„Wir haben keine besondere Verpflichtung, aber eine besondere Verantwortung“

15.04.2020 -  

Die Otto-von-Guericke-Universität ist erstmals in ihrer 27-jährigen Geschichte in einem sogenannten Basisbetrieb, gewohnte Prozesse müssen täglich hinterfragt, neu justiert und kommuniziert werden. Pressesprecherin Katharina Vorwerk hat den Rektor Prof. Strackeljan gefragt, wie er persönlich die Situation erlebt, den Start ins Sommersemester sowie die Empfehlungen der Leopoldina einschätzt und welche Herausforderungen noch vor uns liegen.

Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan, Rektor der Universität Magdeburg

Wie erleben Sie persönlich diese ungewöhnlichen Zeiten?

Das ist ein bisschen ambivalent: Einerseits bemerke ich einen fast leeren Campus, zumindest was die Studierenden betrifft. Andererseits sind es relativ intensive Arbeitstage, weil eben nichts auf Routine aufbauen kann und wir in der Tat permanent neu entscheiden müssen und auch die äußeren Randbedingungen sich ständig ändern. Einen Tag Homeoffice habe ich mal probiert, muss allerdings sagen, dass ich im Büro hier in der Uni deutlich effizienter arbeiten kann. Aber auch wir haben daheim eine Abiturientin, der aktuell der Schulunterricht fehlt und da muss ich auch mal einspringen.

 

Viele Fragen mussten in den letzten Wochen in kurzer Zeit beantwortet werden, es ist ein gut gefülltes Infoportal entstanden, auf dem alle Informationen für Mitarbeitende und Studierende gebündelt sind. Ist also alles geklärt und im ruhigen Fahrwasser?

Ich hoffe und denke, dass wir mittlerweile die meisten Fragen der Mitarbeitenden und Studierenden beantworten konnten. Es liegt allerdings viel in der Selbstverantwortung von Fakultäten, Lehrstühlen und Verwaltungseinheiten, so ist die Universität nun mal organisiert und daher wollen wir nur bedingt zentral Vorgaben machen. Wir wissen nicht genau, was in den Laboren der Fakultäten im Detail benötigt wird, um den Forschungsbetrieb weiterlaufen zu lassen. Uns ist klar, dass die derzeitige Belastung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, gerade auch in Verbindung von Homeoffice und der Betreuung von Kindern und Angehörigen, sicher alles andere als einfach ist, sodass ich von ruhigem Fahrwasser nicht unbedingt sprechen möchte.

 

Eine noch nie dagewesene Herausforderung für die OVGU ist die Organisation eines in weiten Teilen digitalen Sommersemesters 2020. Wie ist der Start gelaufen?

Unser Feedback aus dem Kreis der Lehrenden ist durchaus vielversprechend! Die neuen Formate sind ja für viele von uns Neuland, aber es gibt unglaublich kreative Ideen. Ich glaube, dass die Herausforderung digitale Lehre zum einen sehr engagiert von den Beteiligten angenommen wird, zum anderen aber auch für die Uni einen gehörigen Schub in puncto digitaler Lehre und Digitalisierung bedeuten wird. Hier werden wir nach überwundener Coronakrise deutlich besser aufgestellt sein als zuvor und auch diejenigen, die nicht besonders technikaffin sind, kommen gezwungenermaßen mit neuen Lehrformaten und Infrastrukturen in Kontakt. Ich möchte an dieser Stelle ganz herzlich denjenigen danken, die aus den verschiedensten Gründen beim Thema digitale Lehre schon einen Schritt weiter waren als andere und sich sofort als Unterstützer zur Verfügung gestellt haben und ihr Wissen unter e-learning teilen.

 

Was bedeuten aus Ihrer Sicht die am Ostermontag von der Leopoldina gemachten Vorschläge für eine mögliche Exitstrategie für die OVGU?

Die Experten der Leopoldina haben sich für die Universitäten und Hochschulen auf das Szenario eines primär digitalen Sommersemesters geeinigt, sehen aber auch Mischformate als gangbare Option. Gerade wir mit unserem technischen und naturwissenschaftlichen Profil und einer Universitätsmedizin brauchen in einem gewissen Umfang Präsenzveranstaltungen für Praktika und Laborversuche. Anders wird es nicht gehen.

Der Rahmen dafür wird aber auch durch die Modifikation der sogenannten Eindämmungsverordnung des Landes vorgegeben, die wir am Donnerstag oder Freitag erwarten. Ich gehe im Moment davon aus, dass wir bis Anfang Mai mit dem bisherigen Verbot von Präsenzveranstaltungen leben werden und dann ergänzend Formate mit Präsenz auf dem Campus möglich sein werden. Die Hygiene- und Abstandsregelungen, eventuell auch das Tragen von Mundschutzmasken, sind dabei natürlich vollständig einzuhalten. Im Kern ändert das aber überhaupt nichts daran, dass das Sommersemester 2020 ein ungewöhnliches wird und ganz sicher nicht im klassischen Hörsaalformat abläuft.

 

Ein Viertel unserer Studierenden sind Internationals. Vor welchen Problemen steht diese Gruppe im Besonderen und welche Hilfsangebote hat die Universität?

