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Forschung & Transfer

Architektur G25

Die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg setzt sich mit der Vielfalt sowohl nationaler, aber auch globaler gesellschaftlicher Herausforderungen auseinander. Das betrifft technische, gesundheitliche und ökologische Fragestellungen; aber auch ethische, kulturelle, soziale und ökonomische Probleme sind  Gegenstand wissenschaftlich-methodischer Betrachtung, Kontextuierung, Konzeptionierung und Reflexion.

Als Vorreiter technologischer Entwicklung wird die Universität Magdeburg mehr und mehr zur Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Sie versteht sich als eine Leitfigur beim Ausbau der wirtschaftlichen Entwicklung der Region. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg beraten und unterstützen mit ihrer Expertise wichtige und zukunftsweisende Vorhaben der Stadt, des Landes oder regionaler Unternehmen. Sie sind als Ingenieure, Wirtschaftswissenschaftler, Soziologen, Mediziner oder Informatiker mit ihrem Wissen unverzichtbare Partner in regionalen und überregionalen Netzwerken und so an der gedeihlichen Entwicklung der Landeshauptstadt maßgeblich beteiligt.

Durch die gezielte Anwerbung unternehmerisch begabter Studienanfängerinnen und -anfänger aus ganz Deutschland und dem Ausland und ein entsprechendes Lehrangebot werden Studierende auch zu Unternehmerinnen und Unternehmern herangebildet, die im Anschluss an ihr Studium sowohl in Wissenschaft, Wirtschaft und der Kultur neue Impulse setzen.

Das Profil ist geprägt durch Exzellenzschwerpunkte, Sonderforschungsbereiche, Graduiertenkollegs und Forschergruppen. Externe Kooperationen bestehen mit angegliederten Zentren, An-Instituten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Als Impulsgeber und Entwicklungsmotor auch weit über die Landesgrenzen hinaus, verfolgt die Universität Magdeburg Innovationsstrategien zur Stärkung des Technologie- und Wissenstransfers in regionale und überregionale Unternehmen.

 

Aktuelle Meldungen aus Forschung & Transfer:


Interagieren Frauen und Männer unterschiedlich mit Computern?

Was haben Informatik und Geschlecht miteinander zu tun? Eine These sagt, dass in die Software-Entwicklung persönliche oder soziale Gendereinstellungen einfließen, Männer und Frauen also anders ticken bei der Nutzung und Programmierung. Diese Herangehensweisen können sich dann in Produkten verfestigen. Wer kennt sie nicht, Siri aus dem iPhone oder Alexa von Amazon. Das Projekt „Gender x Informatik“ fördert die Integration von Genderaspekten in Forschungsprojekte der Informatik. Die Fakultät für Informatik der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg hat Forscherinnen und Forscher aus dem Fachbereich Informatik zu einem Workshop eingeladen, „Genderforschung in Human-Computer Interaction“ zu diskutieren.

Als Referentinnen konnten Jun.-Prof. Dr. Claude Draude vom Wissenschaftlichen Zentrum für Informationstechnikgestaltung der Universität Kassel und Astrid Wunsch, User Experience Designerin bei SAP AppHaus Berlin, gewonnen werden. Von ihnen hören die Workshopteilnehmerinnen und -teilnehmer Impulsvorträge zu Gender und Diversity in der Homan-Computer Interaction aus Forschungssicht und über Emotionalisierung von Produkten und User-Interfaces mittels Genderoptimierung.

