#10: Was macht Stress mit unserem K��rper?

Der Terminkalender auf Arbeit ist randvoll, das E-Mail-Postfach quillt auch schon ��ber, bei WhatsApp bleiben die Nachrichten unbeantwortet, f��r die Familie ist zu wenig Zeit und die Freunde bleiben sowieso auf der Strecke. Das ist auf Dauer ganz sch��n stressig, doch so sieht der Alltag f��r viele aus. Wie Stress ��ber die gesamte Lebensspanne hinweg Angst, Lernen, Leistung und sogar unser Ged��chtnis beeinflussen kann, untersucht Prof. Dr. Dr. Anne Albrecht, Professorin f��r Neuroanatomie am Institut f��r Anatomie an der Medizinischen Fakult��t. Dar��ber und warum manche Menschen besser mit Stress umgehen k��nnen als andere, wie wir Stress in unserem Alltag begegnen k��nnen, warum Work-Life-Balance immer wichtiger wird und ob es bald die Pille gegen Stress geben wird sprach sie in der neuen Ausgabe des Wissenschaftspodcast der Uni Magdeburg ���Wissen, wann Du willst.���

Heute zu Gast

Prof. Dr. Dr. Anne Albrecht studierte Humanmedizin und Neurowissenschaften an der Universit��t Magdeburg und erwarb hier die Titel ���Dr. rer. nat.��� und ���Dr. med.��� Ihre Forschung konzentriert sich auf das Verst��ndnis der funktionellen Neuroanatomie von Stressanpassung und emotionaler Ged��chtnisbildung. Hierbei liegt der Fokus auf der Rolle von Neuropeptiden und sogenannten Interneuronen bei der individuellen Stressverarbeitung in verschiedenen Lebensphasen. Vor allem Mechanismen der Stressresilienz sollen erforscht werden, um die Entstehung von stress-induzierten St��rungen wie Angsterkrankungen und Depression besser verstehen zu k��nnen.

��

Der Podcast zum Nachlesen

��
Introstimme: Wissen, wann du willst. Der Podcast zur Forschung an der Uni Magdeburg.

Peer Niehof: Und damit herzlich willkommen zu einer neuen Folge ���Wissen, wann du willst���. Wir sprechen hier mit Forscherinnen und Forschern der Universit��t Magdeburg ��ber ihre Arbeit und erhalten so jedes Mal wirklich spannende Einblicke in die Wissenschaft. Mein Name ist Peer Niehof, und ich arbeite im Bereich Medien, Kommunikation und Marketing an der Universit��t. Sie k��nnen es nicht sehen und sicherlich auch nicht h��ren, aber ich bin heute am Institut f��r Anatomie auf dem Campus der Universit��tsmedizin Magdeburg zu Besuch. Also nicht auf dem Hauptcampus am Uniplatz, sondern etwas am anderen Ende der Stadt. Und das hat nat��rlich mit unserem heutigen Thema zu tun. Euch ist das sicherlich auch vertraut: Der Terminkalender auf Arbeit ist voll, das E-Mail-Postfach quillt nat��rlich auch ��ber. Bei WhatsApp sind dann auch noch ein paar Nachrichten unbeantwortet und private Verpflichtungen kommen sowieso obendrauf. Das kann ganz sch��n anstrengend sein, aber diese Beispiele bestimmen heute oft unseren Alltag. Dass das f��r vieleMenschen Stress bedeutet und im schlimmsten Fall sogar unsere Gesundheit gef��hrden kann, dar��ber wollen wir heute reden. Denn nat��rlich sitze ich heute hier nicht allein vor dem Mikro, sondern darf an meiner Seite Professor Dr. Anne Albrecht begr����en. Sie ist Professorin f��r Neuroanatomie bei uns an der Uni Magdeburg. Und wie Stress ��ber die gesamte Lebensspanne hinweg Angst, Lernen und sogar unser Ged��chtnis beeinflusst, untersucht Frau Albrecht hier am Institut.
Sch��n, dass ich hier sein darf. Ich freue mich auf das Gespr��ch, Frau Albrecht.

��

Prof. Dr. Anne Albrecht: Hallo.

Peer Niehof: Frau Albrecht, gleich mal eine Frage zum Anfang. Wir sitzen hier bei Ihnen im B��ro auf dem Campus der Universit��tsmedizin. Drau��en ist wunderbares Herbstwetter. Es st��rmt. Wie ist Ihr Stresslevel gerade?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Also ich w��rde sagen, mein Stresslevel ist auf einer Skala von 1 bis 10 bei sechs, moderat. Nat��rlich macht man so einen Podcast nicht jeden Tag. Es ist ein bisschen Anspannung da, aber wir haben uns ja vorher schon mal abgesprochen, was f��r ein Ablauf auf mich zukommt. Und das hilft nat��rlich, das Stresslevel in Zaum zu halten.

Peer Niehof: Das hei��t, Sie sind schon mal moderat aufgeregt? Sehr gut. Das ist ja eine prima Vorlage f��r unser Gespr��ch. Stress ist ja ein Gef��hl, womit nun wirklich jeder von uns etwas anfangen kann. Da kann jeder was mit assoziieren. Das kennen wir. Haben Sie sich deshalb entschieden, zu diesem Thema zu forschen? Oder was hat Ihr Interesse geweckt?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Also meine Motivation oder mein Zugang zur Stressforschung kam eigentlich aus dem Bereich Lernen und Ged��chtnis. Damit habe ich mich schon w��hrend meines Medizinstudiums hier in Magdeburg besch��ftigt. Und die gro��e Frage ist nat��rlich bei der Ged��chtnisforschung: Warum kann ich mich an manche Sachen ��berhaupt nicht gut erinnern und mir die nicht gut merken? Und warum erinnere ich mich manchmal an Dinge, die ich eigentlich lieber vergessen m��chte? Und hier kommt man dann ganz schnell zum Stress, weil alles, was uns aus dem Gleichgewicht bringt und alles, was uns auch emotional anteasert, das bewirkt eigentlich, dass wir uns Sachen anders merken und das beeinflusst unsere Merkf��higkeit. Und so bin ich dann dahin gekommen.

