Lesen, schreiben, Selbstvertrauen lernen

Fünf Frauen und drei Männer mit einer sogenannten geistigen Behinderung aus der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) der Pfeifferschen Stiftungen kommen wöchentlich einmal an die Uni. Sie besuchen den Kurs zum (besseren) Lesen- und Schreibenlernen. Angeboten wird er vom Lehrstuhl Soziale Integration und berufliche Rehabilitation als Teil eines Masterseminars zum „Schriftspracherwerb bei Menschen mit geistiger Behinderung“.

Erwachsenenbildung

Foto: Katharina Pongratz  

Die Studierenden aus dem Bereich Bildungswissenschaften mit dem Schwerpunkt integrative und inklusive Bildung haben gemeinsam mit Dr. Marion Schulze vom Lehrstuhl ein theoretisches Konzept entwickelt, welches als Arbeitsgrundlage für die Umsetzung des Kurses im Wintersemester 2017/18 diente. Dieses Konzept wird nun für noch folgende Kurse kontinuierlich weiterentwickelt.

„Die Beschäftigten aus der Werkstatt der Pfeifferschen Stiftungen nehmen alle freiwillig an diesem Kurs teil, sind hoch motiviert und möchten aus den unterschiedlichsten persönlichen Gründen – besser – lesen und schreiben lernen“, weiß Dr. Schulze. „Von Beginn an war es unser Anliegen, ihnen mit dem Kurs die Teilhabe an einem für sie neuen Lebens- und Arbeitsbereich zu eröffnen. Mit großem Interesse und staunendem Blick haben die Kursteilnehmer und -teilnehmerinnen in einen gefüllten Hörsaal geschaut, den Besuch in der Unibibliothek aufgenommen und zahlreiche Begegnungen mit Studierenden erlebt.“

Das Staunen ist allerdings auch auf der Seite der Studierenden und der Seminarleiterin, wenn sie auf die Entwicklung der Teilnehmenden im Verlauf der vergangenen Monate zurückschauen. Sie durften erleben, mit wie viel (Lern-)Freude, Begeisterung und Anstrengungsbereitschaft sich die Frauen und Männer den für sie schwierigen und teilweise auch durch negative Erfahrungen besetzten Lernaufgaben zuwandten. Das erarbeitete tätigkeits- und entwicklungsorientierte Konzept sowie die differenziert und individuell gestalteten Lernangebote haben es ermöglicht, die sehr unterschiedlichen Lernvoraussetzungen zu berücksichtigen und persönliche Lernerfolge zu sichern.

Durch eine intensive Zusammenarbeit der Studierenden mit den einzelnen Teilnehmenden entstanden nahezu freundschaftliche Beziehungen und ein herzlicher und entspannter Umgang miteinander, was sich in der Arbeitsatmosphäre widerspiegelte. Sie konnten miterleben, wie sich die Männer und Frauen von Woche zu Woche nicht nur auf den Kurs freuten, sondern auch immer mehr Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickelten. Da die Semesterpause eine zu lange Auszeit für die Kursteilnehmer bedeutet hätte, arbeiteten die Studentinnen auch in der vorlesungsfreien Zeit weiter mit ihnen. „Der Lese- und Schreiblern-Kurs hat nicht nur einen hohen persönlichen Stellenwert für die Teilnehmenden, er eröffnet den Studierenden die Möglichkeit, auf besondere Weise Theorie und Praxis miteinander zu verbinden, eigene Erfahrungen mit der Organisation von Bildungsprozessen für Menschen mit Behinderungen zu sammeln und dem Inklusionsgedanken ein reales Umsetzungsfeld zu geben“, fasst Dr. Marion Schulze zusammen.

 

Barbara Gyurasits

Letzte Änderung: 06.12.2018 - Ansprechpartner: Webmaster