#5: Wie Corona unsere Sprache ver��ndert
Lockdown light, Social Distancing oder Hybridsemester ��� alles W��rter, die wir erst seit kurzer Zeit in unserem Alltag verwenden. Wie schnell sich unsere Sprache ver��ndern kann, wird durch die Corona-Pandemie besonders deutlich. Aber warum ist das so? Warum ver��ndern gesellschaftliche Ereignisse die Art wie wir reden? Und wie k��nnen wir durch unsere Worte die Gesellschaft ver��ndern?
Prof. Kersten Roth erforscht mit seinem Team an der Uni Magdeburg unsere Sprache ��� wie sie sich entwickelt und wie sie gezielt von Medien und der Politik eingesetzt wird. In der neuen Folge ���Wissen, wann du willst��� spricht der Linguist ��ber seine Forschung, wie Donald Trump die politische Kommunikation ver��ndert hat und, was die kleinen Botschaften in den Kabinen ��ffentlicher Toiletten ��ber unsere Verst��ndigung aussagen.
Heute zu Gast
In unserer ersten Folgen des neuen Jahres ist Prof. Kersten Roth vom Lehrstuhl Germanistik der Uni Magdeburg, genauer gesagt der germanistischen Linguistik. Hier forscht und lehrt er rund um das Thema Lingustik, wie zum Beispiel zum Thema Gespr��chskompetenz oder Rhetorik. Neben Germanistik kann an der Fakult��t f��r Humanwissenschaften unter anderem auch Lehramt, European Studies, Cultural Engineering, Sozial- oder Sportwissenschaften sowie Peace and Conflict Studies und Philosophie-Neurowissenschaften-Kognition studiert werden.
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Der Podcast zum Nachlesen
Introstimme:��Wissen, wann du willst. Der Podcast zur Forschung an der Uni Magdeburg.
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Ina G��tze: Es beginnt mit dem verschlafenem ���Guten Morgen���, es geht weiter mit Meetings und Mails auf Arbeit, mit den unz��hligen WhatsApp-Nachrichten, die wir t��glich verschicken, und es endet abends mit dem Smal-Talk in der Bar ��� vielleicht im Moment weniger, aber daf��r vielleicht mit den Nachrichten im Fernsehen. Es geht um Sprache, denn die begleitet uns den ganzen Tag. Unser heutiger Gast erforscht mit seinem Team die Wirkung von Sprache, also wie sie gezielt eingesetzt werden kann, wie sie uns beeinflusst und wie sich auch unsere Gesellschaft durch Sprache ver��ndert. Professor Kersten Roth ist Professor f��r Germanistische Linguistik mit dem Schwerpunkt Medienlinguistik und politische Kommunikation hier an der Uni Magdeburg und in welchem Format k��nnte man besser ��ber das Thema Sprache reden, als in einem Podcast. In diesem Sinne, herzlich willkommen Professor Roth.
Prof. Dr. Kersten Roth: Hallo Frau G��tze.��
Ina G��tze: Damit wir eine bessere Vorstellung von Ihrer Arbeit haben: Was macht ein Professor f��r Germanistische Linguistik eigentlich den ganzen Tag?
Prof. Dr. Kersten Roth: Germanistische Linguistik hei��t zun��chst mal nichts anderes als die Wissenschaft von der deutschen Sprache. Und wenn man das den Leuten erz��hlt, dann denken sie oft daran, dass wir vermutlich den Duden schreiben oder ansonsten damit besch��ftigt sind, Grammatikfehler in unserer Umwelt und bei unseren Mitmenschen zu ermitteln, quasi so als Sch��tzer der deutschen Sprache. Das ist nat��rlich nicht das, was wir machen. Wir machen zun��chst mal das, was alle Kolleginnen und Kollegen an der Uni hier tun, wir lehren und wir forschen. Gegenstand unserer Forschung sind nat��rlich auch Fragen, die die Lexikographie betreffen oder die Grammatik, also wo es um die Struktur der Sprache geht. Aber unser Schwerpunkt an der OVGU liegt eigentlich bei den Dingen, die Sie in Ihrer Anmoderation aufgez��hlt haben, also dem, was man tats��chlich im ���real life��� ��� wie ich gerne sage ��� finden kann. Angewandte Linguistik hei��t dieser Bereich und da kommt tats��chlich alles infrage, was an Sprache vorzufinden ist, das geht von elaborierten Sprachbereichen wie Wissenschaftssprache oder Rechtssprache los und geht aber hin tats��chlich bis zu den Kritzeleien auf W��nden in ��ffentlichen Toiletten. Wir haben Kollegen und Kolleginnen, die auch so was untersuchen. Da sind wir also v��llig wahllos.
Das Besondere ist, in dieser Perspektive, die wir verfolgen, dass wir Sprache eigentlich weniger als ein Objekt betrachten, etwas, was da ist und fertig ist und wir uns nur anschauen m��ssen, sondern wir interessieren uns eigentlich mehr f��r Sprachhandeln, also gewisserma��en mehr f��r das Sprechen als f��r Sprache und betrachten dieses Sprechen eben als soziales Handeln und das ist das, was uns interessierte und was wir uns in der freien Wildbahn, wenn man so m��chte, anschauen und versuchen zu verstehen, was da passiert. Also das, was man so etwas absch��tzig Schreibtischlinguistik nennt, also, wo jemand tats��chlich an seinem Tisch sitzt und sich ��berlegt, wie es mit Sprache sein k��nnte, im Englischen noch etwas anschaulicher ���armshare linguistiks���, das machen wir eher nicht, sondern es ist tats��chlich eine theoriegeleitete, aber strikt empirische Wissenschaft.
Ina G��tze: ���In der freien Wildbahn��� ��� w��rde mich jetzt tats��chlich interessieren, was man aus den Kritzeleien auf ��ffentlichen Toiletten herauslesen kann?
Prof. Dr. Kersten Roth: Ja, ist kein Forschungsgebiet von mir, aber es ist ein sehr interessanter Forschungsgegenstand, weil man da relativ schnell sehen kann, ich glaube das wei�� jeder, der sich das schon mal sich angeschaut hat, dass da tats��chlich teilweise komplexe Interaktion stattfindet, also dass da jemand etwas an diese Wand schreibt und jemand anderes erg��nzt das, antwortet, korrigiert, macht irgendwie was anderes draus. Und das sind nat��rlich schon sprachliche Prozesse, die uns dann auch interessieren.
Ina G��tze: Jetzt ist es ja so, dass Gesellschaft und Sprache sich auch gegenseitig beeinflussen, also wenn sich etwas in unserer Gesellschaft ver��ndert, ver��ndert sich auch die Art und Weise, wie wir reden und umgekehrt beeinflusst Sprache nat��rlich auch die Art und Weise, wie wir Dinge oder auch Personen wahrnehmen. Beispiel: gendersensible Sprache. K��nnen wir denn wirklich durch die Wahl unserer Worte ein Umdenken bewegen, also dass es mehr Chancengleichheit gibt?
Prof. Dr. Kersten Roth: Ja, das ist so ein bisschen die Frage nach Henne und Ei, also bestimmt die Wirklichkeit die Sprache oder die Sprache die Wirklichkeit. Wir haben grunds��tzlich in der Linguistik, heute gehen wir von einer konstruktivistischen Grundidee aus, das hei��t, wir gehen davon aus, es gibt eigentlich diese Wirklichkeit gar nicht, ��ber die wir dann sprechen, sondern die wird zu ganz gro��en Teilen sprachlich konstruiert. Und wenn man von dieser Voraussetzung ausgehet, dann gibt es nat��rlich diesen Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Realit��t und Sprache. Also ein ganz zentraler Begriff in der modernen Linguistik ist der Terminus ���Wissen��� und die Einsicht, dass wir ganz viele Dinge, die wir wissen ��ber die Welt tats��chlich nur sprachvermittelt wissen, also das Beispiel, das ich immer gerne gebe ist: Wir alle wissen, und zwar seit Kindheitstagen wissen wir das, dass sich die Erde um die Sonne dreht, obwohl das unser allen empirischen Beobachtung jeden Tag aufs Neue widerspricht, weil wir nat��rlich jeden Tag wieder sehen, dass sich nat��rlich die Sonne bewegt. Und trotzdem halten wir das f��r Wissen. Und wie ist dieses Wissen entstanden? Eigentlich nur dadurch, dass wir diesen Satz ���Die Erde dreht sich um die Sonne��� als sprachliche ��u��erung ganz oft geh��rt haben. Und, wenn das so ist, dann kann man relativ schnell erkennen, dass das nat��rlich einen Einfluss von Sprache darauf gibt, wie wir die Welt sehen.
