Wie wollen wir morgen leben?

02.01.2020 -  

Wie die Universität zwischen Wissenschaftsfreiheit und gesellschaftlicher Verantwortung agiert und wie sich durch wissenschaftliche Erkenntnisse an zukunftsrelevanten Themen der Energiewende, Internet of Things oder Innovationen in der Finanzwirtschaft beteiligt - darüber sprach der Rektor der Universität Magdeburg, Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan in der neuen Ausgabe des Forschungsmagazin GUERICKE ´19.

Es fällt uns schwer, ein hinreichend konkretes Bild unserer persönlichen Zukunft zu zeichnen; zu viele Unbekannte stecken in dieser Gleichung. Aber so vage sich Künftiges im Privaten abbilden lässt, so vorhersehbar und klar umrissen sind die Szenarien, die unsere Umwelt, unseren Lebensraum mit seinen Ressourcen betreffen und die uns als Gesellschaft in bisher nicht gekannter Weise fordern werden. Denn, anders als im Persönlichen, stehen uns hier zahllose Daten und belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse zur Verfügung. Hochgerechnet und zu einem Ganzen zusammengefügt, ergeben sie ein recht präzises Bild von dem, was eintritt, wenn wir so weitermachen wie bisher. Klimawandel, Energie- und Mobilitätswende haben sich unverrückbar auf die Agenda gesetzt und werden ohne unser Zutun von dort auch nicht wieder verschwinden.

Sicher, wissenschaftlicher Fortschritt und neue technische Möglichkeiten sind in Teilen verantwortlich für heutige Probleme. Aber Forschung und Innovation sind es auch, die uns Lösungen bieten. Wir können den Herausforderungen durch Wissen begegnen, haben das Know-how für Innovationen, müssen uns als Gesellschaft im Diskurs darüber verständigen, wie wir morgen leben wollen. Möglich ist viel. So entstehen Roboter mit Fingerspitzengefühl, entwickeln Verfahrenstechniker grüne Technologien, um aus Biomasse Medikamente herzustellen, überwinden wir reale Ängste inzwischen in virtuellen Welten, sind auf der Überholspur in puncto vernetzter intelligenter Mobilität, verpassen wir unseren Immunzellen eine Imagepolitur, kommunizieren mit Alltagsgegenständen durch das Internet der Dinge oder revolutionieren durch Bitcoins die globale Finanzwirtschaft. Dies ist nur eine kleine Auswahl vielfältiger Forschungsprojekte, an denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg intensiv arbeiten und die wir Ihnen im neuen Forschungsmagazin vorstellen wollen.

Die Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich die Forschung an der Universität Magdeburg bewegt, sind indes überschaubarer. Mit einem Budget von rund 100 Millionen Euro vom Land ausgestattet, ist unsere Forschung – wie an anderen Universitäten bundesweit auch – in großen Teilen durch die erfolgreiche Akquise von Drittmitteln geprägt. Über 60 Millionen Euro wurden 2018 von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der neun Fakultäten für Forschungsprojekte eingeworben, die der Bund oder die EU als herausragend und finanziell unterstützenswert bewerteten. Eine nennenswerte landesfinanzierte Forschungsförderung geben die Haushalte in Sachsen-Anhalt nicht her, sehr wohl aber nutzen wir intensiv die Strukturfonds der EU für wissenschaftliche Aufgaben und den Ausbau der zugehörigen Infrastruktur. Ohne diese zusätzlichen Mittel wäre die Universität Magdeburg eine andere: weniger Mitarbeiter, weniger Lehrstühle, eine schlechtere Infrastruktur.

Bei der letzten Runde der Exzellenzinitiative war die Universität Magdeburg nicht dabei. Dafür fehlt uns, im Gegensatz zum Beispiel zur TU Dresden, eine größere Dichte außeruniversitärer Einrichtungen. Doch ich bin mir sicher, dass wir auch in der nächsten Runde ein Exzellenzcluster beantragen werden. Daran arbeiten wir intensiv, und das Land hat sich bereiterklärt, diesen Prozess auch finanziell zu unterstützen.