Peer Niehof: Wir haben uns auch vorher schon dr��ber unterhalten, dass Sie eigentlich ein Kind der Universit��t Magdeburg sind. Wie sind Sie denn zum Studium gekommen und was haben Sie denn ��berhaupt studiert?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Also ich habe Humanmedizin hier in Magdeburg studiert und zus��tzlich noch einen Kurs gemacht, Neurowissenschaft f��r Mediziner. Da gab es die M��glichkeit, w��hrend meiner Zeit hier einige Kurse zu belegen, den Neurowissenschaft-Diplomkurs damals, jetzt hei��t es Integrative Neuro Science. Das ist ein internationaler Kurs in Englisch und in diesem Bereich habe ich mich dann weitergebildet und habe dann auch schon angefangen, w��hrend des Studiums im Labor zu arbeiten. Und danach stand halt die Frage: Gehe ich in die Klinik zur��ck? Und da war ich sehr interessiert an Neurologie und Psychiatrie passenderweise. Oder bleibe ich im Labor? Und ich habe mich dann dazu entschieden, im Labor zu bleiben und bin dann noch als Postdoc f��r vier Jahre nach Israel an die Universit��t Haifa gegangen und habe mich dort weiter mit Stressforschung besch��ftigt. Und dann hat sich die M��glichkeit ergeben, an das Leibniz-Institut f��r Neurobiologie zur��ckzukommen. Und die habe ich dann ergriffen. Und dann gab es eine M��glichkeit, sich ja auf eine Professur zu bewerben und es hat geklappt. Da bin ich auch sehr froh dr��ber.

Peer Niehof: Und deswegen sitzen wir heute hier. Das ist ja der Grund. H��tten Sie mit 18 schon beim Abi gedacht, dass das mal Ihr Lebensweg wird?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Nein, gar nicht. Also auch die Frage, ob man in die Klinik geht oder in die Forschung, das war auch lange offen. Das war sogar noch offen, als ich mit dem Studium eigentlich fertig war und dann im Labor gearbeitet habe. Aber es hat mir einfach so viel Spa�� gemacht, dass ich dabei geblieben bin und habe es auch nicht bereut bis heute.

Peer Niehof: Es gibt ja nun unterschiedliche Situationen im Alltag, die Stress bedeuten und wo Stress uns auch begegnet. Das ist mal Lernstress vor einer Pr��fung, das ist Beziehungsstress oder ganz aktuell, was wir immer noch erleben, diese Coronakrise. Aber auch so ein traumatisierendes Erlebnis wie ein Unfall oder der Verlust eines Angeh��rigen kann einem Menschen nat��rlich in v��llige Stresssituationen bringen. Was genau passiert denn im K��rper, wenn wir gestresst sind? Kann man das erkl��ren?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Ja, also im Prinzip kommt der Begriff ���Stress��� eher auch aus der Materialforschung. Man kann das ��bersetzen mit Druck. Das ist ein englischer Begriff, der sich aber so bei uns eingedeutscht hat, dass wir da gar nicht mehr viel dr��ber nachdenken. Und der bezeichnet eigentlich in der Materialforschung so einen Zustand wie zum Beispiel: Was macht Biegung mit einem Stahltr��ger? Und der hat aber in biologische Systeme dann irgendwann Einfluss gefunden, weil man eigentlich damit bezeichnen m��sste oder m��chte: Was passiert bei Anspannung bei uns im K��rper? Und wir unterscheiden dabei nat��rlich akuten Stress oder chronischen Stress. Und eine akute Stresssituation, das hat jeder von uns schon mal erlebt. Zum Beispiel heute Morgen auf dem Fahrrad. Stellen Sie sich vor, da schneidet Ihnen jemand den Weg ab in der Kurve. Alles geht noch mal gut, nichts ist passiert. Ihnen geht es gut, aber trotzdem merken Sie, wie Ihr Herz klopft, Ihr Blutdruck steigt, die Muskeln spannen sich an, der K��rper sch��ttet Hormone aus. Adrenalin und Cortisol, das sind die klassischen Stresshormone und Ihr Blutzuckerspiegel steigt dadurch auch an und meistens sind Sie dann auch ein bisschen sauer. Also es gibt noch eine starke emotionale Komponente. Man flucht dann vielleicht mal leise oder nicht so leise in sich hinein. Und diese akuten Reaktionen, das sind diese klassischen ���Fight or flight���-Reaktionen, die wir aus Stress kennen. Und man kann sich nat��rlich jetzt vorstellen, wenn sowas dauerhaft auftritt, wenn Sie dauernd unter Anspannung stehen, dauernd Ihr Blutzuckerspiegel hoch ist, dass das negativ f��r den K��rper ist, also dass es dann ganz leicht zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen kommt. Metabolische St��rungen wie Diabetes werden durch Stress dann eher beg��nstigt. Und es gibt nat��rlich dann auch noch psychische Erkrankungen wie Depression oder Angsterkrankungen, die durch Stress ausgel��st werden k��nnen.

Peer Niehof: K��nnen Sie diese ���Fight or flight���-Situation noch mal ein bisschen genauer erkl��ren, weil wahrscheinlich viele nicht direkt verstehen, was das bedeutet.

Prof. Dr. Anne Albrecht: Ja, genau. Das hat auch was zu tun mit unserem vegetativen Nervensystem. Da gibt es im Prinzip zwei gro��e Systeme. Den einen nennt man Sympathikus, den anderen nennt man Parasympathikus. Und der sogenannte Sympathikus, der ��ber Adrenalin wirkt, der ist f��r diese ���Fight or flight���-Reaktion zust��ndig. Das ist evolution��r sehr alt in uns angelegt, und es bedeutet einfach, dass wenn wir einer Gefahrensituation ausgesetzt sind, wird der K��rper unbewusst darauf programmiert, dass wir entweder uns der Gefahr stellen und anfangen zu k��mpfen oder dass wir gut darauf pr��pariert sind wegzurennen. Deshalb auch die Muskelanspannung, die Erh��hung des Blutzuckers zur Bereitstellung von Energie. Und ich bin dann einfach gut darauf pr��pariert, vor dem S��belzahntiger wegzurennen. Nur ist das Problem, dass wir nicht mehr so viele S��belzahntiger in unserem Alltag haben und dass diese Reaktionen langfristig sch��dlich sein k��nnen.

Peer Niehof: Also es ist etwas, was schon lange in der Evolution des Menschen eigentlich verankert gewesen ist?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Genau. Und nicht nur bei Menschen, sondern es ist so ein System, das wir auch bei allen m��glichen anderen Tieren wahrnehmen k��nnen.

