Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

 
 
 
 
 
 
 
 

„Migrationsbewegungen sind ‚normaler‘ Bestandteil historischen Geschehens“

Millionen von Menschen machen sich seit Monaten auf den Weg quer durch Europa, nur mit dem Nötigsten ausgerüstet. Vor Konflikten in Syrien, in der Ukraine, im Irak, in Israel und vielen anderen Orten der Welt auf der Fluch, suchen sie in Europa ein neues Leben. Wann sich Menschen auf den Weg machen, welche Umstände dazu führen, dass Männer und Frauen, die in ihren Familien und Gesellschaften verwurzelt sind, alles hinter sich lassen und welche Rolle Migrationsbewegungen in der Geschichte gespielt haben, welche Parallelen zur Gegenwart bestehen und welche geschichtlichen Lehren daraus gezogen werden könnten darüber sprach Katharina Vorwerk mit dem Historiker Prof. Dr. Stephan Freund von der Fachdisziplin für Geschichte an der Fakultät für Humanwissenschaften.

 

Seit Monaten bestimmen die immer gleichen Bilder die Medien: Millionen von Menschen, die sich auf den Weg quer durch Europa gemacht haben, mit dem Nötigsten ausgerüstet, die vor Konflikten in Syrien, in der Ukraine, im Irak, in Israel und vielen anderen Orten der Welt flüchten und in Europa ein neues Leben suchen. Weit über eine Million Geflüchtete und Migranten sind bereits in Deutschland angekommen. Eine historisch einmalige Situation?
Diese Frage würde ich sowohl mit ja als auch mit nein beantworten wollen. Nein, weil es bereits in der Vergangenheit große und massive Wanderungsbewegungen gegeben hat. Ja, historisch einmalig, weil es meiner Meinung nach weltgeschichtlich keine vergleichbare Situation dieser Intensität und in einer so kurzen Zeitspanne gegeben hat.

 

Was unterscheidet diese enorme Migrationsbewegung von früheren?
Zum einen die bereits angesprochene kurze Zeitspanne und Intensität, zum anderen der Umstand, dass das Ziel dieser Migrationsbewegungen großenteils einem relativ kleinen Raum gilt – der heutigen Bundesrepublik Deutschland und einigen wenigen anderen westeuropäischen Ländern. Zum dritten unterscheiden sich diese Migrationsbewegungen von früheren dadurch, dass sie durch massiven Terror kleiner Gruppen begleitet werden, die gezielt versuchen, die Zielregionen der Migranten zu verunsichern und die Neuankömmlinge zu diskreditieren.

 

Sie erforschen Migrationsbewegungen, hinterfragen, wann sich Menschen auf den Weg machen, welche Umstände dazu führen, dass Männer und Frauen, die in ihren Familien und Gesellschaften verwurzelt sind, alles hinter sich lassen. Gibt es auf diese Fragen eindeutige Antworten?
Nein, das konnten wir bisher in unseren Forschungen nicht festmachen. Die Beweggründe, seine Heimat zu verlassen, sind sehr unterschiedlich. Dazu gehören sicher an erster Stelle Kriege, ethnische und religiöse Konflikte, persönliche Verfolgung, aber auch Hungersnöte und wirtschaftliche Perspektivlosigkeit führen dazu, dass Menschen sich in eine ungewisse Zukunft aufmachen. Alle diese Ursachen verdienen Respekt und Akzeptanz, statt Verurteilung oder Unverständnis, verbergen sich dahinter doch jeweils Einzelschicksale und sind damit immer auch existentielle Nöte verbunden. Kaum jemand verlässt seine Heimat und seine vertraute Kultur und Umgebung ohne Not.

 

Was bedeutete bei historischen Migrationsbewegungen die Abwanderung von Menschen sowohl für die Länder, aus denen die Menschen flohen als auch für die aufnehmenden Gesellschaften?
Auch hier sind eindeutige Antworten schwierig, weil es große zeitliche Unterschiede gibt. Für die Vormoderne fehlen uns häufig Quellenaussagen zu den Auswirkungen der Abwanderung auf die Herkunftsgebiete. In späteren Epochen waren damit für die zurückgelassenen Gesellschaften vielfach enorme Einschnitte verbunden, weil bei zahlreichen Migrationsbewegungen erst und vorrangig Angehörige der Eliten buchstäblich zu ‚neuen Ufern‘ aufgebrochen sind. Das hatte zur Folge, dass bisweilen eine Neujustierung der innergesellschaftlichen Machtbalance stattfinden musste.