 

WAS: Workshop „Genderforschung in Human-Computer Interaction“ im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts „Gender x Informatik“
WANN: 14. Dezember 2017, 11:00 bis 15:00 Uhr
WO: Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Universitätsbibliothek, Gebäude 30, Tagungsraum

 

Die Berücksichtigung der Vielfalt von Menschen und ihrer Ideen in der IT-Forschung macht es notwendig, Gender- und Diversityaspekte auch in der Softwareentwicklung mitzudenken. Wie sind sie in Forschungsprojekte der Informatik zu integrieren? Das Ziel des Projektes ist es, die Vernetzung und den Erfahrungsaustausch voranzubringen, um über Genderaspekte in der Informatikforschung zu sprechen“, unterstreicht Prof. Dr.-Ing. Sanaz Mostaghim vom Institut für Intelligente Kooperierende Systeme und Organisatorin des Magdeburger Workshops. „Das klingt zunächst vielleicht einfach, ist aber der erste und wichtigste Schritt für Informatiker über das Thema zu diskutieren und die Einflüsse zu identifizieren und hoffentlich in der Forschung berücksichtigen.“

Stereotypisch oder typisch Frau?

In ihrer Nutzung haben Frauen Technik, Informatik und Naturwissenschaften vielfältig erobert. Doch wie setzen sie sich aus Geschlechterperspektive mit fachspezifischen Themen, Prozessen und Produktentwicklungen auseinander? Sind Kommunikations-, Kooperations- oder Teamfähigkeit spezifisch weiblich? Werden mit solchen Ansichten Geschlechterstereotypen festgeschrieben? Wird Informatik wirklich als objektives mathematisch-technisches Fach angesehen? Wie können begleitende Instrumente zur Genderforschung in der Informatik wie die Vernetzung, der Erfahrungsaustausch, der Aufbau von internationalen Kooperationen und ein kontinuierlicher Dialog zwischen den Akteurinnen und Akteuren genutzt werden? Eine Plattform für die Beantwortung all dieser Fragen soll das Projekt „Gender x Informatik“ mit den Workshops als Inputgeber zur fachlichen und methodischen Weiterbildung sein. Damit wird ein wichtiger Rahmen geschaffen, in dem sich potentielle Partnerinnen und Partner für künftige Kooperationen begegnen und vernetzen können.

In dem Projekt kooperieren

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Globalisierung als Garant für den Frieden?

Seit Lebewesen unsere Erde besiedeln, konkurrieren sie um knappe Ressourcen. Wir Menschen haben dann – so die Lesart von Ökonomen – den Stoffwechsel mit der Natur um eine besondere soziale Komponente, den Tausch, erweitert und schlussendlich in Antike und Mittelalter den mehr oder weniger streng geregelten Handel auf Märkten erfunden, um vernunftgesteuert mit den begrenzten Mitteln umzugehen: Jeder macht das, was er am besten kann und parallel zur Arbeitsteilung organisieren wir den Austausch von Waren zum beiderseitigen Nutzen. Was in den lokalen Zentren sesshafter Kulturen, in der Dorfmitte mit Schneider, Schuster und Schmied begann, wuchs dank des Erfindungsreichtums des Menschen über Jahrtausende zu eng verzahnten globalen Märkten, führte zu einem weltweiten Wettbewerb um Ressourcen, Rohstoffe und Produkte, Waren und Dienstleistungen, Fachkräfte und Technologien.

Am Lehrstuhl für Internationale Wirtschaft der Universität Magdeburg erforscht der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué Ursachen, Mechanismen und Auswirkungen dieser weltwirtschaftlichen Verflechtungen. Sein Ziel ist es, Modelle für eine umfassende offene Volkswirtschaft zu entwickeln, die die Zusammenhänge zwischen Globalisierung und dem weltweiten Strukturwandel in nahezu allen Sektoren und Regionen abbilden und mit deren Hilfe die Politik die Rolle des internationalen Handels vor allem für die Schwellenländer analysieren kann.

Prof. Paqué

Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué vor dem Kunstprojekt "Zeitmesser" der Pariserin Gloria Friedmann. (Foto: Harald Krieg)

Herr Prof. Paqué, gibt es ein Modell, quasi eine Blaupause, für den Umgang mit den Herausforderungen eines entgrenzten Handels in Zeiten der Globalisierung?

