Energie bündeln

20.09.2019 -  

Rebecca Taubert stellt sich an der OVGU einer spannenden Herausforderung: „MINT-Rekrutierung“ ist der Job kurz und knapp in ihrer E-Mail-Signatur erfasst. Aber wie geht das? Die Volontärin der Pressestelle, Julia Heundorf, fragte nach.

Rebecca TaubertRebecca Taubert setzt sich für eine verstärkte Förderung von Frauen in den wissenschaftlichen Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik ein. (Foto: Jana Dünnhaupt)

Von unseren Studierenden sind rund 43 Prozent Frauen, auf Ebene der Professuren sind es rund 14 Prozent woran liegt das?

43 Prozent insgesamt klingt ganz gut, bei genauem Hinsehen ist aber die Verteilung unter den Fakultäten sehr heterogen. An der Fakultät für Humanwissenschaften sind 80 Prozent der Studierenden weiblich, an der Fakultät für Maschinenbau nur 17 Prozent. Ähnliches gilt für fast alle MINT-Fakultäten.

Dass zwischen Studium und Professur der Frauenanteil mit jeder Qualifikationsstufe abnimmt, hat verschiedene Gründe: Eine Karriere in der Wissenschaft ist kaum planbar und unsicher, sie erfordert Flexibilität und Mobilität. Es fehlen Vorbilder, Unterstützung aus Netzwerken und der sogenannte Gender Bias, also ein durch geschlechtsbezogene Stereotypisierung und Vorurteile geprägter Verzerrungseffekt bei der Personalauswahl, tut sein übriges.

Sie sind für die MINT-Rekrutierung zuständig und sollen vor allem Nachwuchswissenschaftlerinnen an die OVGU locken und dort halten. Wo setzen Sie da an?

So eine Aufgabe kann man nicht alleine schaffen. Die Universitätsleitung hat erkannt, dass wir dem drohenden Nachwuchsmangel begegnen müssen und macht es beispielsweise durch den Arbeitskreis Personalentwicklung möglich, strukturelle Veränderungen anzugehen. Dort arbeiten unter anderem das Rektorat, die Personalverwaltung, die Graduate Academy und Professor Thomas Spengler als wissenschaftlicher Experte zusammen.

Ich selbst habe mich zunächst einer Ist-Erhebung gewidmet: Welche Faktoren sind ausschlaggebend, dass sich eine Absolventin auf eine Promotionsstelle oder als wissenschaftliche Mitarbeiterin bewirbt? Welche Erwartungen hat sie an die Uni? Ich habe unzählige Interviews mit Nachwuchswissenschaftlerinnen geführt. Angebote wie das Mentoring-Programm COMETiN oder ein Lehrzertifikat sind für viele sehr wichtig, um sich langfristig eine Karriere in der Wissenschaft vorstellen zu können. Viele Absolventinnen starten aus Hiwi-Stellen heraus, kennen das Team, werden gefördert. Zudem sind die jeweiligen Forschungsinhalte wichtig! Externe Bewerberinnen entscheiden sich vor allem dann für die OVGU, wenn sie durch das Bewerbungsverfahren und Auswahlgespräch einen positiven Eindruck vom zukünftigen Team hatten. Das gilt aber für den männlichen Nachwuchs gleichermaßen! Die ‚Generation Y‘ legt Wert auf Work-Life-Balance Geld hat nicht mehr die oberste Priorität.

Es gibt schon verschiedene Angebote, mit denen besonders Frauen gefördert werden sollen. Was bringt Ihre Stelle Neues mit?

Ich bündele und steuere Energien, die wir bereits haben! COMETiN als Coaching-Programm für Frauen in der wissenschaftlichen Karriere ist ein erfolgreiches Konzept. Die ‚Ladies Night‘ gibt weiblichen Vorbildern der OVGU eine Plattform. Solche Veranstaltungen sind wichtige Instrumente für mehr Chancengleichheit, können unser Nachwuchsproblem aber nicht alleine lösen. Durch meine Stelle besteht strategisch die Möglichkeit, Fragen der MINT-Rekrutierung in Prozesse der Organisationsentwicklung einzubeziehen. Ich arbeite beispielsweise mit einer AG an der Neukonzipierung unserer Karrierewebseite. So können wir für mehr Sichtbarkeit der Uni als attraktive Arbeitgeberin sorgen und zugleich fakultätsübergreifend mehr Transparenz von Karrierewegen schaffen und auch hier Vorbildern an der OVGU eine Plattform geben.

Ist es gerade im MINT-Bereich schwierig, wissenschaftliche Stellen zu besetzen?

Es wird generell zunehmend schwieriger, hochqualifizierte Nachwuchskräfte zu finden. Im MINT-Bereich ist die Situation besonders dramatisch! Es gibt Lehrstühle, die ihre Stellen über mehrere Monate nicht besetzen können, weil sie niemand Geeigneten finden egal welchen Geschlechts. Je kleiner der Markt wird, desto geringer wird auch die Anzahl der weiblichen Talente, die sich bewerben.

Hinzu kommt der starke Wettbewerb der Universitäten um diese Wissenschaftlerinnen. Wenn man allgemein danach fragt, warum es schwieriger geworden ist, in der Wissenschaft Stellen zu besetzen, gibt es keine OVGU-spezifische Antwort. Da ist zum einen die gesellschaftliche Herausforderung, bereits vor der Studienwahl für mehr Chancengerechtigkeit zu sorgen, auf der anderen Seite die demografische Entwicklung. Nicht zuletzt stehen die Unis auch im Wettbewerb mit Industrie und Wirtschaft. Hier muss die OVGU sich ihrer Schwächen und Stärken bewusst sein, um die besten Bedingungen für ihr Personal zu schaffen: für die, die schon da sind ebenso wie für die, die wir gewinnen wollen.

Liebe Frau Taubert, vielen Dank für das Gespräch!

 

von Julia Heundorf