Auch für die aufnehmenden Gesellschaften waren die Folgen verschieden. Es gibt Beispiele dafür, dass dadurch zunächst die Bewältigung von Krisen gelang, Arbeitskräftemangel und sinkende Steuereinnahmen ausgeglichen wurden. Es konnte aber durch Immigranten auch regelrecht ‚Neuland‘ geschaffen werden, wie dies im Zusammenhang mit dem hochmittelalterlichen Landesausbau durch Rodungstätigkeit und Urbarmachung einst sumpfiger Gegenden zu beobachten ist. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Beispiele dafür, dass die Bevölkerung radikal verdrängt wurde. Dies gilt zum Beispiel für die Geschichte Nordamerikas, wo aus Europa stammende Migranten die indianischen Ureinwohner binnen weniger Jahrzehnte regelrecht marginalisiert und ihrer existentiellen Grundlagen beraubt haben. Ähnliche Beispiele gibt es auch in Südamerika.

 

Wie erfolgreich waren aus Ihrer Sicht große historische Migrationsbewegungen in andere Gesellschaften, welche Voraussetzungen bzw. Hindernisse gab es und: hilft uns das Wissen über historische Migrationsbewegungen in der aktuellen Lage?
‚Erfolg‘ ist in diesem Falle eine problematische Kategorie, die je nach Perspektive zu unterschiedlichen Beurteilungen führen kann. Sehr vereinfacht kann man aber sagen, dass es im Laufe der Geschichte zu einer sehr großen Zahl von Migrationsbewegungen kam, die längerfristig überwiegend zu einem Prozess des Aufeinanderzugehens geführt haben, die also Akkulturation und Assimilation zur Folge hatten. In den Fällen, in denen Kommunikation stattfand und man frühzeitig die Integration ermöglichte, z.B. durch Eheverbindungen, kam es zu einem gesellschaftlichen Wandel, der zur Entstehung neuer, gemeinsamer Kulturen und Gesellschaften führte. An solchen historischen Beispielen kann man sich auch in der gegenwärtigen Situation orientieren, man kann aber auch aus den positiven und negativen Erfahrungen der Vereinigten Staaten lernen, deren Gesellschaft ebenfalls das Ergebnis von Migrationsbewegungen ist. Neben der bereits erwähnten Marginalisierung und existentiellen Bedrohung der Ureinwohner kam und kommt es dort infolge einer seit über 200 Jahren andauernden Einwanderung zugleich zu permanenten Integrations- und Verschmelzungsprozessen.

Gerade diese grundsätzliche Erkenntnis, dass Migrationsbewegungen immer stattfinden und stattfanden, also ‚normaler‘ Bestandteil historischen Geschehens sind, ist zudem geeignet, gegenwärtige Aufgeregtheiten ein wenig zu relativieren.

 

Sie haben mit Ihren Kollegen aus aktuellem Anlass eine öffentliche Ringvorlesung mit namhaften Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern initiiert. Was erwartet die Hörerinnen und Hörer bei der Ringvorlesung, welcher große Bogen wird inhaltlich geschlagen?
Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben diese Veranstaltung mit großem Engagement organisiert, dafür auch an dieser Stelle erst einmal großer Dank! Sie haben ein sehr interessantes Programm zusammengestellt: Geschlagen wird ein großer zeitlicher und inhaltlicher Bogen von der Antike bis in die Gegenwart. Geboten wird eine breit angelegte und methodisch facettenreiche Vorlesungsreihe, die zeigt, wie das Phänomen Flucht und Migration auch an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg wissenschaftlich be- und aufgearbeitet wird. Die Hörer erwarten allgemeinverständliche, gleichwohl aber wissenschaftlich fundierte Vorträge, die einen Beitrag dazu leisten wollen, Orientierung in der gegenwärtigen Situation zu bieten und darüber hinaus dafür zu werben, verständnisvoll und angstfrei miteinander umzugehen.

Herr Professor Freund, herzlichen Dank für das Gespräch!

 
Letzte Änderung: 01.04.2016 - Ansprechpartner: Dipl.-Journ. Ines Perl