Wie viel Veränderung verträgt ein historisches Original?
Auf der 17. Jahrestagung für Universitätssammlungen beraten Fachleute vom 10. bis 12. September 2026 an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg darüber, wie wissenschaftliche Geräte als Originalquellen erhalten und für Forschung und Lehre erschlossen werden können.
Die Tagungsbeiträge beschäftigen sich unter anderem mit chemischen Laborgeräten, Kunstwerken, historischen Rechenanlagen, Spielkonsolen, Fotografien und technischen Großobjekten. Jeder Eingriff kann neue Erkenntnisse ermöglichen, zugleich aber historische Substanz, frühere Umbauten oder Gebrauchsspuren beseitigen. Die Experten aus Technik, Restaurierung, Lehre und Kunst- sowie Technikgeschichte wollen fächer- und perspektivübergreifend diskutieren, wie lange ein Original ein Original bleibt, wann eine Reparatur neues Wissen und wann Geschichte verdeckt und wie sich analoges Wissen im digitalen Zeitalter bewahren lässt.
„Universitätssammlungen sind keine Abstellkammern für ausgediente Dinge“, sagt Dr. Dominique Merdes von der Kustodie der Universität Magdeburg und Mitorganisator „Anatomische Präparate, Pflanzen, Gesteine und Münzen, Rechenmaschinen, medizinische Instrumente oder audiovisuelle Medien bilden das materielle Gedächtnis der Universitäten. Was heute überholt erscheint, kann durch neue Forschungsmethoden morgen wieder zu einer wichtigen Quelle werden.“
Einen besonderen Schwerpunkt bilden politisch und ethisch sensible Bestände, darunter fotografische Zeugnisse aus dem ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald und Objekte aus kolonialen Zusammenhängen. „Bei solchen Objekten geht es nicht allein um den Erhalt von Material und Funktion“, sagt Merdes. „Es stellt sich hier die Frage, ob frühere Funktionen überhaupt wiederhergestellt werden können oder sollen, welches Wissen unter Gewaltverhältnissenentstand oder ausgelöscht wurde und wie Institutionen mit problematischen Herkunftsgeschichten umgehen.“
Die Tagung richtet sich an Fachpublikum und an die interessierte Öffentlichkeit. Anmeldeschluss ist der 16. August 2026. Die Tagungsgebühr beträgt 20 Euro, für Studierende ist die Teilnahme kostenfrei.
| WAS: | 17. Jahrestagung für Universitätssammlungen „(Wieder)instandsetzung: Modifizierendes Bewahren als Sammlungspraxis“ |
| WANN: | 10. bis 12. September 2026 |
| WO: | Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Campus Universitätsplatz 2, Gebäude 05, 39106 Magdeburg |
Zahlreiche Universitätssammlungen bereits verloren
Eine bundesweite Bestandsaufnahme der Koordinierungsstelle für wissenschaftliche Universitätssammlungen erfasste im Jahr 2010 insgesamt 756 bestehende Universitätssammlungen. Weitere 295 Sammlungen waren zu diesem Zeitpunkt bereits aufgelöst, verloren gegangen, nicht mehr an ihrer ursprünglichen Universität vorhanden oder in ihrem Verbleib ungeklärt. „Mit einer verlorenen Sammlung verschwinden nicht nur alte Gegenstände“, betont Merdes. „Wir verlieren wissenschaftliche Quellen, an denen künftige Generationen möglicherweise Fragen untersuchen könnten, die wir heute noch gar nicht stellen können.“
Sammlungen der Universität Magdeburg
Die Kustodie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg betreut seit 2018 das wissenschaftliche und materielle Erbe der Universität Magdeburg. Sie erfasst, erforscht und vermittelt unter anderem technische, medizinische, historische und künstlerische Sammlungen und verbindet Forschung, Lehre und Wissenstransfer in die Öffentlichkeit. Die Historische Medizintechnische Sammlung der Universität Magdeburg, zum Beispiel, umfasst rund 300 Objekte,darunter EKG-, EEG- und weitere medizinische Mess- und Überwachungsgeräte. Viele stammen aus DDR-Krankenhäusern und wurden nach der deutschen Wiedervereinigung ausgesondert. Der Magdeburger Ingenieur Horst Lehmann begann Anfang der 1990er-Jahre damit, solche Geräte zu sichern.
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Bild 1 // Jana Dünnhaupt/Uni Magdeburg // Studierende setzen in einem Temporären Objektlabor der Uni Magdeburg das EEG-Gerät BIOSCRIPT BST1 von 1975 instand. Das historische Medizingerät diente der Aufzeichnung der elektrischen Aktivität des Gehirns.