Peer Niehof: Also S��belzahntiger gibt es ja nun nicht mehr so h��ufig und treffen wir im Alltag in Magdeburg eher selten an, aber Sie haben ja richtig gesagt: Auch wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, mich ein Auto schneidet, dann rege ich mich mit Sicherheit auf. Dann ist mein K��rper gestresst und zeigt diese Reaktion. Aber ja, hoffentlich nicht den ganzen Tag und anhaltend. Aber diese Situation ist erst mal f��r ein paar Minuten auf jeden Fall da. Aber irgendwann wird ja auch Stress f��r den K��rper zur Gefahr. Gibt es da Merkmale, wann das passiert?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Na ja, zum Beispiel ist ein Merkmal, was viele unbewusst wahrnehmen, dass man wirklich nicht mehr so gut einschlafen kann. Also man liegt dann abends da, f��hlt sich immer noch angespannt und denkt ��ber viele Sachen, die einem am Tag widerfahren sind, st��ndig nach. Und dieses Kreisen von Gedanken h��rt dann nicht auf oder man wacht nachts auf oder man f��hlt sich halt wirklich den ganzen Tag so ein bisschen hibbelig und unruhig. Das sind so Sachen, wo man merkt okay, da bin ich irgendwie aus dem Gleichgewicht und da m��sste ich vielleicht noch mal ansetzen, wie ich mir aktiv ein paar Strategien zurechtlegen kann, um diese Sachen abzuarbeiten. Zum Beispiel mein Adrenalin-��berschuss.

Peer Niehof: Also gibt es auch Anpassungsreaktionen des K��rpers?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Wie Sie schon gesagt haben, Stress widerf��hrt uns ja st��ndig und von uns bekommt jetzt nicht jeder zwangsl��ufig davon eine metabolische St��rung oder eine Depression. Und es ist halt so, dass jeder von uns individuell anders auf Stress reagiert. Und es ist schwer zu sagen, wo da die Grenzmarken liegen. Das ist tats��chlich auch ein Forschungsgegenstand, herauszufinden, welche Biomarker, also zum Beispiel irgendwelche Blutwerte, es geben k��nnte, die voraussagen, wer eine Depression bekommt oder nicht. Da gibt es ganz interessante Forschungsarbeiten hier auch auf dem Campus, die sich mit der Interaktion mit dem Immunsystem zum Beispiel besch��ftigen, weil wir zum Beispiel wissen, dass bei Stress Entz��ndungsmarker hochgehen. Und gleichzeitig bedeutet es f��r den K��rper Stress, wenn ich unter einer Entz��ndung leide, zum Beispiel bei einer Hauterkrankung. Also diese Dinge, die bedingen sich gegenseitig.

Peer Niehof: Kann Stress denn eigentlich auch zu einer Verminderung unserer kognitiven F��higkeiten f��hren?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Das ist in der Tat so. Gerade bei Dauerstress sehen wir sogar, dass sich Hirnmasse in Kernspinuntersuchungen zum Beispiel vermindert. Das liegt meistens daran, dass die Verbindungen zwischen Nervenzellen gest��rt sind und abnehmen, die sogenannten Synapsen. Im schlimmsten Fall kann es auch dazu f��hren, dass ganze Neuronen zugrunde gehen. Aber meistens ist es reversibel, insofern, dass sich diese Verbindungen wieder aufbauen k��nnen. Und das passiert vor allen Dingen in Hirnregionen wie dem sogenannten Hippocampus oder dem pr��frontalen Kortex, die f��r Kognition besonders wichtig sind. Und Sie merken das vielleicht auch mal selber an sich, dass man so ein bisschen zerstreuter wird, wenn man unter vielen Eindr��cken und Terminstress leidet. Und das liegt daran, dass wir dann auch akute Effekte haben. Die Wirkf��higkeit unserer Synapsen l��uft dann nicht mehr so optimal ab.

Peer Niehof: Das ist richtig, ich habe n��mlich wirklich den Eindruck, dass wenn ich unter Stress stehe, meine k��rperlichen F��higkeiten, meine Bewegungsabl��ufe ein bisschen nachlassen, dass ich dann vielleicht eher was fallen lasse, meinen Fu�� irgendwo ansto��e, irgendwo gegenbuffe. Das passiert dann eher, als wenn ich halt nicht unter Stress bin.

Prof. Dr. Anne Albrecht: Ja, das liegt auch daran, dass man seine Aufmerksamkeit anders steuert und dadurch werden wieder andere Hirnareale angesprochen.

Peer Niehof: Okay, also das hei��t, das ist nicht tollpatschig sein bei mir, das ist wissenschaftlich belegbar. Das ist sehr gut zu wissen. Frau Albrecht, ��ber 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler forschen im Bereich neuronale Kognition hier an der Universit��t Magdeburg. Auch Sie sind ja an einem Forschungsprojekt vertreten und befassen sich mit dem Schlafmittel als Stressfaktor. Was genau wollen Sie denn da bei dem Projekt herausfinden?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Genau. Es gibt da seit Januar ein gro��es Verbundprojekt bei uns. Da geht es um neuronale Ressourcen der Kognition. Und ich habe da auch ein Teilprojekt zusammen mit Professor Oliver Stork vom Institut f��r Biologie.

Peer Niehof: Am Hauptcampus. Der sitzt quasi nicht in der Universit��tsmedizin, sondern am Uniplatz oder an beiden Standorten?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Also das Institut ist tats��chlich hier nur ein paar 100 Meter Luftlinie auf unserem medizinischen Campus, aber das Geb��ude geh��rt sozusagen zur Fakult��t f��r Naturwissenschaften. Und ja, wir forschen zusammen an einem kleinen Molek��l, was im Gehirn an strategisch wichtigen Stellen sitzt oder an den Rezeptoren daf��r, die quasi ���Andockstellen��� f��r dieses Molek��l sind. Und dieses Molek��l hei��t Orexin. Und wir besch��ftigen uns damit, was Orexin machen kann, um kognitive St��rungen zu beheben, besonders unter Jetlagbedingungen zum Beispiel. Also, wenn ich eine St��rung des Schlaf-Wach-Rhythmus habe. Und wer schon mal so einen Langstreckenflug gemacht hat, der kann sich erinnern, da ist man die n��chsten paar Tage erst mal doch ziemlich eingeschr��nkt in seiner kognitiven Leistungsf��higkeit, durch das Molek��l Oxerin, was eigentlich den Schlaf regulieren kann. Und wir wollen halt untersuchen, welche zellul��ren Mechanismen und welche Verbindungen zwischen den verschiedenen Hirnarealen, die f��r Kognition wichtig sind, aber besonders durch Orexin moduliert werden k��nnen. Und die Langzeitstrategie ist nat��rlich, dass wir uns nicht nur mit Jetlag besch��ftigen, sondern auch wieder zu kognitiven St��rungen bei Stress oder bei Alterungsprozessen kommen und diese Kenntnisse ��ber die zellul��ren Prozesse des Orexins dann wieder dort nutzen k��nnen.

