Studie untersucht Wohlbefinden während Coronakrise

22.04.2020 -  

Die Welt erlebt mit der Corona-Pandemie gerade einen historischen Ausnahmezustand. Um die Ausbreitung des Coronavirus wieder unter Kontrolle zu bringen, sind tiefgreifende Maßnahmen erforderlich: Kita- und Schulschließungen verbunden mit Homeschooling, Kontaktsperren, Maskenpflicht. All das geht an den Menschen emotional natürlich nicht spurlos vorbei. Welche Auswirkungen die Maßnahmen der Corona-Krise auf das Wohlbefinden der Bevölkerung hat, das untersucht die Soziologin Prof. Ohlbrecht mit ihrem Team an der Universität Magdeburg.

Yoga-Kurs zu Hause in Zeiten von Corona (c) Jana Dünnhaupt_Uni MagdeburgFürs Wohlbefinden: Yoga-Kurs zu Hause in Zeiten von Corona (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)

Was untersuchen Sie in Ihrer Studie?

Seit einigen Wochen wirken sich das Corona-Virus und die damit einhergehenden Maßnahmen auf das berufliche, öffentliche und private Leben aus: Der reduzierte Kontakt zu Freunden und Familie, aber auch die Arbeit im Homeoffice und die Betreuung von Kindern verändern unseren Alltag erheblich und beeinflussen nicht zuletzt unser Wohlbefinden. Wir untersuchen, wie sich die Zeit der Kontaktsperre in der Folge der Corona-Pandemie auf die Gesundheit und die Alltagsbewältigung auswirkt. Dabei adressieren wir die Befragung sehr breit, denn je nach Alters- und Lebensphase variieren die Anforderungen:

  • Sei es für Eltern mit kleinen oder schulpflichtigen Kindern und hier insbesondere die Alleinerziehenden, die nun schon über eine lange Zeit hinweg die Betreuung ihrer Kinder allein bewältigen müssen oder beispielsweise durch das Homeschooling mitunter an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gelangen.
  • Viele Erwerbstätige bangen um ihre Arbeitsplätze, müssen sich mit Homeoffice arrangieren und ihren Alltag neu strukturieren.
  • Ältere Menschen als besondere Risikogruppe für Covid19 wiederum vermissen die familiären Kontakte in besonderer Weise und sind von sozialer Isolation bedroht.

Diese Beispiele zeigen, wie tiefgreifend sich diese historisch einmalige Situation auf unseren Alltag auswirkt. Stresssituationen haben Auswirkungen auf die Gesundheit, daher fragen wir in der Studie nach dem Wohlbefinden, als auch nach gesundheitsrelevanten Indikatoren wie Ernährung, Bewegung und Stressmanagement. Darüber hinaus interessiert uns das soziale Miteinander in der Krise. Verhalten sich die Menschen solidarischer, unterstützen wir uns gegenseitig oder nimmt eher ein selbstbezügliches Verhalten zu? Wie wird die Kontaktsperre erlebt, welche Sorgen werden berichtet, welche Formen der sozialen Unterstützung gibt es? Wie steht es um das Vertrauen in die politischen Entscheidungsträger/innen etc.?

 

Was möchten Sie mit der Studie erreichen?

Das Ziel ist es, mehr über diese besondere Situation zu erfahren und wissenschaftlich belastbare Daten zu erheben. Der Umgang mit der Corona-Pandemie und der Kontaktsperre soll nach Alter, Geschlecht, sozialem Milieu betrachtet und die besondere Situation von Risikogruppen, beispielsweise Menschen mit chronischen Erkrankungen, berücksichtigt werden. Bisherige Studien zeigen, dass die Krise soziale Ungleichheiten verschärft, denn Selbstständige, Alleinerziehende und Geringverdiener/innen sind von den Auswirkungen der Pandemie besonders hart betroffen. Ziel der Studie ist es daher Risikolagen und besondere Bedarfe zu identifizieren und mehr über die Konsequenzen des viel zitierten social distancing zu erfahren. An diesem Beispiel sieht man im Übrigen, wie schnell sich unsere Sprache verändert und wir können davon ausgehen, dass die Auswirkungen der Corona-Ausnahmesituation, selbst wenn wir jetzt über Lockerungen sprechen, tiefgreifend sein werden.

