Wenn Vertrauen schwindet, wird Hilfe schwieriger
Vertrauen entscheidet mit darüber, ob Menschen Unterstützung annehmen, mit Jugendämtern und sozialen Diensten zusammenarbeiten und staatliche Institutionen als verlässlich erleben. Wie dieses Vertrauen entsteht, wodurch es verloren geht und welche Folgen ein Vertrauensverlust für Soziale Arbeit und Gesellschaft haben kann, steht im Mittelpunkt des ersten Fachtags Sozialpädagogik der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg am 23. Oktober 2026.
Im Zentrum steht die Frage, was geschieht, wenn Menschen das Vertrauen in staatliche Einrichtungen verlieren und welche Rolle soziale Dienste für das Verhältnis von Bürgerinnen und Bürgern zum Staat spielen. Jugendämter, Beratungsstellen und andere soziale Einrichtungen gehören zu den Orten, an denen Menschen staatliches Handeln unmittelbar erfahren.
Nach der im Juni 2026 veröffentlichten OECD-Studie „Survey on Drivers of Trust in Public Institutions“ hatten 2025 nur 35 Prozent der Befragten in Deutschland hohes oder moderat hohes Vertrauen in die Bundesregierung, 49 Prozent in den öffentlichen Dienst. Die OECD verweist zudem darauf, dass das Gefühl, politisch gehört zu werden und Einfluss nehmen zu können, eng mit dem Vertrauen in staatliche Institutionen zusammenhängt.
Gerade in der Sozialen Arbeit wird Vertrauen konkret, häufig in besonders belastenden Situationen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nahmen Jugendämter 2025 bundesweit rund 56.900 Kinder und Jugendliche zu ihrem Schutz vorübergehend in Obhut.
„Wenn Menschen staatlichen Institutionen nicht mehr vertrauen, wird auch Hilfe schwieriger“, sagt Jun.-Prof. Dr. Martin Hunold vom Bereich Erziehungswissenschaft der Universität Magdeburg. „Gerade in der Sozialen Arbeit entscheidet Vertrauen darüber, ob Unterstützung angenommen wird und ob Menschen den Staat als verlässlich erleben.“
Unter dem Titel „Vertrauen“ lädt Hunold Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Praktikerinnen und Praktiker aus Sozialer Arbeit, Sozialpädagogik und Erziehungswissenschaft erstmals zum Austausch an die Universität Magdeburg ein. Die neue Veranstaltungsreihe soll den Wissenstransfer zwischen Universität und Praxis stärken, ausdrücklich in beide Richtungen.
Auf dem Programm stehen kurze wissenschaftliche Impulsvorträge mit anschließender Diskussion. Annika Koch von der Universität Paderborn spricht über Vertrauen in sozialen Dienstleistungsorganisationen. Dr. Sandra Tiefel, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Pädagogik und Medienbildung der Universität Magdeburg, gibt einen Einblick in die Vertrauensforschung. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Vertrauensprozessen in pädagogischen und sozialpädagogischen Kontexten und untersucht unter anderem, wie Vertrauen in Arbeitsbeziehungen der Sozialen Arbeit entsteht. Jun.-Prof. Dr. Martin Hunold widmet sich dem Vertrauen in demokratische Institutionen.
Eingeladen sind Fachkräfte aus Jugendämtern, Trägerverbänden, der Jugendhilfe und weiteren sozialen Dienstleistungsorganisationen in Magdeburg und Sachsen-Anhalt sowie Hochschulangehörige. In einem World Café sollen die Teilnehmenden ihre Erfahrungen und Fragen aus der Praxis einbringen: Welche Herausforderungen beschäftigen die Soziale Arbeit derzeit besonders? Wo fehlen wissenschaftliche Erkenntnisse? Und welche Themen sollten Wissenschaft und Praxis künftig gemeinsam bearbeiten?
Der Fachtag ist zugleich der Auftakt einer regelmäßigen Veranstaltungsreihe. Künftig könnten die Treffen auch an wechselnden Orten in Sachsen-Anhalt stattfinden und so den Austausch zwischen Wissenschaft und sozialer Praxis im Land stärken.
Die Teilnahme ist kostenfrei. Interessierte können sich bis zum 31. August 2026 per Mail an anmelden.