Für die Region etwas bewirken

Mittelgroße Universitäten wie die Universität Magdeburg haben aber über eine mit solchen Prestigeprojekten einhergehende nationale Sichtbarkeit hinaus auch für die Region eine enorme Bedeutung, sind Treiber von Innovationen und wichtige Partner für die Wirtschaft. Auch hier hängen wir durch den bereits erwähnten Einsatz von Strukturfonds-Mitteln und einer damit verbundenen Orientierung an Leitmärkten ein stückweit an politischen Rahmenbedingungen. Darin sehe ich aber kein ernstes Problem. Denn trotz dieser Einflüsse von außen bietet die Universität Magdeburg genügend Raum für zweckfreie und rein erkenntnisorientierte Grundlagenforschung.

Die Voraussetzung dafür bildet die im Artikel 5 des Grundgesetzes verankerte Freiheit der Wissenschaft. Sie schafft auch den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität Magdeburg genügend Raum, frei zu denken und zu forschen. Eine Tatsache, die für uns so selbstverständlich ist, dass es sicher den meisten Forschenden gar nicht in den Sinn käme, daran zu zweifeln oder diese Freiheit verteidigen zu müssen. Aber das Vertrauen in die Wissenschaft ist nicht per se vorhanden, schwindet sogar in Teilen der Gesellschaft. Massive Angriffe auf und Verunglimpfungen von Wissenschaftlern zeigen, dass diese Freiheit verteidigt werden muss. Selbstverständlich hat im Gegenzug auch der einzelne Wissenschaftler eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, die ihm die Mittel für eine freie Forschung zur Verfügung stellt.

Die Universität Magdeburg setzt diese Mittel sehr verantwortungsbewusst ein, immer bemüht, Synergien zu schaffen und Kräfte zu bündeln. Unsere Stärken liegen in einem technisch-naturwissenschaftlichen Profil, in unserer Interdisziplinarität und einer zunehmenden Internationalisierung. Wir entwickeln global vernetzt und über Fächergrenzen hinaus Lösungsansätze für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit gibt uns die Schwungmasse, auch große Vorhaben zu stemmen. So ist es uns gelungen, mit STIMULATE einen von bundesweit insgesamt neun Forschungscampus-Standorten an der Universität Magdeburg zu etablieren und damit einen Katalysator für einen erfolgreichen und schnellen Forschungstransfer zu entwickeln. Auch die Nachwuchsförderung steht bei uns im Fokus. Innerhalb eines weltweiten hochkompetitiven Wettbewerbs um kluge Köpfe haben wir uns mit der Einrichtung von Graduiertenkollegs gut aufgestellt und ziehen exzellente junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an die Universität. Wissenschaft besitzt eine hohe Veränderungsgeschwindigkeit und eine Dynamik, der wir uns an der Universität Magdeburg so in besonderem Maße gewachsen fühlen.

Die Herausforderungen, vor denen wir global, aber eben auch regional stehen, sind enorm und sind nicht mehr voneinander abgekoppelt zu betrachten. Ein Beispiel dafür ist der beschlossene Kohleausstieg der Bundesregierung. Was bedeutet dies für Sachsen-Anhalt? Welche Lösungen kann es für die Region geben und gelingt es, Zukunftskonzepte zu entwickeln, die sich auch auf andere Teile des Landes übertragen lassen oder sogar national und international als Vorbild für Transformationsprozesse dienen können? Obwohl wir keine Empfängerregion für bereitgestellte finanzielle Mittel sein werden, wollen wir uns aktiv an den Problemlösungen beteiligen und konkrete Beiträge leisten, wo immer unsere Kompetenzen in die Konzepte der Reviere passen. Vorstellbar ist ein gemeinsamer Forschungsverbund für eine nachhaltige Chemische Industrie, in den durchaus vorhandene Kompetenzen der Universität Magdeburg und des benachbarten Max-Planck-Instituts hervorragend eingebunden werden könnten. Ein sehr konkretes Beispiel für die Rolle der Wissenschaft im Spannungsfeld zwischen freiem Erkenntnisgewinn und gesellschaftlicher Verantwortung, wenn es heißt: Wie wollen wir morgen leben?

Nur, wenn wir breiten gesellschaftlichen Diskurs über die Rolle von Wissenschaft in unserer Gesellschaft führen, bekommen wir eine gültige Antwort auf diese Frage.

Letzte Änderung: 09.07.2020 - Ansprechpartner: Webmaster