 

Wie ist die Idee zu der Studie entstanden?

Am Lehrstuhl für Mikrosoziologie haben wir seit Jahren einen Schwerpunkt in der Gesundheitsforschung. Viele gesundheitliche Risiken sind sozial verursacht und zeigen sich als soziosomatische Phänomene, in deren Folge beispielsweise Zivilisationskrankheiten zunehmen. Aus unseren bisherigen Forschungen zum Zusammenhang von beschleunigtem sozialem Wandel der Arbeitswelt und den Folgen für die Gesundheit kennen wir zentrale Risiko- als auch Schutzfaktoren für die Gesundheit. Wir haben uns daher gefragt, wie die Menschen auf die einschneidenden Veränderungen ihres Alltags reagieren, welche Faktoren sich als schützende, welche sich als risikobehaftet herausstellen.

 

Was passiert mit den Ergebnissen?

Die Ergebnisse werden der Wissenschaft als auch der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich können die Forschungsergebnisse dazu dienen, für die Zukunft zu lernen und besser auf Krisen dieser Art vorbereitet zu sein. Eine Nachbefragung zu den längerfristigen Folgen der Corona-Pandemie ist geplant und kann die Frage beantworten, ob diese Ausnahmesituation sich in das kollektive Gedächtnis einschreiben wird.

 

Wie kann man teilnehmen?

Über einen Link im Internet, der noch bis zum 3. Mai freigeschaltet ist. Es handelt sich dabei um eine anonyme Online-Befragung, die - selbstverständlich unter Einhaltung der rechtlichen Regelungen des Datenschutzes - allein wissenschaftlichen Zwecken dient. Die Teilnahme an der Befragung dauert etwa 20 Minuten. Wir würden uns sehr freuen, wenn viele Personen uns unterstützen, indem Sie dem Link folgen und die Fragen beantworten, aber auch indem Sie den Link an andere Personen weiterleiten.

 

Wie wirkt sich die Coronakrise auf Ihr eigenes Wohlbefinden aus?

Selbstverständlich bleibt auch mein Alltag nicht unberührt von der Kontaktsperre. Der Umgang mit Homeoffice, die Durchführung von Online-Vorlesungen und Seminaren, quasi eine komplette Umstellung des akademischen Lebens auf virtuelle Varianten ist ohne Frage herausfordernd, zusätzlich kommen das Homeschooling hinzu, die Frage wie man die eigenen Eltern unterstützen kann, die man derzeit nicht treffen darf etc. Dies alles sind schon sehr besondere Situationen. Ich bin mir jedoch meiner privilegierten Stellung bewusst, mich plagen keine materiellen Nöte und Ängste, wie diese jetzt so viele Menschen bewegen, die sich nicht sicher sein können, ob ihre Arbeitsplätze erhalten bleiben. Oder die Situation von Menschen mit chronischen Erkrankungen, die sich fragen, wann für sie wieder Normalität in ihren Alltag einziehen wird und für die die Folgen durch diese Pandemie noch sehr langanhaltend sein werden. Wie ich auch insgesamt davon ausgehe, dass sich unser aller Leben verändern wird: Wir werden neu und anders über Vorstellungen des guten Lebens nachdenken, das mobile Arbeiten wird neu bewertet werden, die sogenannten systemrelevanten Berufe werden sich verändern und wir blicken neu auf unser Gesundheitssystem, das wir als Tragpfeiler des demokratischen Zusammenlebens wieder entdecken.

Letzte Änderung: 09.07.2020 - Ansprechpartner: Webmaster