Da würden Sie zu viel verlangen! Ein Modell als Blaupause für die globale Entwicklung, das gab es nie, gibt es heute nicht und wird es nie geben. Modelle sind doch drastisch stilisierte Abbilder einer Wirklichkeit, die höchst komplex ist – und unvorhersehbar. Wer als Wissenschaftler behauptet, im Besitz einer Blaupause für die Realität zu sein, der leidet an Hybris. Modelle sind grobe Orientierungshilfen, mehr nicht. Die Wissenschaft muss bescheiden bleiben und so auch auftreten: Sie kann helfen, die Wirklichkeit sinnvoll zu strukturieren, und das ist für die Politik nützlich. Diese ersetzen kann sie nicht und darf sie nicht.

Globalisierung ist definiert als eine zunehmend arbeitsteilige Verflechtung der Welt. Ist die Diskussion darüber ein Phänomen des 21. Jahrhunderts?

Der Begriff „Globalisierung“ ist recht jung, er kam in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf, das ist gerade mal eine Generation her. Das Phänomen gibt es aber – richtig interpretiert – seit dem 19. Jahrhundert, als mit den enormen Fortschritten in der Transport- und Kommunikationstechnologie die Welt zusammenwuchs. Mit der Erfindung der Dampfmaschine eroberte die motorisierte Schifffahrt die Weltmeere; und die Lokomotiven begannen auf neu gelegten Schienennetzen ihren Siegeszug in Europa und Amerika. In den 1860er Jahren wurde dann das erste transatlantische Telegraphenkabel gelegt. Alles schon lange her!

Welchen Vorteil bringt für den Ökonomen Handel in seiner reinsten Form, also im Sinne von friedlich und zwanglos „Knappheiten zu entgehen“, egal ob zwischen zwei oder 20 Partnern?

Es war der große britische Gentleman-Ökonom David Ricardo, der 1817 nachwies, dass Handel allseitig Vorteile bringt – seine Theorie lehren wir noch heute als Ricardo-Modell. Die Logik des Modells ist auch 200 Jahre nach dessen Entstehen richtig. Es geht darum, dass jeder das tut, was er relativ am besten kann. Das ist das Grundprinzip der Spezialisierung und Arbeitsteilung, was übrigens nicht nur zwischen Nationen, sondern auch unter Regionen und Personen gilt. Es ist auch, wie fast alle großen Theorien, intuitiv einleuchtend: Wer würde einem guten Freund schon empfehlen, einen Beruf zu wählen, in dem er relativ schlechtere Ergebnisse erzielt als andere?

Es gibt in Europa eine indifferente Zukunftsangst, eine Sehnsucht nach einer Welt, die es nicht mehr gibt. Protektionismus und Nationalstaatlichkeit erstarken. Sind wir Menschen mit der globalen Sicht auf die Dinge überfordert?

Das kommt drauf an. Dahinter steckt natürlich eine hochpolitische Frage, denn es geht um eine Herausforderung, und auf diese kann man ganz unterschiedlich reagieren: mit Mut oder mit Angst, also offen oder protektionistisch. Die Erfahrung der Wirtschaftsgeschichte lehrt ganz eindeutig, dass Mut und Offenheit sich langfristig auszahlen, während Angst und Protektionismus auf Dauer zu einem Niedergang führen. Der große liberale Philosoph des kritischen Rationalismus Karl Popper forderte die „offene Gesellschaft“, und dem schließe ich mich voll an. Allerdings müssen wir es schaffen, möglichst alle Menschen auf diesem Weg mitzunehmen.

Globalisierungskritiker argumentieren, dass die Früchte der Globalisierung nur den Starken in der Weltwirtschaft zugutekommen und nur wenigen Entwicklungsländern. Die hätten keine Chance, die globale Strukturpolitik mitzugestalten. Ist das auch Ihre Einschätzung?