Und, wenn ich zu Ihrer Genderfrage komme. Es ist psycho-linguistisch, steht es au��er Frage, dass das sogenannte generische Maskulin keineswegs in dem Sinn neutral ist, dass wir, wenn wir eine maskuline Form h��ren gleicherma��en an M��nner und Frauen denken. Ein Satz wie: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker, den wir regelm����ig h��ren, ich glaube, da kann niemand leugnen, dass das Bild, das so in der allerersten Millisekunde so in uns aufblitzt ein Mann in wei��em Mantel ist, auch wenn wir nat��rlich wissen, dass wir genauso gut unsere ��rztin fragen d��rfen oder unsere Apothekerin, aber das hei��t, da findet nat��rlich durchaus Ausblendung von Frauen zun��chst einmal statt. Wir haben uns ja auch l��ngst daran gew��hnt, dass h��rt man eigentlich kaum noch anders, wenn wir ��ber Individuen sprechen nicht mehr auf die Maskulinform zur��ckzugreifen. Also niemand w��rde sagen, ���Ich habe gerade erfahren mein Hausarzt ist schwanger���, sondern wir w��rden schon sagen, ���Meine Haus��rztin ist schwanger���. Da ist das eigentlich ganz unauff��llig. Das war nicht immer so. Also es gibt diesen Zusammenhang zur Sichtbarkeit und das generische Maskulin ist nicht in diesem Sinne neutral. Aber ich w��rde dann gern was erg��nzen: Die Verh��ltnisse sind n��mlich noch ein bisschen komplizierter. Und auch das interessiert uns aus linguistischer Perspektive. Es ist n��mlich keineswegs so, dass wir empirisch zeigen k��nnen, dass immer und ��berall die m��nnliche Form gew��hlt wird. Im Fr��hjahr dieses Jahres war es eine Weile ein Thema, dass die Supermarktkassiererinnen gelobt wurden, weil sie weiter gearbeitet haben in der ersten Pandemiewelle. Und da war eben nicht von Supermarktkassierern die Rede, sondern da konnte man sehr systematisch etwas ��ber Supermarktkassiererinnen lesen. Oder wir lesen immer wieder, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein Problem f��r die M��tter ist. Und wir lesen viel seltener Formulierungen, aus denen hervorgeht, dass sie ja auch ein Problem f��r die V��ter sein k��nnte oder f��r die Eltern oder die Paare ist. Das hei��t, da geht es um Stereotype, und auch Stereotype sind sprachlich gebaut und auch damit w��rden wir uns besch��ftigen. Also, zum Genderthema insgesamt, ja, wir k��nnen das so best��tigen, Sprache beeinflusst in diesem Sinne die gesellschaftliche Realit��t. Das ��ndert aber nichts daran, dass die Entscheidung wie man damit umgehen m��chte, immer beim einzelnen Sprecher und bei der einzelnen Sprecherin liegt.
Ina G��tze: Ein sehr sch��nes Beispiel, wo das generische Maskulin auch einen Stereotypen trifft, ist tats��chlich, wenn ich zu meinen Kolleginnen und Kollegen sage: ���Ich gehe heute zum Friseur���. Dann alle, ach, was l��sst sie denn oder, was l��sst du denn von ihr machen? Und ich dann so: ���Nein, das ist ein Friseur. Es ist tats��chlich ein Mann.��� Aber, obwohl das Wort Friseur m��nnlich ist, denken alle, ich w��rde zu einer Frau gehen.
Prof. Dr. Kersten Roth: Ja genau, das ist ein sehr gutes Beispiel. Da kann man zun��chst mal sagen, ok, ich gehe zum Friseur, das wird mehr so interpretiert wie in das Friseurgesch��ft sozusagen, zur Institution Friseur gewisserma��en. Und dann setzt das Stereotyp ein, naja, die Person, die da arbeitet ist bestimmt eine Frau, genau.
Ina G��tze: Na mal gucken, wann sich das ��ndert. An der Wahl zum Jugendwort des Jahres erkennt man ja auch immer sehr sch��n, wie sich Sprache ver��ndert. F��r manche Erwachsenen nicht mehr ganz so nachvollziehbar. Warum ist es denn aber so, dass jede Generation eigene W��rter braucht?
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Prof. Dr. Kersten Roth: Also zun��chst einmal, diese Wahl zum Jugendwort selbst, das ist in erster Linie eine Verlagswerbeaktion. Da kommen dann h��ufig auch Dinge raus, wo auch junge Menschen sagen, das habe ich noch nie geh��rt, ��� (Lacht) ��� weil da h��ufig etwas gew��hlt wird, was m��glichst originell ist, m��glichst kreativ und Aufmerksamkeit erregt.
Ina G��tze: Das beruhigt mich aber.
Prof. Dr. Kersten Roth: Aber Jugendsprache selbst ist nat��rlich ein interessantes Ph��nomen. Und sie zeigt zweierlei, glaube ich, was wichtig ist aus linguistischer Perspektive. Zum einen zeigt Jugendsprache die gro��e St��rke und Besonderheit des Zeichensystems Sprache, menschliche Sprache im Vergleich zu anderen Zeichensystemen. Dieses Zeichensystem passt sich n��mlich an. Es passt sich permanent an, an die Welt, in der es benutzt wird. Also, wenn wir an ein Zeichensystem wie, das System aus Verkehrszeichen etwa denken, das passt sich nicht an. Das kann mal angepasst werden indem ein hinzugef��gt wird oder eins gestrichen wird, aber im Grunde ist es eben nicht dynamisch. Sprache ver��ndert sich im Grunde jeden Tag, oder ganz streng genommen mit jeder einzelnen ��u��erung , die getan wird und kann sich dadurch immer an ver��nderte Welten anpassen. Also, wenn ich mich zur��ckerinnere an meine Kindheit und Jugend und mir ��berlege, so sp��te 70er, fr��he 80er Jahre, was das f��r eine Welt war, dann war das eben eine Welt, in der es in den meisten Haushalten unter anderem in meinem, keinen Computer gab. Heute haben wir alle einen Computer, und zwar einen vernetzten und extrem leistungsf��higen Computer in der Hosentasche und permanent in der Hand. In meiner fr��hen Kindheit war es in der Bundesrepublik Deutschland so, dass sich die Ehefrau die Erlaubnis des Ehemannes einholen musste, wenn sie berufst��tig sein wollte. Ich war 16 als die Mauer gefallen ist und in meiner Kindheit und Jugend, ich bin Westdeutschland aufgewachsen, war die Vorstellung, dass ich mal im sch��nen Magdeburg berufst��tig sein k��nnte ��berhaupt nicht auf der Tagesordnung, also es ist eine v��llig andere Welt und dann , wenn man sich klar macht, dass Sprache soziales Handeln ist, dann kann man sich ganz gut vorstellen, dass sie sich anpassen muss.