Peer Niehof: Wir hatten uns im Vorgespr��ch schon ��ber das Thema unterhalten, denn bei M��nnern und Frauen unterscheiden sich ja diese extremen Stresssituationen teilweise doch schon erheblich. Ist das denn feststellbar? Weil wir hatten zum Beispiel dar��ber gesprochen, dass ja auch bei Trennungen oder bei Scheidungen es Unterschiede gibt, wie M��nner und Frauen mit Stress umgehen.

Prof. Dr. Anne Albrecht: Ja, also es gibt da viele Erkenntnisse, also man kann nicht sagen, dass M��nner oder Frauen, einer von beiden weniger Stress anf��llig ist oder nicht. Das ist einfach nur so, dass man anders mit Stress umgeht und dass einen Stress vielleicht auch anders krank macht. Es gibt zum Beispiel eine stressinduzierte Erkrankung, die sogenannte posttraumatische Belastungsst��rung. Die kann sich entwickeln, wenn wir einem Trauma ausgesetzt sind, also zum Beispiel einen Unfall oder einem anderen, potenziell lebensbedrohlichen Ereignis. Und da ist es ganz klar so, dass M��nner oft eine Substanzabh��ngigkeit entwickeln. Und bei Frauen sieht man das sehr selten. Da sieht man eher, dass sie depressionsartige Symptome mitentwickeln k��nnen. Und auch wenn wir im normalen Alltag unterwegs sind ��� wir hatten gerade diese Trennungsproblematik besprochen. Da hatten wir uns kurz dr��ber unterhalten. Da ist es oft auch so, dass Frauen andere soziale Netzwerke f��r sich gestrickt haben als M��nner, meistens sogar im mittleren Alter. Da gibt es auch interessante Studien dazu, dass M��nner so tiefe Freundschaften, wo man wirklich ��ber die Gef��hle spricht, eher nicht so haben. Dann hat man eher so den Kumpel, mit dem man zum Sport geht. Bei Frauen ist das durchaus noch ausgepr��gter. Und dann kommen wir zu einem ganz wichtigen Punkt: Was hilft uns gegen Stress? N��mlich soziale Netzwerke sind da ein ganz positiver Einflussfaktor. Und wenn die anders angelegt sind, dann kann es auch zu unterschiedlichem Umgang mit Stress und unterschiedlichen Stressstrategien kommen.

Peer Niehof: Das bedeutet, es kommt gar nicht darauf an, dass ich einen gro��en Freundeskreis habe, sondern dass ich nat��rlich, wenn Sie soziale Netzwerke ansprechen, auch einen Freundeskreis habe, mit dem ich mich austauschen kann, was Frauen dann wahrscheinlich laut Wissenschaft eher machen als M��nner.

Prof. Dr. Anne Albrecht: Genau, das kann man nat��rlich nicht immer. Eine Statistik bedeutet noch nicht, dass der Einzelfall immer so aussieht. Genau. Aber es ist halt tats��chlich so, dass man ein stabiles soziales Netzwerk, was wirklich supportiv wirkt, also was unterst��tzend wirkt, dass das wirklich ein wichtiger Faktor ist. Das sind dann Leute, die ich, wenn ich jetzt wirklich traurig bin, dann auch mal nachts um vier zur Not anrufen kann. Oder wenn ich Hilfe brauche, einen Umzug zu organisieren, wenn man sich getrennt hat oder solche Sachen. Dass die auch wirklich dann da sind und sich mit k��mmern und sich die Zeit daf��r nehmen. Das ist sicherlich noch mal eine andere Qualit��t, als wenn ich einen guten Bekannten habe.

Peer Niehof: Sie hatten vorhin schon den Begriff Resilienz erw��hnt. K��nnen Sie uns noch mal und auch den Zuh��rerinnen und Zuh��rern erkl��ren, was das genau bedeutet?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Also Resilienz kann man direkt ��bersetzen mit einer Widerstandsf��higkeit. Das bedeutet im Prinzip, dass ich mit Stress anders umgehen kann und vielleicht eine Strategie entwickelt habe, um nicht von Stress krank zu werden. Und da k��nnen wir wieder diese posttraumatische Belastungsst��rung vielleicht mal als Beispiel heran nehmen. Nach einem Unfall geht man davon aus, dass ungef��hr um die 30 Prozent der Leute so eine posttraumatische Belastungsst��rung entwickeln k��nnen. Der Rest, der kommt aber damit gut klar. Wenn Sie sich das selber vorstellen, ist es nat��rlich normal, dass ich nach einem so traumatischen Ereignis erst mal darauf reagiere, diese akute Stressreaktion habe. Normalerweise ist es so, dass man sich nach einigen Tagen zwar weiter damit besch��ftigt, ganz klar. Aber, dass diese k��rperliche Reaktion darauf dann abklingt. Bei einer posttraumatischen Belastungsst��rung geht man davon aus, dass nach einem Monat diese Stressantwort weiter anh��lt. Also es treten Schlafst��rungen auf, Konzentrationsst��rungen. Man f��hlt sich immer angespannt, eine ��bererregbarkeit tritt auf. Und dazu geh��rt noch, dass man sich an dieses traumatische Ereignis extrem stark erinnert. Also dieses emotionale Ged��chtnis ist aus dem Gleichgewicht gebracht. Und jetzt ist nat��rlich die Frage: Warum kriegen das 30 Prozent der Leute und warum kriegen das die anderen Leute nicht? Wie gesagt, da gibt es so die epidemiologische Forschung, die sich mit Einflussfaktoren besch��ftigt, die hat herausgefunden, dass Leute mit einem stabilen Netzwerk besser klarkommen. Es gibt auch genetische Faktoren, die man darauf zur��ckf��hren kann. Aber f��r uns ist es so eine gro��e Frage: Was passiert denn eigentlich im Gehirn bei den Leuten, die resilient sind, also widerstandsf��hig. Und was passiert bei den Leuten, die krank davon werden? Und tats��chlich ist es so: Dieser Begriff oder die Resilienzforschung an sich, die ist noch gar nicht so alt. Da gab es vor 10, 15 Jahren so die ersten Paper, die sich dann mehr damit besch��ftigt haben, was eigentlich so auf molekularer Ebene eine Rolle spielen k��nnte. Und uns interessiert dieses Thema auch extrem. Und grunds��tzlich ist es nat��rlich so: Wenn ich jetzt wei��, was Resilienz vermittelt, kann ich vielleicht den Leuten, die so einen Unfall durchgemacht haben, auch irgendwann mal weiterhelfen.