Nein, die objektiven Fakten zeigen, dass diese Ansicht falsch ist und immer war. Der Grund: Gerade jene Entwicklungsländer, die sich für den Welthandel öffneten, erlebten anschließend ein beschleunigtes wirtschaftliches Wachstum. Gerade sie holten auf. Nehmen wir die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Welt, China und Indien. Erst nach ihrer marktwirtschaftlichen Öffnung in den achtziger Jahren gelang es ihnen, den Hunger zu besiegen und großen Teilen ihrer Bevölkerung einen noch bescheidenen, aber doch zunehmenden Wohlstand zu sichern. Ländern, die sich abschotteten, wie Cuba, Nordkorea oder Venezuela, gelang das nicht.

Der Brexit muss nun organisiert werden und es gibt auch in anderen Ländern nationalstaatliche Tendenzen, ein Wiedererwachen der weltwirtschaftlichen Desintegration. Ist das ein rein ökonomisches Phänomen oder gehen die Auswirkungen von Protektionismus darüber hinaus?

Das ist eine gefährliche Entwicklung, wirtschaftlich und politisch. Wir haben doch schon einmal global eine Phase der Abschottung und des Protektionismus erlebt, und zwar in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen 1914 bis 18 und 1939 bis 45. Die Ergebnisse waren katastrophal: neben den Kriegen eine Weltwirtschaftskrise und das Zerbrechen der Zusammenarbeit zwischen den Nationen, ein vergiftetes Klima. Und dies nach einem Jahrhundert, also zwischen 1815 bis 1914, des weitgehenden Friedens und der einsetzenden Globalisierung! Es ist auch heute nicht sicher, dass die Vernunft siegt. Wir müssen deshalb für eine offene Gesellschaft kämpfen, auch als Wissenschaftler.

Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung vor allem mit der Verbindung zwischen Globalisierung und einem damit verbundenen ökonomischen Strukturwandel, vor allem in den Schwellenländern. Vor welchen besonderen Herausforderungen stehen Brasilien, Indien oder China?

Diese Länder haben durch ihre Öffnung große Fortschritte gemacht. Sie sind das geworden, was in der Wirtschaftswissenschaft „middle income countries“ genannt wird. Brasilien und China schon etwas reicher, Indien noch etwas ärmer. Sie stehen wirtschaftlich vor ähnlichen Problemen: Um an die Spitze der Weltwirtschaft zu kommen, müssen sie mehr eigenständige Innovationskraft hervorbringen, durch Forschung und Entwicklung. Sozial bringt natürlich das schnelle Wachstum Verwerfungen, etwa zwischen Stadt und Land sowie zwischen Gewinnern und Verlierern des Prozesses. Also: kein Paradies, aber Gott sei Dank keine bittere Armut mehr.

Welche Aufgabe kommt Ihrer Meinung nach dem Westen bei der Lösung globaler Herausforderungen wie Klimawandel, Finanzkrisen und internationalem Terrorismus zu?

Die Aufgabe, mit verantwortungsvoller Politik eine Vorreiterrolle zu spielen. Die Übernahme globaler Verantwortung fällt jenen Ländern leichter, die weltweit an der Spitze der Prosperität stehen – und dazu zählen vor allem die Nationen Europas und Nordamerikas, also politisch gesehen „der Westen“. Er muss Schrittmacher sein für eine kluge globale Politik, die Ressourcen und das Klima schont, Finanzkrisen vorbeugt und den Terrorismus bekämpft. Vorreiter sein heißt dabei nicht, die anderen zu bevormunden und mit rücksichtslosen Alleingängen in die Enge zu treiben. Die deutsche Energiepolitik zum Beispiel ist in dieser Hinsicht keineswegs vorbildlich.