Das Zweite, was man an Jugendsprache aber sch��n sehen kann ist, dass Sprache auch nicht das ist, was wir uns allt��glich h��ufig drunter vorstellen, n��mlich einfach ein Werkzeug zur ��bermittlung von Informationen. Das ist nat��rlich eine Funktion, aber wirklich nur eine unter vielen. Sprache hat noch ganz andere Funktionen, unter anderem solche, die wir als sozialsymbolische Funktion bezeichnen w��rden. Und Jugendsprache dient schlicht zur Abgrenzung. Jugendsprache dient zur Bildung von Identifikation einer sozialen Gruppe, die sich abgrenzen m��chte von den Generationen, von denen sie sich gerade emanzipiert, sozusagen, in dieser Phase. Und das bedeutet auch immer, dass Leute, die nicht zu dieser Gruppe geh��ren, eigentlich von vornherein immer keine Chance haben da hinterher zu kommen, weil, in dem Moment, wo jemand wie ich mit knapp 50 das mitbekommen hat, ist es im Grunde schon immer zu sp��t.
Ina G��tze: Also ist es ein St��ck weit bewusst, dass man eben auch gar nicht will, also unterbewusst als Jugendlicher, gar nicht will, dass die Eltern einen verstehen?
Prof. Dr. Kersten Roth: Ja, verstehen ist vielleicht gar nicht so der zentrale Punkt, aber man will, was man auf jeden Fall nicht will, dass die Eltern diese Sprache benutzen, weil es die Sprache der eigenen ���peer group��� ist.
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Ina G��tze: Was waren so die Hipster-W��rter Ihrer Jugend? Und gibt es W��rter, die sie aktuell nicht mehr verstehen?
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Prof. Dr. Kersten Roth: Also Hipster zum Beispiel nicht. Ich glaube, das Wort gab es in der deutschen Sprache noch nicht in meiner Kindheit und Jugend. Ich bin tats��chlich die Generation, die das Wort ���geil��� salonf��hig gemacht hat.
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Ina G��tze: Ja.
Prof. Dr. Kersten Roth: Von einem obsz��nen und sehr stark sexualisierten Ausdruck zu einem Ausdruck, der heute ja weitgehend neutral verwendet wird. Und nat��rlich ist es auch meine Generation, die dann irgendwann fand, dass ein Werbeslogan ���Geiz ist geil��� ein guter Werbeslogan sein k��nnte.
Ina G��tze:��(Lacht)
Prof. Dr. Kersten Roth: Ich pers��nlich bin nicht daran beteiligt gewesen. (Lacht) Ja, aber, das ist schon auch meine Generation. Wenn Sie fragen, nicht verstehen von jugendsprachlichen Ausdr��cken heute: Der Punkt ist tats��chlich nicht so sehr die Bedeutung. Also es ist nicht so, dass es W��rter gibt, von denen ich gar nicht wei��, was sie bedeuten, oder wenn, dann kann ich sie bei meinen Kindern relativ schnell erfragen, was die Bedeutung ist. Das Problem liegt tats��chlich eher auf der Ebene, die wir in der Sprachwissenschaft ���Pragmatik��� nennen, also das liegt auf der Ebene, wie benutzt man diese W��rter, wann benutzt man sie, wer benutzt sie und eben auch wann benutzt man sie nicht, man liegt da eben ganz gerne so ein kleines bisschen daneben, wen man dann versucht, diesen Ausdruck zu benutzen. Es gibt h��ufig bestimmte Wissenshintergr��nde, die mir dann fehlen w��rden. Heutige jugendsprachliche Ausdr��cke k��nnen etwas zu tun haben mit bestimmten Internet-Trends, mit Mimes vielleicht, die die jungen Leute kennen und die ich aber eben nicht kenne und weswegen ich deshalb dann nicht so genau wei��, wie sie eigentlich benutzt werden sollen. Es ist auch ganz spannend, dass das zum Teil sehr kompliziert ist. Und auch das kann man empirisch-linguistisch untersuchen in der Jugendsprachforschung. Es gab eine interessante Untersuchung als das Wort ���Assi��� in der Jugendsprache hochfrequent war ��� so vor 10 Jahren vielleicht etwa ��� eine Untersuchung von Kollegen, die das an empirischem Material untersucht haben und gezeigt haben, dass dieser Ausdruck ���Assi��� von den selben Sprechern als negative Zuschreibung an andere Gruppen verwendet wurde und als positive Selbstzuschreibung verwendet wurde. Und das sind Dinge, die kann man als Au��enstehender, die kann mann kaum erlernen. Das ist so ein bisschen so, wie wenn man eine Fremdsprache lernt, mann kann, wenn man flei��ig ist irgendwann alle oder viele Vokabeln und man kann die Grammatik beherrschen, aber so die feinen Nuancen, wann benutze ich das und wann nicht, die eben nicht. Und das ist mit Jugendsprache nicht anders.
Ina G��tze: Ich w��rde jetzt zum Beispiel nicht sagen k��nnen, wann man das Wort ���Assi��� positiv benutzt. Also ich kenne es: ���Wie assi bist du denn?���. Aber nicht im positiven Sinne.
Prof. Dr. Kersten Roth: Ja, das ist sozusagen, der positive Gebraucht funktioniert so ein bisschen indirekt. Also das haben diese Jugendlichen in der Gruppe benutzt, wenn sie sich selber sozusagen als eine ganz wilde Gruppe dargestellt haben. Aber in diesem Kontext dann eben als etwas Positives, was sie sozusagen f��r wilde Dinge tun.
Ina G��tze: Verr��ckt. Ich pers��nlich nutze ja liebe ein bisschen vergessene Worte wie famos, bauchmiezeln oder Mumpitz. Gibt es W��rter, die Sie in unserem Sprachgebrauch vermissen?
Prof. Dr. Kersten Roth: Also zun��chst einmal, wenn Sie famos ansprechen, das ist ganz interessant, ich war gestern in einer Video-Konferenz, wo eine deutlich j��ngere Kollegin zweimal das Wort ���famos��� benutzt hat.
Ina G��tze: Ach, das finde ich famos.
Prof. Dr. Kersten Roth:��(Lacht) Genau. Das scheint offensichtlich nichts Individuelles zu sein, sondern das Wort kommt vielleicht wieder. Und das gibt es immer mal wieder auch durchaus auch in jugendsprachlichen Kontexten, dass da alte W��rter reaktiviert werden und pl��tzlich wieder in Mode kommen. Vielleicht ist das mit ���famos��� so. Ich pers��nlich trauere keinen W��rtern hinterher. Linguistinnen und Linguisten haben ein sehr n��chternes Verh��ltnis zu Sprache. Wir wissen, dass der Sprachwandel n��tig ist und deshalb trauern wir dem auch nicht so hinterher. Aber tats��chlich ist das ein, wenn man sozusagen einen Schritt zur��ck macht, schon ein wichtiger Punkt. Die vergessenen W��rter oder die verlorenen W��rter sind eben nie ganz verloren. Es liegt immer in der Hand der Sprecherinnen und Sprecher solche W��rter eben auch wieder in den Gebrauch zu bringen, und es gibt durchaus auch Kontexte, wo man sich vorstellen k��nnte, das systematisch zu machen. Leibniz, den viele vermutlich eher als Mathematiker kennen, wenn Sie nicht an Kekse denken bei Leibniz, hat sich auch mit Sprache besch��ftigt und es gab eine Denkschrift Ende des 17. Jahrhunderts, wo er sich damit auseinandergesetzt hat, wie man die damals noch sehr wenig entwickelte deutsche Wissenschaftssprache weiterentwickeln kann. Wie man den Wortschatz ausbauen kann im Deutschen. Da hat er verschiedene Quellen genannt, fremdsprachliche Ausdr��cke nat��rlich oder auch regio-lektale Ausdr��cke, also Dialektausdr��cke, die man daf��r nutzen k��nnte und alte W��rter, vergessene W��rter sozusagen. Das hei��t, die sind nat��rlich immer ein Fundus, auf den immer wieder zur��ckgegriffen werden kann.