Peer Niehof: Das bedeutet, eine posttraumatische Belastungsst��rung ist nat��rlich ein Unfall oder ein wirklich traumatisches Erlebnis, was jetzt im Alltag nat��rlich nicht regelm����ig auftritt. Das bedeutet, es gibt ja unterschiedliche Arten. Also es gibt unterschiedliche Arten von Stress, was jetzt im Grunde genommen wahrscheinlich die Grundlage ist. Und dann gibt es nat��rlich die posttraumatische Belastungsst��rung, die einfach noch mal eine Ebene dr��ber legt, sozusagen.

Prof. Dr. Anne Albrecht: Genau. Das w��re dann so eine psychiatrische Erkrankung, die nur nach extremem Stress auftritt, die wir jetzt im Alltag hoffentlich nicht so haben. Aber es ist tats��chlich so, dass es Studien gibt, was unsere Wahrscheinlichkeit ist, so ein potenziell lebensbedrohliches oder so ein extrem starkes Ereignis mal zu durchleben. Und die kann bis zu 80 Prozent liegen in so einer westlichen Gesellschaft.

Peer Niehof: Bei der posttraumatischen Belastungsst��rung ist es nat��rlich eher so, dass man das wahrscheinlich schwierig untersuchen kann, weil es einfach nicht genug, in Anf��hrungsstrichen, genug Menschen f��r die Wissenschaft gibt, die das erlebt haben. Wie weit ist denn da die Wissenschaft? Kann man das schon irgendwie grob sagen?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Ja, es gibt nat��rlich hier in Sachsen-Anhalt zum Beispiel eine Ambulanz f��r Gewaltopfer, an die man sich wenden kann. Und in Berlin gibt es da auch so eine gro��e Ambulanz. Und nat��rlich ist es so, dass man dann auch Probanden finden kann, die man untersuchen kann. Anderer Punkt ist nat��rlich: In unserem Labor arbeiten wir nicht mit Probanden, sondern wir arbeiten mit verschiedenen Modellen im Nagetier, in denen wir auch solche Situationen simulieren k��nnen. Und wir gucken nat��rlich auch, wie geht es den M��usen danach, nach einem psychologischen Stress und dann kann ich dasselbe sehen. Ich habe also Tiere, die sich wie eine Kontrollgruppe, die immer gl��cklich im K��fig sa��, verh��lt. Und ich habe Tiere, die individuell zum Beispiel in einem bestimmten Test-Setting dann doch ein bisschen ��ngstlicher reagieren. Und da ist nat��rlich jetzt die Frage: Wie unterscheiden die sich molekular? Zum Beispiel.

Peer Niehof: Wenn wir noch mal auf die Resilienz zur��ckkommen. Gibt es denn Faktoren, die die Resilienz irgendwie f��rdern?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Ja, wie gesagt, da hatten wir uns ja schon unterhalten ��ber das soziale Netzwerk als gro��en Faktor. Ein zweiter Punkt ist nat��rlich, jeder von uns kennt in seinem Alltag oder macht das auch unbewusst, benutzt Strategien, die uns helfen, mit Stress umzugehen. Zum Beispiel ist es so, dass viele von uns so ein bestimmtes Hobby haben, dem sie nachgehen. Sport ist da so ein guter Punkt. Wenn wir uns noch mal daran erinnern, wie eine akute Stressreaktion aussieht, Adrenalinaussch��ttung und Muskelanspannung, dann kann man sich vorstellen, dass wenn man sich dann auf dem Fu��ballfeld austobt oder beim Laufen, dass das wirklich eine gute Strategie ist, um gegen diese Stressreaktion anzuk��mpfen und diese abzubauen. Auch langfristig. Und das sind sicherlich Strategien, die viele von uns so in den Alltag schon mit einbauen. Nat��rlich ist es so, dass da jeder so seine eigene Nische findet und dass das auch immer situationsangepasst dann stattfindet.

Peer Niehof: Das bedeutet, man kann seine Widerstandsf��higkeit in gewisser Art und Weise bereits trainieren. Manche machen das schon, wahrscheinlich unterbewusst, gerade durch Sport. Wir hatten ja auch schon dar��ber geredet, dass es ja Unterschiede beim Stress zwischen den Geschlechtern gibt. Gibt es da aber auch Unterschiede im Alter? Also ist zum Beispiel ein junger 18-J��hriger stressresistenter als vielleicht jemand, der gerade die 60 gekratzt hat?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Das ist eine gute Frage. Also im Prinzip ist es ja so, wenn wir uns die k��rperlichen Reaktionen anschauen, dann ist es so, dass j��ngere Menschen sicherlich noch einen gr����eren Puffer haben, bevor sie irgendwann mal ein metabolisches Syndrom entwickeln, obwohl man sich das auch so vorstellen kann, dass man wie so ein Konto anlegt, wo man dann draufzahlt und ein stressreicher Lebensstil sich nicht unmittelbar r��chen muss. Aber ich habe dann ein h��heres Risiko, Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entwickeln. Und diese typischen Managerkrankheiten, die kriegen Sie ja auch nicht, wenn Sie 30 sind. Aber das schl��gt dann zu, wenn man ein bisschen ��lter ist. Und tats��chlich kommt es wieder ganz auf die Situation an. Man hat nat��rlich vielleicht k��rperlich ein bisschen mehr Puffer, Sachen auszugleichen in j��ngeren Jahren. Man hat sicherlich aber ��bers Alter mehr kognitive Strategien erlernt, auch mit Stress umzugehen, wo einfach vielleicht die Erfahrung fehlt in j��ngeren Jahren.

Peer Niehof: Okay, das ist schon mal gut zu wissen. Frau Albrecht, wenn ich versuche, meinen Alltag zu strukturieren, dann kann das ja auch in Stress ausarten, Arbeit, Sport, Freunde treffen etc. pp. Welche Arten von Stress gibt es denn? Wir haben das jetzt schon so leicht gekratzt, aber da gibt es sicherlich noch mehr Arten als, in Anf��hrungsstrichen, nur den normalen Stress, die posttraumatische Belastungsst��rung.

