo wir aus der Vergangenheit eventuell lernen können, um zu sagen: Wir brauchen einfach ein paar andere Mechanismen. Ich glaube, die Stellschrauben haben wir, wir haben auch die Ideen. Wir müssen dann nur sagen: Das ist Aufgabe einer Entwicklungsplanung und der Plan umfasst eine Festlegung: Wo stehen wir in drei Jahren und in fünf Jahren? Und wenn wir uns da permanent vertun, weil wir uns überschätzen in den Möglichkeiten, die wir haben, um zusammenzuarbeiten oder auch, weil wir das unterschätzen, dann kann so eine Planung nicht gelingen. Und das, glaube ich, hat diese Uni relativ gut verinnerlicht, das wissen wir auch in den Gremien und das prägt auch die Senatssitzung. Wir haben schon ein recht gutes Gefühl dafür, an welchen Stellen wir weiterkommen und insgesamt ein großes Verständnis untereinander, das ist eine gute Basis.

Katharina Vorwerk: Taugt die gute Basis auch, um gemeinsam die Herausforderungen anzupacken, die - sollte der Plan aufgehen - mit der Ansiedlung von Intel auf uns zukommen? Also bisher reden wir davon: Es gibt einen neuen Masterstudiengang. Der Reinraum wird aus seinem Basisbetrieb wieder hochgefahren und Mikrotechnologen werden wieder auf dem Campus ausgebildet. Sie hörten die Frage in den letzten Monaten ja des Öfteren, aber ich will Sie an dieser Stelle trotzdem noch einmal stellen: Werden wir im 30. Jahr unseres Bestehens zur Intel Uni?

Prof. Jens Strackeljan: Nein, und ich habe auch immer zum Ausdruck gebracht, dass wir das auf keinen Fall wollen. Aber die Impulse, die sich aus der Ansiedlung ergeben, die können wir sinnvoll nutzen. Wir sind regional ziemlich stark verankert, machen deutlich mehr im Forschungsbereich und EU Green ist ja auch Beispiel dafür, dass wir uns durchaus auf europäischem Niveau in Netzwerke einbringen können. Aber die Erwartungshaltung an das, was bei uns aus Forschung, aus Transfer herauskommt, auch für die Region, ist da. Und von daher kann man doch einen Gamechanger wie Intel hier für den Standort nicht ignorieren. Das hat dann eben Auswirkungen auf die Studienprogramme, weil Intel roundabout 3.000 Beschäftigte zum Start hat, ein Anteil von 25 Prozent akademisch ausgebildet. Das kann man mal einordnen in die Zahlen unserer Absolventinnen und Absolventen, da müssen wir einen Beitrag leisten. Ich fände es auch unangemessen, jetzt nach der Standortentscheidung - und die Otto-von-Guericke-Universität und die Hochschullandschaft in Sachsen-Anhalt hat einen kleinen Beitrag dazu geleistet, vor allem die vielen internationalen - uns jetzt aus dieser Verantwortung, dieser Aufgabe zu entziehen.

Katharina Vorwerk: Gibt es darüber hinaus für das kommende Jahr - mit sicher noch relativ schwierigen oder nicht einfach werdenden Rahmenbedingungen - besondere Erwartungen oder Forderungen oder Erwartungen der Uni insbesondere an die Landespolitik?

Prof. Jens Strackeljan:

Wir haben ja in den vergangenen Jahren in der Grundfinanzierung zwei wesentliche Finanzierungskomponenten gehabt, neben den Drittmitteln. Das war die Grundzuführung vom Land, das sind etwa 100 Millionen. Und wir hatten natürlich in den vergangenen Jahren durch den Hochschulpakt auch noch mal so 8 bis 10 Millionen. Das war toll, aber diese Finanzierung läuft nun aus. Und der Nachfolgevertrag, der Zukunftsvertrag Studium und Lehre, der schleicht sich so langsam ein, ist aber an andere Parameter geknüpft. Dazu kommt jetzt die Zeit, in der wir insgesamt nach Corona auch nicht ganz genau wissen, wo sind eigentlich die Abiturienten geblieben? Die Studierendenzahlen wachsen nicht mehr so, wie das erwartet war und gleichzeitig gibt es einen Trend gegen Fächer wie Maschinenbau und Elektrotechnik. Dazu gibt es auch Studien, die das ziemlich klar zeigen. Das ist nicht Magdeburg-spezifisch, sondern trifft auch größere Standorte. Der Aufwuchs wird also nicht ganz so schnell kommen. Deshalb werden wir nicht in der Lage sein, diese 8 bis 10 Millionen Euro in gleicher Form aus dem Zukunftsvertrag wie vorher aus dem Hochschulpakt zu gewinnen. Wir haben Studienprogramme zum Teil ausgebaut, Lehrpersonal ist bezahlt worden und das braucht jetzt ein stückweit internen Umbau und Anschließen an die Zahlen, die wir hatten.