Ina G��tze: Jetzt ist es ja so, dass Sprachgef��hl sich nicht nur durch gesellschaftliche Ver��nderungen weiterentwickelt, sondern auch durch technische; Stichwort digitale Medien. Wie hat sich denn die Art und Weise zu kommunizieren durch Facebook, WhatsApp und Co. ver��ndert?
Prof. Dr. Kersten Roth: Die hat sich nat��rlich sehr grunds��tzlich ver��ndert. Weniger ver��ndert hat sich die Sprache als solche, sozusagen das sprachliche System. Das geht so schnell nicht. Das geht so einfach nicht. Echten Sprachwandel, da denken wir immer in Dimensionen von, na ja, mindestens Jahrhunderten. Den k��nnen wir nicht nachweisen. Was man ��brigens auch linguistisch nicht nachweisen kann, was man ja oft als Sorge h��rt, ist dass die Sprache der jungen Leute, die damit aufgewachsen sind irgendwie verarmt. Es gab eine Untersuchung von Z��richer Kollegen, die geschaut haben, ob das viele Kommunizieren ��ber digitale Medien sich eigentlich in Schulaufs��tzen niederschl��gt, ob da sozusagen Einfl��sse nachzuweisen sind. Die zu dem Ergebnis gekommen sind, dass das nicht der Fall ist, also dass die jungen Leute sozusagen schon diese verschiedenen Varianten unterscheiden k��nnen und eben auch beherrschen. Also auf dieser Ebene gibt es eher nicht so eine gro��en Einfluss.
Den Einfluss gibt es aber auf zwei Ebenen. Das eine ist wieder was, was in den Bereich der ���Pragmatik��� geh��ren w��rde: Nat��rlich hat sich unser sprachlich-kommunikativer Haushalt, wie wir das nennen w��rden, total ver��ndert. Wir kommunizieren heute in vielen Kontexten ��ber digitale Medien. Und das hei��t ��brigens h��ufig schriftlich, wo wir fr��her m��ndlich kommuniziert h��tten, telefoniert h��tten zum Beispiel, wo wir die Dinge fr��her ganz anders regeln mussten. In meinem Studium, wenn ich mit einer Professorin sprechen wollte, dann musste ich mich auf einem Zettel eintragen an der T��r. Dann musste ich einen Nachmittag mit 20 anderen Leuten auf dem Flur lagern, um dann irgendwann in der Sprechstunde zu sein und nach irgendeiner Zitierkonvention zu fragen, was dann drei Minuten gedauert hat. Heute schreiben die Studierenden daf��r eher eine E-Mail. Das ver��ndert nat��rlich Dinge ��ber diesen Kommunikationsweg hinaus. Man kann sich vorstellen, dass wenn es solche Kommunikationskan��le gibt wo eben zwischen Studierenden und Dozierenden sehr schnell, sehr regelm����ig, sehr ��konomisch kommuniziert werden kann, dass das auch das Verh��ltnis der Kommunikationspartner ver��ndert ��� w��rde ich in diesem Fall durchaus positiv finden ���, aber das ist eben so ein Bereich, wo man auch sieht, dass so was nicht im sprachlichen Bereich bleibt, sondern dar��ber hinaus Relevanz hat.
Das Zweite ist, dass der Status von Sprache so ein bisschen ein anderer ist in unserer Kommunikation, weil Sprache jetzt sehr h��ufig eingebettet ist in andere, also in multimodale Zusammenh��nge. Wenn Sie sich so einen typischen WhatsApp-Chat vorstellen, da schreibt jemand etwas in geschriebener Sprache, als Antwort kommt vielleicht ein Foto zur��ck und wiederum als Antwort eine Tonaufnahme, ein Video zur��ck und dazwischen haben wir noch Heerscharen von Emojis, ���
Ina G��tze:��(Lacht)
Prof. Dr. Kersten Roth: ��� und das alles zusammen ergibt das Kommunikant. Eigentlich hochspannend aus linguistischer Perspektive, auch wie schnell wir Routinen entwickelt haben, diese multimodale Kommunikation zu leisten. Aber da kommt Sprache nat��rlich ein anderer Stellenwert zu in dieser Kombination.
Ina G��tze: Wo wir gerade bei Sozialen Medien sind f��llt mir das doch sehr besondere Kommunikationsverhalten von Donald Trump ��ber Twitter ein. Er hat ja eine sehr besondere Art der politischen Kommunikation dar��ber bet��tigt. Hat er damit die Sprache der Politik nachhaltig ver��ndert?
Prof. Dr. Kersten Roth: Ja, ich glaube die Sprache der Politik hat er vielleicht nicht ver��ndert, obwohl er auch eine sehr eigenartige Sprache tats��chlich gebraucht hat. Es gab mal eine sehr sch��ne ��berschrift in der FAZ ���Politik in leichter Sprache��� f��r das was Trump tut, der eben sehr h��ufig mit einzelnen W��rtern arbeitet, die er immer wiederholt und die jetzt eigentlich nicht so dem Vokabular der politischen Sprache stammen. Also das ist schon eine Eigenart. Aber ich wei�� jetzt nicht, ob das sich so erhalten wird. Was tats��chlich sicherlich nicht mehr so richtig zur��ckzunehmen sein wird ist, dass Donald Trump tats��chlich bewiesen hat, dass die Stilregeln und Gesetzm����igkeiten politischer Kommunikation tats��chlich durch die sozialen Medien au��er Kraft gesetzt werden k��nnen. Also alles das, was so unter ���Gatekeeping��� f��llt. Man h��tte sich vor dem Amtsantritt von Donald Trump nicht vorstellen k��nnen, dass ein amerikanischer Pr��sident tats��chlich aus den Privatr��umen des Wei��en Hauses heraus an der kompletten Administration vorbei und am professionellen Journalismus vorbei kommunizieren kann in Kurznachrichten, um die Leute zu erreichen, die er erreichen m��chte. Und er hat gezeigt, dass das geht. Das ist ja zun��chst mal auch immer so bisschen eine Hoffnung gewesen, die es gab bei den Sozialen Medien, dass sie eben gerade solche Gatekeeping-Ph��nomene auch ��berwinden k��nnen und vielleicht neue ��ffentlichkeiten schaffen k��nnen, in denen sich tats��chlich auch mehr Leute beteiligen k��nnen. Ich glaube, dass das Beispiel Trump, und wir haben solche Tendenzen ja durchaus bei uns auch, jetzt tats��chlich eher vorgef��hrt hat, dass da quasi Diskursraum verstopft wird. Also, dass auf diese Art von Kommunikation tats��chlich auch der Raum wo eine vern��nftige Auseinandersetzung ��ber politische Fragen stattfinden k��nnte kleiner gemacht wird. Ich glaube, das ist eine Tendenz, ich wei�� nicht, ob man sagen kann, die hat Donald Trump bewirkt, sondern ich glaube er hat uns sehr drastisch vorgef��hrt, was wir an Tendenzen letztlich weltweit gerade erleben und was eben auch mit den Sozialen Medien zu tun hat. Ich w��rde trotzdem nicht die Sozialen Medien verdammen. Man kann sie sicherlich positiv nutzen, aber das erfordert eben auch wieder die Bereitschaft aller Beteiligten genau das zu tun.
Ina G��tze: Was er auf jeden Fall ver��ndert hat, ist ja auch so ein bisschen unseren eigenen Wortschatz. Der Begriff Fakenews, den haben wir so vorher nicht so sehr benutzt. Den hat er sozusagen salonf��hig gemacht. Aber kann man denn allein anhand der Sprache erkennen, ob jemand l��gt?