Prof. Dr. Anne Albrecht: Genau. Also ich k��nnte es nach Intensivit��t klassifizieren. Wir haben auch schon angesprochen, Akut- vs. Dauerstress, das ist ja auch ein wichtiger Punkt, ob ich immer nur akute Stressereignisse haben, die abklingen. Ich kann mich ausreichend erholen oder ob es in Dauerstress ausartet. Und zum anderen ist es nat��rlich so, dass Stress nicht immer nur schlecht sein muss. Also, in der Stressforschung unterscheidet man auch gerade in der Arbeitsmedizin Eustress und Distress. Eustress bedeutet immer gut, kommt aus dem Griechischen. Distress w��re der Stress, der negativ ist. Und jeder von uns hat das sicherlich schon mal erlebt, dass so eine Deadline sehr belebend sein kann. Also dass man dann pl��tzlich ganz viel weg schafft, wenn die Zeit halt dann darauf dr��ngt. Und wieder ist es so, manche Leute genie��en das ja wahnsinnig, wenn der Tag sehr vollgepackt ist, wenn der Terminkalender voll ist und sie ganz viel Action haben und ganz viele Leute treffen. Und vielleicht eher introvertierte Pers��nlichkeiten, die empfinden das dann halt schon als unangenehm, als stressig. Und da kommen wir wieder auf die individuelle Balance zu sprechen, dass auch diese Sachen nicht gleich sind f��r jeden. Und entsprechend seiner eigenen Neigungen eignet man sich dann eigene Anpassungsstrategien an.

Peer Niehof: Das passiert wahrscheinlich auch ganz oft einfach unterbewusst.

Prof. Dr. Anne Albrecht: Genau. Also es ist sicherlich so, wenn ich jetzt meinen Terminplan sehr voll mag, dann plane ich ja meinen Tag entsprechend. Oder wenn ich es zum Beispiel ��berhaupt mag, dass ich Pl��ne mache. Das ist ja auch so eine Strategie, um seinen Stress abzubauen. Ich mag das auch lieber, wenn ich wei��, was am Tag auf mich zukommt, wenn alle Termine irgendwo auf einer Liste stehen und ich auch meine To-Do-Liste abhaken kann. Das beruhigt mich.

Peer Niehof: Ja, mich auch.

Prof. Dr. Anne Albrecht: Und es gibt aber auch Leute, die das eher einzw��ngt, die dann das Gef��hl haben, ihr Tag wird irgendwie fremdbestimmt oder kontrolliert, und die w��ren dann vielleicht eher nicht so der Typ, der das wahrnimmt.

Peer Niehof: Ich habe ganz oft den Eindruck, dass, wenn man so in die Gesellschaft guckt, dass der Stress oder dieser Begriff Stress zu einem Modebegriff geworden ist und auch wirklich zu so einem Statussymbol. Denn wer ja viel Stress hat, der hat viel zu tun, der ist wahnsinnig beliebt, der hat viel um die Ohren, ist damit irgendwie auch wichtig. Meiner Meinung nach ist das eine gef��hrliche Entwicklung. Wie sehen Sie das?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Ja, diese Entwicklung gibt es. Die gibt es schon ganz lange, dass der, der immer busy ist, auch besonders nachgefragt oder leistungsf��hig ist. Es gibt aber auch, mein Gef��hl, eine Gegenbewegung, in der es um Work-Life-Balance zum Beispiel geht. Das ist ja so ein gro��es Schlagwort, was jetzt f��r viele Firmen immer wichtiger wird. Und selbst bei uns an der OVGU gibt es ja auch Angebote, wie ich zum Beispiel kleine Auszeiten in meinen Arbeitsalltag integrieren kann, wie zum Beispiel eine aktive Pause oder Sportangebote. Oder es gibt flexiblere Arbeitszeitmodelle, wo ich dann mir den Tag besser einteilen kann und es wird familienkompatibler. Also ich sehe schon, dass es da so eine Gegenbewegung gibt und dass auch so Stichworte wie Achtsamkeit, die ja auch wieder auf F��rderung von Widerstandsf��higkeit und Stressabbau zielen, dass die in unserem Alltag doch eine immer gr����ere Rolle spielen.

Peer Niehof: Dann kommen wir eigentlich auch schon zum passenden Thema, weil was hilft gegen Stress? Wollen jetzt vielleicht auch einige Zuh��rerinnen und Zuh��rer wissen. Wenn ich mal Stressabbau google, wirklich dieses Keyword eingebe, dann bekommt man so wunderbare Vorschl��ge, wie man soll Lieder summen, man soll H��nde unter warmes Wasser halten oder man soll Yoga machen. Aber auch so wunderbare Vorschl��ge wie eine digitale Auszeit. Also das Handy wirklich mal daneben legen und den Laptop ausschalten. Sind das Tipps, die wirklich helfen oder kann da die Wissenschaft was anderes herausfinden und sagt: Es sind ganz andere Ansatzpunkte?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Tats��chlich ist es so, dass alle diese kleinen Methoden darauf abzielen, dass ich mich aus einer Situation kurz rausnehme und eine kurze Pause mache und mich auf was anderes konzentriere, zum Beispiel die H��nde unter Wasser halten. Und das ist das, was uns dann im Prinzip eine M��glichkeit gibt, uns kurz zu resetten und zu schauen: Wie geht es mir denn eigentlich dabei? Also es kann schon eine Strategie sein, die da hilfreich ist. Tats��chlich gibt es auch richtig knallharte Belege daf��r, dass zum Beispiel Meditationstechniken, bestimmte Atemtechniken was mit unserem Hirn machen und zum Beispiel rhythmische Hirnaktivit��t kontrollieren. Also, wenn Sie sich Zeit nehmen und f��r einige Minuten konzentriert tief ein und ausatmen, dann bewirkt das, dass unser Gehirn in einen bestimmten Rhythmus kommt und wir uns dabei beruhigen. Und wenn ich das zum Beispiel nachstelle, auch einem Tiermodell und da so eine rhythmische Hirnaktivit��t induziere, dann kann ich sehen, dass auch die Tiere zum Beispiel weniger ��ngstlich sind pl��tzlich. Also das kann ich wirklich nachstellen. Und diese Information kann ich dann eben auch in meinen Alltag mit einbauen. Und dadurch, dass die Stressreaktion immer so individuell ist, muss nat��rlich jeder gucken, was f��r einen selbst so funktioniert. Also ich mache auch Yoga, da gibt es ganz viele andere Stile, die man da machen kann. Und ich mag das zum Beispiel ��berhaupt nicht, wenn man dann minutenlang auf einer Stelle sitzen muss und eine bestimmte Position halten muss. Das entspannt mich gar nicht. Eher im Gegenteil. Aber wenn man sich so dabei bewegt und dabei atmet, das finde ich sehr angenehm, dann f��hle ich mich auch danach entspannter, wenn ich aus dem Kurs rauskomme.