Deshalb ist eben auch dieser Intel-Effekt so wichtig, denn vor der gleichen Frage stehen natürlich auch andere Universitäten mit unserem Profil, die diesen Impuls für sich nicht haben und überlegen, wie sie die Zukunft eigentlich gestalten? Also von daher ist es mit Intel für uns erst mal auch eine ziemliche Chance.

Auf Bundesebene gibt es jetzt das Zugeständnis oder die wirkliche Zusage einer Dynamisierung, also die zugesagten Beträge werden wachsen. Viele dieser Euro gehen in Personalkosten und wir werden in den nächsten Jahren sicherlich Tarifsteigerungen sehen und da ist das die Summe, die einmal vor fünf Jahren vereinbart wurde, eben in fünf Jahren oder in zehn Jahren dann deutlich weniger wert. Das war der Bundesblick. Mit Blick aufs Land ist der Wunsch, dass die steigenden Energiekosten - und sie werden ja dauerhaft deutlich oberhalb von dem liegen, was wir bis 2021/22 gesehen haben - dessen Teil davon übernommen wird. Und ansonsten ist es so, dass sich das Land an die Vereinbarung hält, die Zielvereinbarungen nicht antastet. Es gibt Bundesländer, in denen das der Fall ist. Und ich bin richtig froh, dass wir keine feste Vereinbarung getroffen haben, wie in manchen Bundesländern, in denen Tarifsteigerungen und inflationsbedingte Steigerungen in einem festen Wert verankert sind und man hat dann eben 2 oder 3 Prozent. Es kam auch schon vom Finanzminister, der mir das angeboten hat und sagt: „Das wäre doch super, das kann gut gehen. Und es kann eben Zeiten geben wie die, in denen wir im Augenblick sind. Aber wir haben natürlich auch nie uns vorstellen können vor fünf, sechs Jahren, mal über eine Inflation im hohen einstelligen Bereich zu reden. Jetzt haben wir die Situation. Aber immerhin mit 1 Prozent Inflationsausgleich haben wir auch da eine kleine Komponente und ich bin ziemlich sicher, dass man mit dem Land darüber sprechen kann, dass man das auch anpasst. Das wären so die Wünsche, die wir ans Land hätten. Also, gebt uns die vereinbarten Garantien auch wirklich, steht dazu. Und ansonsten müssen wir uns nichts vormachen, die Haushalte hier auch in Sachsen-Anhalt - das gilt aber auch für andere Flächenländer, in Thüringen habe ich ein bisschen einen Einblick - die werden in den nächsten Jahren ganz schön unter Druck kommen. Dieses Land hat Schulden. Die Schulden werden immer mal wieder, wenn die Verträge auslaufen, zu anderen Bedingungen nachverhandelt werden müssen. Und die Zeiten der niedrigen Zinsen sind vorbei. Das heißt, das Land wird ganz andere Summen aufbringen müssen für die Zinszahlung. Da reden wir ganz schnell mal über eine Steigerung, die dem Haushalt der Martin-Luther-Universität und der Otto-von-Guericke-Universität in Summe entspricht.

Katharina Vorwerk: Wir haben ja schließlich auch Geburtstag. Und zum Geburtstag könnte man sich ja das eine oder andere auch zumindest wünschen…...Aber mit Blick auf die Geburtstagsfeier würde ich zusammenfassen: Wir wollen also das kommende Jahr gemeinsam nach vorne blicken, uns gegenseitig inspirieren und motivieren für die Zukunft. Das klingt erst mal nach einem guten Plan, aber das klingt auch nach ganz viel Arbeit. Was gibt Ihnen die Gewissheit, dass wir das als Uni gemeinsam schaffen?

Prof. Jens Strackeljan:

Weil wir Viele sind und auch viele Gute. Und dann ist es eher eine Frage der Verteilung. Es kann nicht die Idee sein, dass sich eine Person hinsetzt und jetzt sagt: So, ich schreibe jetzt eine Internationalisierungsstrategie. Wir haben ja ein bisschen was gelernt nach dem Wissenschaftsratsgutachten 2012/13 und in Arbeitsgruppen einiges erreicht. Ich weiß auch, wo dann Grenzen liegen und damals war es ja auch ein unglaublicher Abwehrkampf, der zu führen war: Die ganze Fakultät für Humanwissenschaft stand ja irgendwie auf der Kippe, zumindest war das die Empfehlung. Das haben wir nicht gemacht. Da galt es erst einmal, überhaupt Lust zum Mitwirken zu machen. Und zwar nicht allein mit der Drohung: Wenn ihr jetzt nicht mitmacht, dann kippt die Fakultät. Das ist denkbar ungeeignet, so über Druck etwas irgendwie hinzukriegen. Wir haben viele Dinge besprochen, die sehr positive Entwicklungsmöglichkeiten darstellen. Aber es funktioniert nicht von selbst! Sonst könnten wir ja sagen: „Brauch ich ja nichts tun, wird schon irgendwie laufen.“ Nein, es wird nichts von allein laufen, das ist ganz sicher. Die Randbedingungen ändern sich von außen mit einer Geschwindigkeit, dass man das nicht einfach laufen lassen kann. Aber wir haben noch die Möglichkeit – das sehe ich auf jeden Fall so, dass wir eigenständig bestimmte Dinge gestalten. Der Budgetdruck ist da, ja und wir müssen wahrscheinlich an der einen oder anderen Stelle auch noch mal stärker profilieren.