Prof. Dr. Kersten Roth:��(Lacht) Also, wir Linguisten und Linguistinnen k��nnen das nicht. Vielleicht k��nnen das tats��chlich eher andere Wissenschaften. Die Psychologie kann das m��glicherweise an bestimmten K��rperreaktionen, einfach Mimischem oder so was sehen. Die Linguistik eher nicht. Wir w��rden aus linguistischer Sicht allerdings auch bei so was, was so in Richtung L��gendetektor geht sozusagen sagen, ok das kann nat��rlich aber auch nur L��gen ermitteln, von denen der L��gner wei��, dass er l��gt. Das L��genkonzept ist nat��rlich m��glicherweise viel komplizierter. Plattes Beispiel: Wir erziehen unsere Kinder alle dazu zu l��gen, wenn der Onkel fragt, findest du mich zu dick, dann sagt das Kind, wenn es gut erzogen ist, ���Nein, alles gut���.
Ina G��tze:��(Lacht)
Prof. Dr. Kersten Roth: ��� und sagt damit m��glicherweise bewusst die Unwahrheit und w��rde keinen L��gendetektor-Test bestehen. Aber die Frage ist, ist das eine L��ge. Wir w��rden es linguistisch eher unter so was wie H��flichkeit fassen. Also insofern, L��ge erkennen eher nicht. Was die Fake-News angeht, da ist nat��rlich das Spannende, das Fake-News als Vorwurf immer in beide Richtungen funktioniert. Also Donald Trump hat diesen Begriff sehr stark gepr��gt, aber seine Gegner haben ja durchaus auch��� Es gibt ganze Listen und W��nde an denen Leute L��gen von Donald Trump gesammelt haben, also das geht ja in beide Richtungen. Als linguistischer Beobachter von linguistischer Sprache w��rden wir zun��chst mal mit unterschiedlichen Wahrheiten, mit alternativen Fakten sozusagen, wenn man so will, gar nicht so ein gro��es Problem haben. Politische Sprache und Auseinandersetzung lebt immer von verschiedenen Perspektiven, die sich dann auch in Sprache fasst, also mit unterschiedlicher Konstruktion von Wirklichkeit. Ansonsten br��uchten wir ja keinen politischen Diskurs, also dass eine bestimmte Ma��nahme von der einen Seite als M��tterrente bezeichnet wird und von der anderen als Herdpr��mie, das ist das Wesen von politischer Auseinandersetzung und wir w��rden da eigentlich nicht die Zuordnung machen: Ja, es ist aber eine M��tterrente und Herdpr��mie ist eine L��ge oder umgekehrt. Sondern es sind unterschiedliche Konstruktionen. Gerade in dem Trump-Kontext k��nnen wir ja auch sehen, dass es einen gewissen Konsens sozusagen braucht dar��ber, was die Grundlage der Auseinandersetzung ist. Also der eine kann es Herdpr��mie nennen, der andere kann es M��tterpr��mie nennen, aber wenn eben grunds��tzlich in Frage gestellt wird, ob es einen solchen Gesetzesentwurf gibt, dann wird politische Auseinandersetzung schwierig und das ist ja das, was wir jetzt auch gerade im Kontext mit dem Verhalten von Donald Trump nach der Wahl vorgef��hrt bekommen haben.
Ina G��tze: Passend zum Thema Politik und Gesellschaft, Sie gr��nden in diesen Tagen eine Arbeitsstelle f��r linguistische Gesellschaftsforschung. Und wir sind schon ein bisschen stolz, denn damit entsteht an unserer Uni etwas, was es deutschlandweit noch nicht gibt: n��mlich eine Transfereinrichtung f��r die linguistische Beratung von Politik und Gesellschaft. Was erforschen Sie da genau und wieso sind die Erkenntnisse wichtig f��r uns?
Prof. Dr. Kersten Roth: Ja, in dieser Form jedenfalls gibt es das in Deutschland an anderen Universit��ten bisher nicht. Ja, das gesellschaftliche und politische Ph��nomene eigentlich immer mit Sprache zu tun haben, wir haben ja jetzt ��ber einiges davon heute auch schon gesprochen, das ist bekannt. Das wissen die Kolleginnen und Kollegen aus den F��chern die daf��r zust��ndig sind, den Sozialwissenschaften, Politikwissenschaften. Das wissen auch Journalisten und Journalistinnen und trotzdem ist es so, dass die Linguistik als Stimme, auch als Beratungseinrichtung stark unterbelichtet ist und wir das so in der Community auch seit L��ngerem wahrnehmen und beklagen. Und die Schuld daran tragen, das muss man so hart sagen, wir Linguisten und Linguistinnen selber, weil wir ein Missverst��ndnis nicht aufkl��ren. Das Missverst��ndnis besteht darin, dass die Leute denken, dass Sprachwissenschaftler und Sprachwissenschaftlerinnen Leute sind, die sich mit Sprache besch��ftigen, also Experten sind, die etwas ��ber Sprache wissen. Das ist auch richtig so, da will ich gar nicht dran r��tteln.
Aber wir besch��ftigen uns eben mit Sprache, unter anderem auch, um ��ber die Analyse von Sprache etwas ��ber gesellschaftliche Wirklichkeit zu verstehen, gesellschaftliche Probleme zu verstehen, Herausforderungen zu erkennen, Chancen zu erkennen. Und die Idee, die mein Team und ich verfolgen mit dieser Arbeitsstelle f��r linguistische Gesellschaftsforschung ist genau diese zweite Perspektive st��rker bekannt zu machen und tats��chlich auch ganz konkret nutzbar zu machen. Wenn Sie fragen was erforschen wir: Im Grunde, das was unser normaler Forschungsgegenstand, was tats��chlich unsere Expertise ist. Ich will es vielleicht mal an ein paar Beispielen klarmachen, in welche Richtung das gehen k��nnte. Wenn wir zum Beispiel eine Diskussion wie die um rassistische Kommunikation in WhatsApp-Gruppen bei der Polizei haben, die uns eine Weile besch��ftigt hat, dann ist das Thema dieser Diskussion zun��chst mal Sprachhandeln. Sprachhandeln zun��chst ��brigens in diesem Fall in digitalen Medien, dar��ber haben wir vorhin gesprochen, die auch so ein bisschen ihre Eigengesetzlichkeiten haben. Und wo eine linguistische Analyse: Was wird kommuniziert? Was wird formuliert? Was wird weitergeleitet? Und so weiter. Das w��ren Fragen, die man durchaus linguistisch angehen kann und nat��rlich: Ist Rassismus ��berhaupt ein sprachliches Ph��nomen und eine sprachliche Konstruktion? Wie Sexismus ��brigens auch. Und alle Akteure, die damit zu tun haben, diese Dinge zu bek��mpfen, wo wir uns hoffentlich einig sind, dass das n��tig ist, k��nnen linguistische Expertise brauchen. Anderes Beispiel ist, alles was mit gesellschaftlicher Divergenz und Konvergenz zu tun hat, also mit dem Zusammenhalt von Gesellschaft und dem was Gesellschaft auseinandertreibt. Ist h��ufig eben auch in gro��en Teilen mit Sprache verbunden. Ich selbst arbeite schon recht lang zum Ost-West-Diskurs, also zu den sprachlichen Verh��ltnissen zwischen Ost- und Westdeutschland. Wir alle kennen diesen Ausdruck von der Mauer oder den Mauern in den K��pfen, die noch immer bestehen zwischen Ost und West. Wir w��rden sagen, das sind Diskursmauern, beziehungsweise das sind sprachlich gemachte Mauern und man kann sich eben zum Beispiel den medialen Diskurs ��ber Ost und West anschauen und dann kann man relativ sch��n zeigen, dass es tats��chlich ein bestimmtes Muster, ich hab das mal eine topische Treppe genannt, ein bestimmtes Beschreibungsmuster gibt, in dem Ostdeutschland regelm����ig sprachlich gefasst wird und das besteht aus der Markierung zun��chst Mal von einer Abweichung. Also das Ostdeutsche ist immer das, was anders ist, zu einer nicht weiter genannten Folie, die nat��rlich der Westen darstellt, aber das wird normalerweise nicht ausgef��hrt. Diese Abweichung ist in der Regel eine Schw��che, also das ist keine positive Abweichung, sondern das ist irgendwie immer eine Schw��che und diese Schw��che erscheint dann als Belastung f��r Westdeutschland oder f��r auch Gesamtdeutschland und ein solches Muster tr��gt nat��rlich etwas dazu bei, dass bestimmte Unterschiede und Spaltungen nicht ��berwunden werden k��nnen. Konkretes Beispiel: Pediga ist immer als ostdeutsches Ph��nomen konzeptualisiert worden in den Medien. Querdenken wird nicht in gleicher Weise als westdeutsches Ph��nomen gefasst, obwohl es ja in der urspr��nglichen Fassung sogar mit der Stuttgarter Vorwahl versehen war und nat��rlich aus bestimmten Szenen entstammt, die sehr typisch westdeutsch sind.