Zunächst sind etliche zurzeit überhaupt nicht in Magdeburg, sondern in ihren Heimatländern. Sie werden aufgrund der Reisebeschränkungen in naher Zukunft auch nicht zu uns kommen können. Sollten sie dann die Reise nach Deutschland geschafft haben, wartet eine vierzehntägige Quarantäne auf sie. Diejenigen, die hier sind, haben zum Teil ihre Nebenverdienstmöglichkeiten verloren. Das gilt allerdings auch für die deutschen Studierenden und hier gibt es eine Reihe von Hilfsangeboten, auch durch das Studentenwerk. Wir werden als Uni selbst aber auch weitere Hilfstöpfe zur Verfügung stellen bzw. bestehende Programme zeitnah ausbauen.

 

Gibt es also durch die Coronakrise weniger Einschreibungen im Sommersemester?

Die Otto-von-Guericke-Universität hat den größten Anteil internationaler Studierender von allen Hochschulen des Landes Sachsen-Anhalt. Wir werden also die Folgen der Coronakrise auch entsprechend spüren und schon im aktuellen Sommersemester hat sich mit einem Rückgang von ungefähr 300 Studienanfängerinnen und -anfängern - vor allem in englischsprachigen Masterprogrammen - gezeigt, dass 2020 für uns kein leichtes Jahr wird. Dieser Effekt zurückgehender Einschreibezahlen wird sich vermutlich auch im Wintersemester fortsetzen. Das ist vor allem deshalb relevant, weil ein Teil unseres Haushaltes auch künftig aus dem sogenannten Zukunftsvertrag von der Anzahl der Studierenden abhängt.

 

Welche Herausforderungen liegen im Bereich der Forschung in den kommenden Wochen vor uns?

Wir haben uns in den vergangenen vier Wochen bemüht, Studierenden, die ihre Abschlussarbeiten schreiben und dazu einen Laborzugang brauchten, oder auch Promovenden diesen Zugang auch zu gewähren. In den kommenden Wochen gehe ich davon aus, dass wir die Nutzung der Labore sicherlich wieder ein Stück hochfahren können. Es war uns vor allem auch wichtig, langfristige Forschungsprojekte nicht einfach zu beenden. Der Zugang zu Publikationen ist durch die Universitätsbibliothek weiterhin möglich. Forschung an der Uni wird also im Sommersemester 2020 stattfinden können.

Allerdings lebt sie auch vom wissenschaftlichen Austausch und von Reisen und da gibt es derzeit natürlich massive Einschränkungen. So hat uns die DFG mitgeteilt, dass sie die für Ende März geplante Vor-Ort-Begutachtung eines Sonderforschungsbereiches in einem rein schriftlichen Verfahren durchführen wird. Wir sind gerade dabei, die Präsentationen und Vorträge, die wir normalerweise im Kreis der Gutachter vorgestellt hätten, nun zu Papier zu bringen. Auch dies hat es so noch nie gegeben und wir werden letztlich erst an dem Votum der Gutachter sehen, ob das für uns ein Vor- oder ein Nachteil war.

 

Prof. Strackeljan, was wünschen Sie sich für die Universität Magdeburg in den kommenden Wochen?

Ich wünsche allen Universitätsangehörigen natürlich vor allem, dass sie und ihre Familien gesund bleiben und gut durch diese schwierigen Zeiten kommen! Ich spüre insgesamt eine wachsende Solidarität, sowohl im beruflichen Umfeld als auch im privaten z.B. in der Nachbarschaft und ich hoffe, dass wir uns diese Erfahrungen auch für die Zeiten nach der Coronakrise bewahren.

Mir liegen unsere internationalen Studierenden sehr am Herzen, die entweder in Magdeburg fern von ihren Familien und sicherlich auch zum Teil in großer Sorge um diese sind oder in ihren Heimatländern auf die Fortsetzung oder den Beginn ihres Studiums warten. Bei allen Einschränkungen, die wir plötzlich erleben, müssen wir uns immer vor Augen führen, dass nicht alle den Zugang zu einem so gut entwickelten Gesundheitssystem wie wir in Deutschland haben.

Darüber hinaus sind wir als Angehörige des öffentlichen Dienstes durchaus privilegiert: Durch die Sicherheit unseres Arbeitsplatzes und durch eine Reihe von Sonderregelungen, die uns zum Beispiel bezahlt die Betreuung von Kindern möglich macht. Eine recht komfortablere Situation im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen im Land. Wenn nun in den kommenden Wochen bezüglich der Handhabung zum Beispiel verbleibender Urlaubstage oder auch in der flexiblen Aufteilung von Lehrveranstaltungen oder Praktika Mehrarbeit anfällt und Veranstaltungen eventuell gedoppelt werden müssen, weil wir sonst die Hygienevorschriften nicht einhalten, würde ich mir wünschen, dass wir gemeinsam die Herausforderungen annehmen und Flexibilität zeigen. Daraus ergibt sich natürlich keine besondere Verpflichtung, aber im Kern – so empfinde ich das jedenfalls – eine besondere Verantwortung. Ich bin mir aber sicher, dass alle Angehörigen dieser Universität dieser Verantwortung gerecht werden.

 

Prof. Strackeljan, vielen Dank für das Gespräch!

Letzte Änderung: 09.07.2020 - Ansprechpartner: Webmaster