Alter Dom trifft junge Wissenschaft

30.03.2020 -  

Wie viele Liter heißen Tee Dirk Rudolph während seiner Arbeit im Magdeburger Dom trank, hat er nicht gezählt, aber es dürften einige gewesen sein. In der Sakristei war zu Beginn des Jahres ein 3D-Streifenlichtscanner aufgebaut worden. Anderhalb Monate hat der Mitarbeiter am Institut für Maschinenkonstruktion Bruchstücke vom im Krieg zerstörten Epitaph des Domherren Friedrich von Arnstedt und seiner Familie eingescannt. Das Ziel: der Wiederaufbau dieser kunstgeschichtlich wichtigen Grablege im Dom zu Magdeburg. Mit modernsten Messtechnologien und 3D-Bildgebungsverfahren unterstützen Maschinenbauer und Informatiker der Universität das Vorhaben des Domfördervereins und der Kulturstiftung des Landes Sachsen-Anhalt. „Die Universität Magdeburg kann sich mit diesem Projekt einmal mehr als verlässlicher und innovativer Partner für die Stadt und die Region präsentieren und in die Gesellschaft hineinwirken“, unterstreicht Rektor Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan.

Alter DomGut erhaltene Überreste des Epitaphs werden für eine 3D-Modellierung am Computer eingescannt.

Ein Puzzle der besonders komplizierten Sorte

Durch Kriegseinwirkungen war das zu Beginn des 17. Jahrhunderts entstandene Arnstedtsche Epitaph stark beschädigt worden. Über 200 Bruchstücke konnten gesichert werden, Reste des Grabmals sind über einer Nische an der Wand im südlichen Seitenschiff des Doms zu sehen provisorisch abgestützt durch einen Baumstamm. Da eine größere Zahl von Einzelteilen des beschädigten Epitaphs gesichert worden sei, stünde einer weitgehenden Rekonstruktion des Vorkriegszustandes nichts im Wege, ist der Vorsitzende des Domfördervereins, Stephen Gerhard Stehli, zuversichtlich und er hofft, dass eventuell fehlende Teile von den Wissenschaftlern der Uni mittels moderner Verfahren rekonstruiert werden könnten.

Zuerst einmal ging es aber um eine präzise Bestandsaufnahme des beschädigten Epitaphs und der Bruchstücke durch moderne ingenieurwissenschaftliche Scan­verfahren. „An so einem ehrwürdigen und historischen Ort unsere Kompetenzen einzubringen, ist eine sehr interessante Erfahrung, die aber auch für uns einen großen Mehrwert hat“, so Dr.-Ing. Fabian Klink vom Institut für Maschinenkonstruktion. „Können wir doch hochspezialisierte Technik in ganz neuen Zusammenhängen und unter ungewöhnlichen Bedingungen ausprobieren.“ Computervisualisten werden versuchen, dieses mehrdimensionale Datenpuzzle vorerst nur digitalisiert auf dem Rechner wieder zu einem vollständigen Kunstwerk zusammenzusetzen. Eine Vorlage dafür gibt es nicht, nur wenige alte Fotografien und Beschreibungen dieser Grablege aus Sandstein, Alabaster und Marmor. Ursprünglich war sie mit Farbfassungen und Vergoldungen versehen. Die Figuren des Stifters und seiner Frauen Metta und Magdalena, Wappen, Konsolen, Obelisken, Blattranken, Putten, Pferdeköpfe, biblische Szenen, das Meisterschild vom Steinmetz Bastian Ertle mit der Datierung 1610 und viele weitere große und kleine Teile müssen gefunden und wieder zusammengefügt werden.

Messtechnik Dom

Die gesammelten Daten werden in eine 3D-Grafik umgewandelt und anschließend virtuell ergänzt bis das Bauteil wider komplett ist.

Hierin bestehe der wissenschaftliche Reiz: die Bruchstücke zusammenzufügen und, wo möglich, virtuell zu ergänzen, betont Rektor Strackeljan. Die Herausforderung für die Informatiker werde es sein, die Technologien so weiterzuentwickeln, dass sie auch Datenmaterial verarbeiten können, das nicht unter optimalen Laborbedingungen, sondern wie beispielsweise hier im Dom in drei Metern Höhe gewonnen wurde. „Wir freuen uns sehr über diese nicht alltägliche Aufgabe“, so Professor Bernhard Preim vom Lehrstuhl für Visualisierung. „Die Nutzung von interaktiver 3D-Grafik zur Rekonstruktion von jahrhundertealtem Kulturerbe ist eine ungewöhnliche Herausforderung für uns, die uns aber mit Spannung und Begeisterung erfüllt.“

 

von Ines Perl

Letzte Änderung: 09.07.2020 - Ansprechpartner: Webmaster