Wir haben sehr teure Infrastruktur, die gerade im Entstehen ist – das Zyklotron ist nur ein Beispiel, das Connektome wird zeitnah aufgebaut. Aber, wenn wir weltweit in der Bildgebung mit diesen Geräten vorne sein wollen, dann können wir am Ende nicht jammern, dass wir dafür auch Mittel zur Verfügung stellen müssen, in Energie und in Personal, was es betreibt. Auf der anderen Seite haben wir dann die Möglichkeit, die Welt einzuladen, mit diesen Geräten auch zu forschen. Das ist doch viel besser, sich darüber Gedanken zu machen, wie wir das organisieren und wo wir da Budget bereitstellen, als dass wir diese Geräte gar nicht hätten.

Katharina Vorwerk: Ich glaube auch nicht, dass Sie in nächster Zeit in die Verlegenheit kommen werden, dass sie montags nicht wissen, wie sie die Woche herumkriegen sollen. Da besteht, glaube ich, überhaupt keine Gefahr. Am Ende unseres Gesprächs würde ich gerne zu der Rubrik kommen „Lange Rede, kurzer Sinn“. Also ich beginne Sätze, die Sie bitte ganz spontan zu Ende führen. Satz eins: Schwierigkeiten im Alltag sehe ich immer eher als Herausforderungen statt als Probleme, weil…

Prof. Jens Strackeljan: … sie ohnehin auftauchen. Und wenn man tatsächlich jeden Tag so ein bisschen was aus der Einrichtung ziehen möchte, dann geht es ja gar nicht anders. Dann ist es einfach tatsächlich eine Chance, dass man kreativ dabei ist, das geht nicht anders.

Katharina Vorwerk: Ich werde im Arbeitsalltag ein wenig ungeduldig, wenn…

Prof. Jens Strackeljan: …einfach Dinge, die wir schon drei oder viermal probiert haben und wir wussten, so kann es nicht gehen, wenn die tatsächlich dann noch mal kommen. Oder eben einfach so der Hinweis: „Haben wir doch immer schon so gemacht.“ Das höre nicht so oft, aber das ist ein Effekt, der kann mich schon zur Ungeduld bringen. Auf der anderen Seite: Das Positive am Älterwerden ist natürlich, dass man an den Stellen auch ein paar Dinge einordnen kann und man weiß, dass Dinge auch mal ein bisschen länger dauern können. Also das Maß des Ungeduldigwerdens, das geht schon zurück.

Katharina Vorwerk: Ich freue mich auf das Uni-Jubiläum und den intensiven Austausch mit allen, weil…

Prof. Jens Strackeljan: …wir einmal die Dinge, die wir eben besprochen haben, auch tatsächlich angehen wollen und es natürlich trotzdem ein Jubiläumsjahr sein soll. Eben nicht nur Arbeit, sondern auch Ideen für nette Veranstaltungen. Wir wollen auch mal wieder ein paar Leute zu uns holen, in Form von Vorträgen und anderen Formaten. Und ein bisschen feiern werden wir auch.

Katharina Vorwerk: Das ist doch ein guter Schlusssatz. Und damit sind wir am Ende des Gesprächs mit unserem Rektor. Professor Strackeljan, haben Sie vielen herzlichen Dank dafür, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Wir wünschen uns allen natürlich an dieser Stelle schon mal gutes Gelingen für die ganzen Vorhaben im nächsten Jahr. Der nächste Podcast wird Anfang Januar erscheinen, dann wird es um Roboter gehen und die Frage, ob und wann sie die Welt erobern. Haben Sie weitere Ideen oder Themenvorschläge, die wir an dieser Stelle besprechen sollten? Dann schreiben Sie uns einfach an: Bis dahin! Ich bedanke mich fürs Zuhören und machen Sie es gut.

Introstimme: In die Uni reingehört. Der Podcast zur Arbeitswelt an der OVGU. 

Letzte Änderung: 15.12.2022 - Ansprechpartner: Ina Götze