Peer Niehof: Aber was wir auf jeden Fall gelernt haben, ist, dass es super individuell ist; dass der eine sagt: Okay, die Atem��bungen funktionieren bei mir. Bei mir selbst ist es eher der Sport und nicht auch der Sport, wo man viel einatmet, so dass man sich etwas schneller bewegt. Es ist gar nicht vielleicht der Sport an sich, sondern vielleicht auch die Phase danach, wie Sie gesagt haben, dass man zur Ruhe kommt, dass der K��rper ein bisschen runter f��hrt. Das ist wahrscheinlich das, was den Stressabbau unterst��tzt. Sie untersuchen in dem Zusammenhang gemeinsam mit den Biologen der Uni Magdeburg auch den Prozess der Autophagie. Was ist das denn? K��nnen Sie das ungef��hr erkl��ren, was dieser Begriff bedeutet und was Sie machen?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Genau. Also Autophagie ist ein Prozess, den selbst Hefezellen schon haben, also den, der bis in die S��ugetierzellen dann weiterverfolgt worden ist. Und Autophagie ist so ein Reinigungsmechanismus der Zelle, so k��nnte man das beschreiben, wo zum Beispiel Proteine, die nicht mehr gut funktionieren oder Zellbestandteile, die nicht mehr gut funktionieren, abgebaut werden. Und in Neuronen ist die Rate an diesen Abbauprozessen tats��chlich relativ hoch. Aber die werden nicht nur dazu genutzt, um zum Beispiel fehlgefaltete Proteine, die auch eine Ursache sind f��r Erkrankungen wie Alzheimer-Demenz, abgebaut werden, sondern wir nutzen Autophagie in Neuronen auch, um bestimmte Signalmolek��le, die wieder f��r die sogenannte Plastizit��t, die Informations��bertragung und die Anpassung der Informations��bertragung wichtig sind. Und Autophagie kann dann zum Beispiel so ein Molek��l, das in der Zelle sitzt, um Informationen von der Nachbarzelle aufzunehmen, kann das dann zum Beispiel modifizieren, aufnehmen und daf��r sorgen, dass es dann da nicht mehr sitzt. Und das beeinflusst wieder, wie wir Informationen auf zellul��rer Ebene verarbeiten. In unserem Projekt, das wir dann im Januar richtig starten wollen, geht es wieder um ein kleines Molek��l im Gehirn, das sogenannte Neuropeptid Y.

Peer Niehof: K��nnen Sie noch kurz erkl��ren - wir waren alle in Biologie, haben bestimmt super aufgepasst ��� was ein Neuropeptid ist?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Also Neuropeptid ist eigentlich so ein kleines Miniprotein. Und das besondere an den Neuropeptiden ist, dass sie nicht als die ��blichen Neurotransmitter am ganzen Gehirn vorkommen, sondern es gibt bestimmte Zellen, die die produzieren, und die sitzen nur an bestimmten Stellen im Gehirn. Das Neuropeptid wird dann aber ausgebreitet und weitertransportiert zu anderen Hirnarealen. Dort gibt es dann Andockstellen daf��r und in diesen Zellen, im Zielareal, werden bestimmte Prozesse ausgel��st. Und wir wissen zum Beispiel ��ber dieses sogenannte Neuropeptid Y, dass es angstl��send wirkt und dass es auch die Resilienz zu f��rdern scheint, selbst bei traumatischem Stress. Aber wir wissen nicht so gut, was eigentlich in den Zellen passiert, wenn NPY dort andockt. Und wenn wir das verstehen k��nnen, dann k��nnten wir vielleicht auch zur Entwicklung von Medikamenten, die die Resilienz f��rdern, letztendlich beitragen. Und wir wissen, dass NPY Autophagie anschiebt und denken, dass dieser Mechanismus eine gro��e Rolle dabei spielen kann. Wir wissen das schon durch Vorbefunde, die ich zusammen mit Anke M��ller aus dem Institut f��r Pharmakologie in einem gemeinsamen Projekt erhoben habe. Das lief ��ber das Center for Behavior Brain Research, das CBBS hier am Campus. Da wussten wir schon, dass ein bestimmtes Signalmolek��l in den Zellen ��ber NPY-vermittelte Autophagie ver��ndert wird. Und in unserem gegenw��rtigen Projekt konzentrieren wir uns auf die sogenannte Pr��-Synapse, also auf bestimmte Strukturen im Hippocampus, einer Hirnregion, die wichtig ist f��r die Integration von Ged��chtnis, aber auch f��r emotionales Lernen.