Solche Dinge zum Beispiel zu erkennen und das sind alles sprachlich nachweisbare Ph��nomene, das w��re eben etwas, was wir in dieser Transfereinrichtung gerne einbringen w��rden, dort wo es gebraucht wird. Und wenn Sie mir erlauben w��rde ich noch einen dritten Aspekt nennen, weil der f��r das Inneruniversit��re vielleicht auch interessant ist. Wir denken tats��chlich auch an unsere Kolleginnen und Kollegen aus anderen Wissenschaften und zwar aus solchen, die vielleicht uns Germanisten gar nicht auf dem Schirm haben, wenn sie an ihre Arbeit gehen, zum Beispiel die Kolleginnen und Kollegen aus den Ingenieurswissenschaften. In ganz vielen Arbeitsfeldern dort gibt es Akzeptanzthemen, also wenn wir zum Beispiel an die Projekte rund um das autonome Fahren denken. Da gibt es die Problematik: Was akzeptiert die Gesellschaft? Wie weit w��rde sie gehen? Welche ��ngste gibt es? Welche Sorgen gibt es da m��glicherweise? Und so etwas kann man aus verschiedenen Richtungen erforschen. Das macht zum Beispiel die Sozialpsychologie auch bei uns an der OVGU, aber das kann man eben auch diskurslinguistisch untersuchen. Und das hei��t, man kann es untersuchen indem man sich in Mediendiskursen, aber durchaus auch in Alltagsdiskursen mal anschaut, wie ��ber das Thema gesprochen wird und sich mal konkret anschaut: Was meinen eigentlich Leute, die Angst vorm autonomen Fahren haben? Zum Beispiel, was stellen die sich darunter vor? Was meinen sie damit eigentlich? Und das kann Kommunikationsprozesse zwischen Wissenschaft und Laien sozusagen, sicherlich auch beg��nstigen und w��ren zum Beispiel entsprechende Begleitforschungen denkbar.
Ina G��tze: Sie haben auch gerade vom medialen Diskurs gesprochen, was in Bezug auf Wahrnehmung und Meinungsbildung eben auch extrem wichtig ist. Eben das zum Beispiel Pegida oder die Querdenkenbewegung ostdeutsch wahrgenommen wird. Paradebeispiel f��r Zuspitzungen ist ja auch die Bildzeitung, die ihre Headlines doch sehr knapp auf eine Aussage oft reduziert. Wie viel Einfluss haben denn Medien mit ihrer Sprache auf unser Meinungsbild?
Prof. Dr. Kersten Roth: Ja, nat��rlich einen sehr gro��en. Also das was wir anfangs besprochen haben, dass wir ganz viel ��ber unsere Welt sprachvermittelt wissen, hei��t nat��rlich etwas pr��ziser ausgedr��ckt ganz h��ufig, dass wir es aus der sprachlichen Vermittlung ��ber Medien wissen und Leitmedien wie die Bildzeitung oder nat��rlich auch andere spielen da nat��rlich eine ganz gro��e Rolle. Das Verh��ltnis von Mediensprache, was ja auch einer der Schwerpunkte bei uns hier ist und politischer Sprache, was ein anderer Schwerpunkt bei uns hier ist. Das ist h��ufig ein relativ kompliziertes Verh��ltnis. Ich will das vielleicht am Jahr 2020 und dem Corona-Diskurs mal festmachen und der Rolle der Virologinnen und Virologen in diesem Diskurs. Wir haben im Fr��hjahr 2020��� tauchten pl��tzlich Fachwissenschaftlerinnen, ganz wenige zun��chst mal und vor allem m��nnliche Fachwissenschaftler aus einer Disziplin auf, die ansonsten im Mediendiskurs, die, ich sag mal in der Bildzeitung, vorher nicht so h��ufig vorkamen, n��mlich Virologen und Epidemiologen. Und die wurden von der politischen��� von der Politik ganz stark kommunikativ genutzt im Fr��hjahr, wenn wir so M��rz/April 2020 uns anschauen, zur Begr��ndung und zur Legitimation der sehr weitreichenden und demokratietheoretisch problematischen, politischen Entscheidungen und in diesem Zug wurden diese Virologen ��� wir denken an Herrn Drosten, wir denken an Herrn Streg ��� sehr gro�� aufgebaut. Sie tauchten pl��tzlich in jeder politischen Talkshow auf und waren pl��tzlich Protagonisten dieses Diskurses und das Ganze, und da kommen eben die Medien ins Spiel, nicht allein unter politischer Logik, schon gar nicht unter wissenschaftlicher Logik, sondern und medialer Logik. Und Medien brauchen bestimmte Aspekte, brauchen bestimmte Prinzipien, dazu geh��rt Personalisierung, dazu geh��rt aber auch Abwechslung ��� also Medien brauchen ja auch immer wieder was Neues und das f��hrte dazu, dass, nicht zuletzt die von ihnen erw��hnte Bildzeitung, anfangs an diesem Aufbau von zum Beispiel Christian Drosten als gro��er Hoffnungstr��ger quasi mitgewirkt hat. Es gab dann mal eine Aktion, der eine oder andere wird sich noch dran erinnern, wo man gewisserma��en seinen Lieblingsvirologen w��hlen konnte bei der Bildzeitung ��� Virologe des Vertrauens, oder so ��hnlich hie�� das und wenige Tage oder Wochen sp��ter begann dann eine Demontage, zum Beispiel von Christian Drosten, durch die Medien. Was wiederrum dazu gef��hrt hat, dass sich die Politik begonnen hat zu distanzieren von den Virologen. Dann hat pl��tzlich Armin Laschet gesagt, dieses und jenes, das ist mir zu virologisch gedacht und so. Also da fing dann sowas wieder an. Also das ist ein sehr kompliziertes Verh��ltnis zwischen Politik und Medien und in diesem Fall Fachwissenschaften. Wir beginnen, oder haben im November ein Drittmittelprojekt zusammen mit der TU Darmstadt, wo wir das uns genauer anschauen werden. Das hei��t ���Zwischen Elfenbeinturm und rauer See��� und da wollen wir uns die Virologen zwischen Politik und Medien mal genauer anschauen.
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Ina G��tze: Ein sehr pointierter Titel muss man sagen. Also die Virologen sind ja so ein bisschen die Popstars der Corona-Pandemie ��� erst gelobt und dann fallen gelassen. Sind Ihnen denn mit Beginn der Pandemie auch sprachliche Besonderheiten, einige hatten Sie eben auch schon angesprochen, von Politikern und Medien aufgefallen, um vielleicht auch die Akzeptanz gegen��ber bestimmten Ma��nahmen bei uns zu verbessern?
