Raus aus der Start-up-Bubble Berlin

15.07.2020 -  

Durch die Novellierung des Hochschulgesetzes wurde auch die Ausgründung bzw. unternehmerische Beteiligung von Hochschulangehörigen an Firmen erleichtert. Einer, der den Schritt gewagt hat, ist Prof. Marko Sarstedt von der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft der Universität Magdeburg. Der Marketingexperte hat sich vor Kurzem mit dem Unternehmen Infinite Devices selbstständig gemacht und bietet mit seinen Mitgründern_innen eine neue Plattform für das Internet of Things (IOT) an. Im Interview spricht er darüber, wie es dazu kam, warum er die Chance genutzt hat und warum Magdeburg ein guter Standort für Start-ups und Digitalisierung ist.

Prof. Marko Sarstedt (c) Harald Krieg_Uni MagdeburgProf. Marko Sarstedt (Foto: Harald Krieg / Uni Magdeburg)

Was genau bietet Ihr Unternehmen an?

Das Unternehmen heißt Infinite Devices. Wir bieten eine Plattform, über die IOT-Geräte kommunizieren können. Das IOT ermöglicht es, dass Geräte miteinander verknüpft werden können, um Daten auszutauschen – so kann zum Beispiel ein Auto an andere Geräte melden, dass es sich dem eigenen Haus nähert. Dann geht schon mal das Licht an, die Heizung wird hochgestellt oder warmes Wasser in die Wanne eingelassen. Ein anderes Beispiel ist der Kühlschrank, der fehlende Lebensmittel automatisch beim Lieferdienst des lokalen Supermarkts bestellt. Damit dies alles funktioniert, bedarf es einer Plattform, welche die Kommunikation regelt. Genau die bieten wir an.

Wir sind natürlich nicht die Einzigen, da gibt es schon viele. Momentan wird der Markt aber von US-Unternehmen, wie Amazon oder Google, dominiert. Das ist für viele Kunden in Europa und insbesondere in Deutschland problematisch, da die Daten, die über diese Plattform laufen, eben nicht mehr in Deutschland sind, sondern über US-Server laufen. Und selbst wenn die Server nicht in den USA stehen, so hat die US-Regierung über den US Cloud Act theoretisch unbeschränkten Zugriff. Dies ist vor allem mit Blick auf die DSGVO ein Problem und stellt ein wesentliches Hemmnis für die Verbreitung von IOT in sicherheitsrelevanten Anwendungsgebieten wie Smart City und Smart Energy dar.

 

Warum haben Sie sich selbstständig gemacht? Wie kam es dazu?

Die Idee, sich selbstständig zu machen, beschäftigt mich schon länger, einfach aus der Neugier, die Dinge, die ich in meinen Vorlesungen immer theoretisch vermittle, auch selber umzusetzen. Bisher gab es nicht wirklich eine Gelegenheit. Aber dann – wie es so ist – kam ein Freund von mir auf mich zu und sagte, dass ein alter Freund von ihm angefangen hat, eine spannende IOT-Plattform zu entwickeln. Für die Entwicklung zur Marktreife fehlte allerdings eine Finanzierung. Hierfür musste erstmal ein umfassender Business- und Marketingplan entwickelt werden. Also habe ich einen Finanzierungsplan erstellt und herausgearbeitet, welche Benefits die Plattform hat, damit man diese den potenziellen Kunden offensiv kommunizieren kann. Und dann ging alles schnell - sehr schnell. Das war einfach eine Chance, die sich spontan ergeben hat. Man fragt sich dann, ob es das wert ist, Zeit und Energie reinzustecken oder nicht. Für mich ist es das.

 

Warum ist Magdeburg ein guter Standort für Digitalisierung und warum für Unternehmensgründung allgemein?

Es wird einige vielleicht überraschen, aber wir halten Magdeburg wirklich für einen extrem guten Standort. Die Stadt hat sich in den letzten Jahren hervorragend entwickelt und lockt immer mehr Fachkräfte an. Das ist in der Start-up-Bubble Berlin anders. Alle sind in Berlin. Es ist mittlerweile eine echte Herausforderung dort passende Geschäftsräume und gute Mitarbeiter zu finden und zu binden. Wenn man in Magdeburg mal genau hinschaut, sieht man, wie viele innovative Start-ups hier unterwegs sind. Zudem ist die Finanzierungssituation in Magdeburg sehr attraktiv, was auch ein enorm wichtiger Punkt ist. Hier leistet das Land über die ibg Beteiligungsgesellschaft Sachsen-Anhalt und bmp Ventures AG wirklich tolle Arbeit.

 

Wie können Sie Lehre und Selbstständigkeit miteinander vereinen?

Meine Lehre profitiert in vielerlei Hinsicht. So kann ich nun quasi aus erster Hand über die kleinen und großen Probleme berichten, die sich beim Aufbau eines Start-ups ergeben. Hierdurch wird meine Lehre anschaulicher und praxisrelevanter. Zudem freue ich mich, dass ich auch Studierende aktiv involvieren kann, beispielsweise im Rahmen von Projektseminaren.

Ich merke auch, dass ich viel agiler werde. Die Arbeit als Professor ist meistens nicht gerade durch ein Höchstmaß an Agilität geprägt, was man im Tagesgeschäft häufig verdrängt. Jetzt in der Geschäftswelt zu sein und Entscheidungen einfach schnell treffen zu müssen, ist ein gewisser Antipol zu Forschung und Lehre.

 

Haben Sie Angebote des Transfer- und Gründerzentrums der Uni in Anspruch genommen?

Da alles so schnell ging, leider nicht. Wir sind im November gestartet, im Dezember erfolgten die ersten Finanzierungsanfragen. Zu dieser Zeit wurde es schon sehr konkret mit Finanzierungs- und Businessplan. Ab da waren wir einfach in der Welle drin. Da war dann gar keine Zeit mehr noch externe Expertise einzuholen, so gerne wir das auch gemacht hätten.

 

Mit dem neuen Hochschulgesetz wird es Lehrenden und Forschenden leichter gemacht, ein Unternehmen zu gründen bzw. sich an einem zu beteiligen. Wird das Gründungsgeschehen in Sachsen-Anhalt davon profitieren?

Alles, was dazu beiträgt, dass es mehr Gründungen gibt, finde ich gut. Der Wissenstransfer von Forschung in die Praxis ist von enormer Bedeutung und kann auf verschiedenen Ebenen stattfinden; beispielweise als Berater oder eben als Unternehmer. Das halte ich in einem gewissen Rahmen für extrem sinnvoll. Da die Haupttätigkeit aber selbstverständlich nach wie vor in der akademischen Lehre, Forschung und Selbstverwaltung liegt, dürfen solche Engagements nur in einem sehr beschränkten zeitlichen Umfang erfolgen. Die Regelungen setzen hier klare Schranken und müssen dies auch zukünftig tun.

 

das Interview führte Ina Götze