Peer Niehof: Wenn wir in die Zukunft blicken, Sie haben das Thema eben schon angesprochen. Medikament, das ist ja ein spannender Punkt. Gibt es irgendwann mal ein Medikament, das den Stress entfernt oder uns widerstandsf��higer macht? Gibt es da irgendwelche Prognosen f��r die Zukunft?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Die Idee ist nat��rlich, dass wir gerade dann ein Medikament entwickeln, wenn es neurologisch-psychiatrisch relevant wird. Also wir hatten schon das Beispiel der posttraumatischen Belastungsst��rung oder das Beispiel der Depression. Da ist es nat��rlich wichtig, dass wir unsere Medikamente verbessern. Bei der Posttraumatischen Belastungsst��rung ist es so, dass die Medikamente, die es da gegenw��rtig gibt, vielleicht einem Drittel der Patienten gut helfen. Bei einem Drittel ��ndert sich nicht so viel und einem Drittel geht es auch unter medikament��ser Therapie schlechter. Und hier ist es nat��rlich wichtig, dass wir Medikamente entwickeln k��nnen, denn das ist ein traumatisches Ereignis und wir k��nnen bisher nicht voraussagen, wen es dann trifft, wer eine PTBS entwickelt, so eine posttraumatische Belastungsst��rung. Und wir k��nnen auch noch nicht vorhersagen, wie lange das dann geht. Es kann sie also in jungen Jahren treffen und dann nehmen sie das f��r den Rest ihres Lebens mit sich. Und hier ist es wichtig, pr��zisere Medikamente zu treffen. Es gibt Medikamente, die zum Beispiel auf Neurotransmittersysteme abzielen, die uns runter d��mpfen. Dadurch l��sst die Angst nach. Aber man wird m��de, kann sich schlecht konzentrieren, hat eine schlechte Merkf��higkeit und schlimmer noch, die machen abh��ngig. Also ich muss immer die Dosis erh��hen und es gibt Entzugserscheinungen, wenn ich das absetzen will. Es ist also nicht so ideal. Andere Medikamente, die es im Moment gibt, zum Beispiel Antidepressiva, die eigentlich nicht daf��r zugeschnitten sind, aber helfen k��nnen. Also der Bedarf ist eindeutig da. Und was k��nnen wir daraus machen? Eine Idee ist zum Beispiel mit diesem Neuropeptid Y, wenn wir wissen, dass das hilft, k��nnen wir das nat��rlich auch geben. Diese kleinen Neuropeptide, die Molek��le sind so klein, die kann man als Nasenspray geben, weil n��mlich der ��bergang unserer Nasenschleimhaut sehr d��nn und durchl��ssig ist, diese Knochen-Lamelle bis zum Gehirn. Und das funktioniert, dass man kleine Molek��le dort eingibt und die diffundieren dann sozusagen durch. Und es gibt erste Versuche, dass das mit diesem NPY-Molek��l, also Neuropeptid-Y-Molek��l auch funktioniert und dass das im Gehirn dann ankommt. Problem ist nat��rlich, wenn ich die Mechanismen, die relevant sind f��r Ged��chtnis und f��r Stressverarbeitung nicht ausreichend verstehe, dann kriege ich mehr Nebenwirkungen, weil Neuropeptid Y zum Beispiel auch auf den sogenannten Hypothalamus wirkt. Eine Hirnregionen, die f��r Nahrungsaufnahme zust��ndig ist und dann kriege ich ganz viel Hunger. Dann bin ich zwar weniger ��ngstlich, habe aber dann ein anderes Problem. Und da sieht man halt schon, dass man genau austarieren muss und genau die Wirkungsmechanismen verstehen muss, um gerade diese ungewollten Nebeneffekte unterdr��cken zu k��nnen. Und da sind wir auf dem Weg, aber der ist noch l��nger.

Peer Niehof: Das hei��t ein sehr, sehr schwieriger Entwicklungsprozess und man sollte sich das nicht so vorstellen, dass es dann ein Medikament gibt, eine Pille, die man einwirft und der Stress ist auf einmal verloren und vergangen. Das passiert nicht, sondern es ist auch schon sehr speziell f��r gewisse Zielgruppen entwickelt.

Prof. Dr. Anne Albrecht: Genau. Und wie gesagt, Stress ist ja wieder sehr individuell, wie der wahrgenommen wird. Und es ist sicherlich sinnvoller, wenn man sich Strategien wie Sport zum Beispiel ��berlegt f��r seinen Alltag. Das wird sicherlich einfacher sein, als Medikamente zu nehmen, wo man Wirkung gegen Nebenwirkungen austarieren muss. In diesem individuellen Spannungsfeld, das ist sicherlich ein sehr schwieriger Punkt. Und die Zielgruppe sind wirklich Patienten mit einer psychiatrischen Grunderkrankung, die ihren Alltag so nicht mehr bew��ltigen k��nnten.

Peer Niehof: Zum Abschluss habe ich noch zwei Fragen an Sie, Frau Albrecht. Wann erleben Sie denn eigentlich Stress?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Also im beruflichen Umfeld gibt es da sicherlich viele Situationen. Zum Beispiel man hat eine Vorlesung mit 200 Studenten und pl��tzlich steigt der Beamer aus und nichts funktioniert mehr. Dann kriege ich auch schon erh��hten Puls. Oder man hat einen wichtigen Vortrag auf einem Fachkongress und pl��tzlich st��rzt die Pr��sentation ab. Also das sind sicherlich sehr, sehr unangenehme Situationen, aber man muss dann halt wieder lernen zu improvisieren und zu gucken, wie man da das Beste draus machen kann.

Peer Niehof: Haben Sie denn einen Tipp, wie man privat mit Stresssituationen umgehen kann? Was w��rden Sie denn eigentlich Freunden und Familie empfehlen, wenn die sagen: Frau Albrecht, Sie machen doch was mit Stress. Empfehlen Sie uns mal was. Ich habe gerade ganz viel Stress.

Prof. Dr. Anne Albrecht: Also dann w��rde ich nat��rlich auch empfehlen, ��ber solche Strategien nachzudenken, wie zum Beispiel Sport. Und oft ist es auch so, wenn wir ein akutes Problem haben, sieht das akut erst mal ganz schlimm aus. Und wenn man aber eine Nacht dr��ber schl��ft oder erst mal abwartet, dann sind viele Probleme dann doch gar nicht mehr so riesengro�� und das Stresslevel l��sst sich dann anpassen.

Peer Niehof: Und wem H��nde unter warmes Wasser halten hilft, dem sei so auch geholfen. Finde ich auch gut. Zum Ende des Podcasts: Wie sieht denn jetzt Ihr Stresslevel aus? Auf einer Skala von 1 bis 10?

Prof. Dr. Anne Albrecht: Das war doch ein sehr angenehmes Gespr��ch. Jetzt bin ich wieder ganz entspannt.

Peer Niehof: Sehr gut. Vielen Dank, Frau Albrecht, f��r das Gespr��ch. Damit sind wir schon am Ende unseres Podcasts heute. Habt ihr Fragen, Feedback, Themenw��nsche. Dann freuen wir uns auch immer ��ber Anregungen per Social Media oder auch gerne per Mail. Wir freuen uns ��ber den Austausch mit euch. Bis dahin w��nsche ich eine sch��ne Herbstzeit und bis bald hier bei ���Wissen, wann Du willst. Der Podcast zur Forschung an der Uni Magdeburg���.

Outrostimme: Wissen, wann Du willst. Der Podcast zur Forschung an der Uni Magdeburg.

Letzte ��nderung: 17.01.2024 -
Ansprechpartner:��Webmaster