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Prof. Dr. Kersten Roth: Ja, also ich will erstmal noch zu den Popstars nochmal kurz was nachtragen, zun��chst Popstars, dann aber eben in weiten Teilen auch Buhmann und das alles unter medialer Logik. Mir ist gerade nochmal eingefallen, Christian Drosten hat irgendwann gesagt, er w��rde jetzt Karikaturen in der Zeitung sehen, in denen er sich selbst als Comicfigur sieht und ihm w��rde schlecht werden. Und man sieht also, dass das unvorbereitete Eintreten von Akteuren, die sich mit dieser Logik nicht befasst haben in dem medialen Raum eben tats��chlich mit Risiken verbunden ist f��r denjenigen, der es tut.
Ina G��tze: Der kann einen aber auch leidtun, muss man sagen. Der macht nur seinen Job und wird dann durch den Dreck gezogen daf��r.
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Prof. Dr. Kersten Roth: Na ja, die Frage w��re tats��chlich und das ist so ein bisschen die Idee unseres Projektes, auch zu schauen: Kann man sich Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler ein bisschen davor sch��tzen? Also was muss man eigentlich tun, damit einem das nicht passiert? Das geht sicherlich nur in bestimmten Ma��e, weil Medienlogik eben Medienlogik ist. Aber wir wollen auch so ein bisschen gucken, wo vielleicht die Punkte waren, wo da das ein oder andere schiefgelaufen ist. Zu Ihrer Frage nach Strategien, jetzt im Umgang mit Corona von Seiten der Politik, da ist sicherlich vor allem der internationale Vergleich ganz spannend. Wir sind Germanisten, aber nat��rlich betrachten wir auch die deutsche Sprache immer so ein bisschen im Vergleich und im Kontext, was in anderen Sprachen und L��ndern passiert und man konnte in diesem Corona-Kontext nat��rlich sehr sch��n sehen, wie sich in Sprache verschiedene politische Kulturen, m��chte ich das mal nennen, in den L��ndern zum Ausdruck bringen. Also wir hatten L��nder, in denen die Verantwortlichen ja im Grunde das Problem geleugnet haben, da war Brasilien ein ganz starkes Beispiel, wir haben L��nder in denen sehr stark Liberalit��t betont wurde von Seiten der politischen Verantwortlichen. Das haben wir zum Beispiel in der Schweiz, wo die Ma��nahmen bei der ersten Welle gar nicht so arg unterschiedlich waren zu denen in Deutschland, aber sie doch anders kommuniziert worden und das haben wir nat��rlich in Schweden, wo man dann auch ganz sch��n sieht, dass so eine politische Kultur und eine Art und Weise ��ber Dinge zu sprechen dann tats��chlich auch unterschiedliche Auswirkungen hat, in diesem Fall in der Politik und in den Fallzahlen und so weiter. Und dann haben wir L��nder wie Frankreich, wo sehr schnell eine Metapher pr��sent war, die einfach dort in der politischen Kultur insgesamt pr��sent ist, n��mlich die Metapher vom Krieg. Also Macron hat sehr schnell davon gesprochen, dass man im Krieg gegen das Virus sei. Das ist zum Beispiel eine Metapher, die wir im deutschen Diskurs bis heute im Zusammenhang mit Covid-19 kaum finden oder nicht finden, jedenfalls nicht von den wesentlichen Verantwortlichen. Das hat nat��rlich gute Gr��nde und das hat was mit der speziellen politischen Kultur hier zu tun und zeigt dann aber eben tats��chlich auch, wie sich das konkret in der Wahl unterschiedlicher sprachlicher Mittel niederschl��gt.
Ina G��tze: Dazu muss man ja sagen��� oder passend dazu, ist die Rede von Frau Merkel gestern (Hinweis, wir nehmen Mitte Dezember auf an dieser Stelle), wo sie ja wirklich, f��r ihre Art und Weise, ��berm����ig emotional tats��chlich appelliert hat. W��rden Sie sagen sowas brauch es mehr, oder wird an sich gut kommuniziert von Politikern und Medien?
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Prof. Dr. Kersten Roth: Ja, das war tats��chlich ganz spannend, was in der Bundestagsdebatte Angela Merkel gestern gesagt hat, ist ja auch von allen Beobachtern so wahrgenommen worden��� Also grunds��tzlich w��rde ich zun��chst Mal sagen, ich glaube man hat sehr lang, sehr gut kommuniziert in Deutschland. Ich meine, man kann das schlicht ja an der hohen Akzeptanz der Ma��nahmen festmachen, die ja sehr, sehr lang in allen Umfragen erstaunlich hoch war. Wenn man sich sozusagen ��berlegt: Wozu dient diese Kommunikation? Dann muss man sagen, die war erfolgreich, wenn sie dazu dient. Eine verh��ltnism����ig n��chterne Art und Weise, mit der man das anfangs gemacht hat. Das beginnt oder begann dann so gegen Ende des Jahres aber durchaus ein bisschen zu br��ckeln und da w��rde ich dann schon sagen, da w��re ein Strategiewechsel n��tig, m��glicherweise haben wir den gestern ja ein bisschen schon erlebt. Es gibt zwei M��glichkeiten darauf zu reagieren: Die eine w��re, dass man sozusagen mehr Pathos auspackt und den gro��en Appell rausholt. Das war eigentlich bisher nicht so das Register, das Angela Merkel gut beherrscht und gut bedienen konnte. Also ich will gern dran erinnern, wie erfolgreich Barack Obama mit ���Yes we can��� war und wie viel Pathos da drinsteckte und wie sehr Angela Merkel mit der deutschen Entsprechung ���Wir schaffen das��� kommunikativ gescheitert ist. Also einfach, weil sie dieses Register nicht gut bedient. In dieser Bundestagsdebatte hat sie tats��chlich was sehr Interessantes gemacht, da in ihrer Rede, da hat sie n��mlich auf pathetische Weise zu N��chternheit und Sachlichkeit appelliert. Das ist ein ganz gutes Mittel und ein ganz guter Schachzug gewesen, indem sie betont hat, auch unter Verweis auf ihre eigene Lebensgeschichte in der DDR und so weiter, wie wichtig ihr ist und dass sie daran festhalten wird und dass es f��r uns alle eben so wichtig ist, bei Fakten und Sachlichkeit zu bleiben. Das ist vielleicht tats��chlich ein Weg, mit dem sie das l��sen k��nnte. Aber ich glaube der wichtigere Weg ist tats��chlich, dass Politik mehr erkl��ren muss und ich meine mit erkl��ren gar nicht mal unbedingt die politischen Ma��nahmen selbst oder irgendwas, was unmittelbar mit dem Virus zu tun hat, sondern Politik erkl��ren muss. Zum Beispiel den F��deralismus erkl��ren muss, der zunehmend nicht mehr verstanden wird von den Leuten. Warum ist das so, dass es in jedem Bundesland anders ist? Oder auch solche Dinge erkl��ren muss, wie: Na ja, wenn es doch so ist, dass die Verbreitung des Virus vor allem in privaten R��umen stattfindet, dann m��ssen wir doch da ran und da muss immer wieder erkl��rt werden und vielleicht kann man das sogar mit Pathos verbinden, dass es eben sehr gute Gr��nde hat, warum in Deutschland die Politik nicht in die Wohnzimmer hineinregiert, wie das in der ein oder anderen Diktatur der Fall ist, die sich r��hmt mit dem Virus gut zurecht zu kommen.
Ina G��tze: Also ich finde den Weg bisher auch sehr gut, sehr nachvollziehbar. Aber ja, man merkt an der einen oder anderen Stelle, so ein bisschen Hintergrunderkl��rung, ein bisschen mehr abholen, und das merken wir auch oft bei uns an der Universit��t, dass manchmal Informationshappen dann doch fehlen, um dahinter zu verstehen und das Ganze zu verstehen.
Prof. Dr. Kersten Roth: Ja und das ist nat��rlich f��r Leute, die in dem Thema so drin sind, wir das Fachwissenschaftler an der Uni sind und wie jetzt nat��rlich die Politiker, die jetzt Tag f��r Tag dran sitzen, nat��rlich sind, wird das irgendwann auch schwer. Also es ist irgendwann nat��rlich auch ein Expertenproblem, das sich da stellt und man br��uchte tats��chlich da sozusagen immer mal wieder den beratenden Hinweis auf schlicht ��bersetzungsleistungen auch, die n��tig sind.
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Ina G��tze: Jetzt gibt es ja nicht nur ein neues Virus, wir benutzen auch neue W��rter. Also Socialdistancing, Lockdown light, Herdenimmunit��t, das sind alles W��rter, die es so noch nicht gab, oder die wir auch einfach in unserem Alltagssprachgebrauch gar nicht verwendet haben. Warum entwickeln wir in einem solchen Ausnahmezustand so viele neue Begriffe?
Prof. Dr. Kersten Roth: Ja, das ist einfach das Musterbeispiel f��r das, wor��ber wir vorhin schon mal gesprochen haben. Sprache kann sich unglaublich schnell anpassen an ver��nderte Realit��ten. Wir hatten alle noch nicht richtig wahrgenommen was los ist im M��rz, schon waren die W��rter in unserem Sprachgebrauch gewisserma��en. Wie sie richtig sagen, zum Teil sind das W��rter, die aus der Fachsprache pl��tzlich in die Alltagssprache gewandert sind, ��ber Herdenimmunit��t haben die wenigsten von uns vor M��rz wahrscheinlich gesprochen. Inzidenzen und R-Werte oder was auch immer, ��ber das wir jetzt tagt��glich an den Familientischen sprechen, waren eben Fachw��rter. Und andere W��rter sind tats��chlich neu in die deutsche Sprache gekommen, wie etwa Lockdown, weil es einfach die Notwendigkeit gab etwas zu bezeichnen, was es so in der Bundesrepublik eben noch nicht gegeben hat. Diese Ma��nahmen, die da im Fr��hjahr getroffen worden. Das Spannende ist, dass diese W��rter tats��chlich mittlerweile schon sowas wie eine Mini-Sprachgeschichte entwickelt haben im Laufe des Jahres. Also vielleicht erinnern wir uns noch dran, im Fr��hjahr gab es so ein bisschen eine Bezeichnungskonkurrenz, ob das nun ein Shutdown oder ein Lockdown ist, der da f��llt, das stammt aus unterschiedlichen Verwendungskontexten sozusagen. Dann hat sich der Lockdown durchgesetzt zun��chst mal, mittlerweile im Herbst hat man dann jetzt den Eindruck, ohne das jetzt empirisch ausgez��hlt zu haben, dass der Shutdown so ein bisschen wieder reaktiviert wurde, weil er nicht so ganz das b��se Lock enth��lt, das Schlie��en, auch das Einschlie��en, das da drinsteckt. Aber insgesamt hat sich schon glaub ich Lockdown durchgesetzt und ist zu einem tats��chlich deutschen Wort geworden, ein Wort der deutschen Sprache. Das w��rden wir linguistisch immer daran festmachen, ob es produktiv ist, also ob es sich einbindet in Wortbildungen zum Beispiel und wir benutzen mittlerweile alle ganz selbstverst��ndlich ein Wort wie den Teil-Lockdown, ein Kompositum mit Lockdown und das hei��t, ja es ist wohl ein Wort der deutschen Sprache geworden. Wir k��nnen uns alle nur w��nschen, dass wir nicht mehr so oft dar��ber sprechen m��ssen���
Ina G��tze: Nein, aber herzlich Willkommen in der Familie an der Stelle. (Lacht)
Prof. Dr. Kersten Roth: (Lacht) Genau, aber ich hab ein bisschen schon die Vermutung, dass das Wort k��nftig immer zur Verf��gung stehen wird, wenn irgendwo etwas eingeschr��nkt wird, wird es naheliegen vom Mini-Lockdown oder von was auch immer zu sprechen.
Ina Goetze: Vielleicht spricht man dann auch nicht mehr von Hausarrest, sondern: ���Wenn du nicht spurst, gehst du in den Lockdown!��� (Lacht)
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Prof. Dr. Kersten Roth: (Lacht) Genau, m��glicherweise.
Ina Goetze: Zum Abschluss gerne noch etwas Unwissenschaftliches. Sie sind ja auch Mitglied in der Jury f��r das Unwort des Jahres. Welches ist ihr pers��nliches Unwort des Jahres 2020?
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Prof. Dr. Kersten Roth: Ja, bin ich tats��chlich 10 Jahre gewesen, es gibt jetzt einen Wechsel in der Jury. Wir haben das 10 Jahre in dieser Besetzung gemacht und haben jetzt beschlossen, dass auch bei dieser Sache, wie bei eigentlich allem, es ganz gut ist, wenn es dann auch mal neuen Wind gibt und neue Wesen gibt. Es gibt jetzt eine neue Jury und ich freue mich sehr, dass die Aktion, die ich f��r sehr wichtig halte, mit Magdeburg verbunden bleiben wird, meine Kollegin Kristin Kuck wird der neuen Jury angeh��ren. Das hei��t, das Thema bleibt uns erhalten, wir bleiben da dran und die Kollegin aus dem Team wird da k��nftig mitarbeiten. Ja, f��r mich waren immer tats��chlich die spannendsten W��rter, wenn wir in der Jury diskutieren��� die Jury hat tats��chlich immer grunds��tzlich per Einstimmigkeit beschlossen, wir haben also da keine Mehrheitsentscheidungen gemacht und wir haben tats��chlich stundenlang die Dinge diskutiert bis wir uns einig waren und uns gegenseitig ��berzeugt hatten. F��r mich waren die spannendsten W��rter eigentlich immer die, die jetzt nicht aus einer Ecke kommen, wo man sozusagen gar nicht damit rechnet, dass da jemand bem��ht ist einen pluralen, demokratischen Diskurs zu f��hren, sondern die so ein bisschen unauff��lliger sind und die uns zun��chst Mal vielleicht gar nicht als st��rend auffallen und f��r mich war das tats��chlich da Wort Systemrelevanz. Mein Vorg��nger auf dem Lehrstuhl hier Armin Burkhardt hat in einer Zeitschrift, die ich mit einem Kollegen aus Trier zusammen herausgebe einen sch��nen Essay geschrieben in diesem Jahr, zu diesem Ausdruck Systemrelevanz, wo er ganz sch��n zeigt, dass es m��glicherweise sympathischer ist, vermutlich vielen von uns, Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger als systemrelevant zu bezeichnen, als Gro��banken, die sich verspekuliert haben, wo wir den Ausdruck kennengelernt haben vor ein paar Jahren. Aber das eigentlich tats��chlich die Semantik des Wortes selbst einer pluralen Gesellschaft nicht entspricht, weil sie sozusagen unterstellt, dass es nicht-systemrelevante Berufe, T��tigkeiten g��be und das wird sehr schnell, sehr problematisch, wenn man das zu Ende denkt. Also insofern mein Unwort 2020 ist tats��chlich Systemrelevanz.
Ina G��tze: In diesem Sinne ganz, ganz vielen Dank f��r das tolle Gespr��ch, dass sie mit mir so viel ��ber das Thema Sprache gesprochen haben.
Prof. Dr. Kersten Roth: Ja, vielen Dank ��� ebenfalls.
Ina G��tze: Ich habe viel mitnehmen k��nnen, ich hoffe unsere Zuh��rerinnen und Zuh��rer da drau��en auch. Ich hoffe, auch Sie schalten das n��chste Mal wieder ein und bis dahin w��nsche ich Ihnen, doch ich glaub man kann es noch sagen, einen guten Start in das neue Jahr und bleiben Sie gesund!
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Introstimme:��Wissen, wann du willst. Der Podcast zur Forschung an der Uni Magdeburg.��