Zeitmesser

Das Kunstprojekt "Zeitmesser" der Pariserin Gloria Friedmann steht am Elbufer von Magdeburg und zeigt als Weltzeituhr die Zeiten an den längsten Flüssen der Welt auf allen Kontinenten an. (Foto: Harald Krieg)

Ein wesentliches Merkmal der durch Technologien hervorgerufenen Globalisierung ist die weltweit zunehmende Arbeitsmigration. Gut ausgebildete Fachkräfte verlassen ihre Heimatregion mit der Hoffnung, ihre Bildung anderswo für ein besseres Leben einsetzen zu können. Was können Ökonomen, was kann Politik diesem brain drain ganzer Kontinente entgegensetzen?

Die Frage ist: Aus welchen Ländern kommen die meisten Migranten? Die Antwort ist einfach: Es sind jene Länder, denen es eben nicht wie China und Indien gelingt, die eigene Wirtschaft erfolgreich in die Globalisierung einzufügen. Nordafrika und der Nahe Osten sind die klassischen Beispiele dafür. Es sind Regionen mit zahlreichen Kriegen und Konflikten, wenig politischer Stabilität sowie viel Intoleranz, Gewalt und Hass. Dafür gibt es keine einfachen Lösungen. Das Ziel aber ist eindeutig: Europa und Amerika müssen helfen, diese Länder ökonomisch auf einen Wachstumspfad zurückzuführen. Die Hauptarbeit muss aber in den Ländern selbst erledigt werden.

America first!, so die Devise des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Welche Gefahren birgt ein Protektionismus à la Trump und Putin im globalen Verteilungskampf? Was sind weitere Folgen, wenn der wirtschaftliche Austausch zwischen Staaten unterbrochen wird?

„America First“, das ist eine sehr kurzsichtige populistische Devise. Sollte Donald Trump sie als protektionistische Leitlinie ernsthaft weiterverfolgen, so wird er vor allem seinem eigenen Land schaden. Denn auch die USA leben vom internationalen Handel. Sie sind eine Hightechnation, die viel exportiert. Schlimmer noch wären die Folgen für die Welthandelsordnung: Wenn sich die USA nicht an die Regeln halten, wird es keiner mehr tun. Deshalb muss vor allem Europa den liberalen Status Quo verteidigen. Was Russland betrifft, hängt vieles von der Einhaltung des Völkerrechts ab: Nur, wenn das Land sich an frühere Verträge hält, kann es auch ein guter Handelspartner werden.

Welche Rolle kann Politik spielen, um die Herausforderungen der Globalisierung wie Klimawandel, Finanzkrisen und internationaler Terrorismus anzugehen? Können Gesetze und Rahmenbedingungen Märkte und einen fairen Ausgleich regional divergierender Interessen friedlich steuern?

Oft wird gesagt, der Nationalstaat sei völlig machtlos gegenüber den Kräften der Globalisierung. Das stimmt nicht. Allerdings kann der Kampf gegen Klimawandel, Finanzkrisen, Terrorismus und weitere Herausforderung nur erfolgreich sein, wenn es eine internationale Zusammenarbeit in diesen Fragen gibt. Alleingänge helfen nicht weiter. Das Entstehen einer kooperativen politischen Atmosphäre ist deshalb von zentraler Bedeutung. Da haben wir leider in den letzten Jahren schwere Rückschläge erlebt – mit dem Brexit und Trump, aber vor allem mit Putin, Erdogan und vielen autokratischen und nationalistischen Kräften, die Aufwind bekamen.

Ob Klimapolitik, Steuerpolitik, Sozial- oder Bildungspolitik: In allen Bereichen gibt es Sachverständigenräte, Wirtschaftsweise, Beratungsgremien und Kommissionen. Kommen wissenschaftliche Forschungsergebnisse auf diesem Wege in Zeiten der „Alternativen Fakten“ in der Politik an?

Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen, gerade als Wissenschaftler. Wir müssen den „fake news“ unerschrocken und unermüdlich die wahren Fakten entgegensetzen. Wir müssen das sachlich tun – in Fachgremien und Kommissionen. Aber vielleicht ist es noch wichtiger, dass wir die Öffentlichkeit emotional ansprechen. Die Wahrheit – „the truth“, das ist doch nicht irgendein Luxus, den sich ein paar Intellektuelle leisten. Es geht um viel mehr, nämlich den Geist der Aufklärung in einer freiheitlichen Gesellschaft. Dafür müssen wir als Wissenschaftler draußen in der rauen Wirklichkeit geradestehen. Also: Raus aus dem Elfenbeinturm und rein ins Meinungsgetümmel.

Herr Professor Paqué, vielen Dank für das Gespräch!

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Millionenförderung für die Erforschung der neurobiologischen Grundlagen des Entscheidens

Der Europäische Forschungsrat (ERC) hat dem Psychologen PD Dr. rer. nat. Gerhard Jocham vom Center for Behavioral Brain Sciences (CBBS) der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und des Leibniz-Institutes für Neurobiologie (LIN) Magdeburg einen mit 1,9 Millionen Euro dotierten ERC Consolidator Grant bewilligt und seinem Forschungsprojekt „Decision making: from neurochemical mechanisms to network dynamics to behavior“ (NEODYNE) zu den neurobiologischen Grundlagen des Entscheidens wissenschaftliche Exzellenz bescheinigt. Dr. Gerhard Jocham ist damit europaweit einer von 329 exzellenten Wissenschaftlern, die mit insgesamt 630 Millionen Euro vom ERC in dieser Form für die nächsten fünf Jahre gefördert werden.

Portrait_Jocham_Gerhard (c) Harald Krieg-9856PD Dr. Gerhard Jocham (Foto: Harald Krieg / Universität Magdeburg) 

In der modernen Entscheidungsforschung werden im Wesentlichen zwei verschiedene Ansätze verfolgt. In dem einen wird die Aktivität einzelner Nervenzellen, deren Verbindungen und die Rolle verschiedener Moleküle beim Entscheiden untersucht. Diese Forschung spielt sich meist im Tierexperiment ab. Der andere Ansatz untersucht die Aktivität größerer Nervennetze beim Entscheiden und die Verrechnungsschritte, die in diesen Netzen stattfinden. Diese beiden Forschungsrichtungen existieren weitgehend getrennt voneinander. Daher ist nahezu unbekannt, wie sich Veränderungen auf der mikroskopischen Ebene, also der Ebene einzelner Nervenzellen und Moleküle, auf die makroskopische Ebene, die Ebene größerer Nervenzellverbände, übersetzen und so letztendlich Entscheidungen kontrollieren.

„In dem Projekt soll die Brücke zwischen den beiden Ebenen geschlagen werden. Computermodelle werden verwendet, um vorherzusagen, wie sich Veränderungen auf der molekularen Ebene auf der Ebene größerer Zellverbände niederschlagen und sich letztendlich auf das Verhalten auswirken“, erläutert Dr. Gerhard Jocham. „Diese Vorhersagen werden mit experimentellen Daten zusammengebracht, die wir mithilfe der Magnetoenzephalographie (MEG) gewinnen. Sie ermöglicht uns die Messung neuronaler Aktivität kortikaler Netzwerke beim Menschen mit einer Auflösung im Millisekundenbereich. So können wir die neuronale Dynamik, die einer Entscheidung zugrunde liegt, zeitlich aufgelöst nachverfolgen. Um nun zu erfassen, welchen Effekt die Aktivität verschiedener Botenstoffe auf die neuronale Dynamik und das Entscheidungsverhalten haben, werden diese entweder gemessen oder gezielt moduliert.“ Für dieses anspruchsvolle Projekt findet Dr. Gerhard Jocham am CBBS Magdeburg die benötigte Forschungsinfrastruktur.

Neben den grundlagenwissenschaftlichen Erkenntnissen zu Entscheidungen kann dieses Projekt auch für klinische Fragestellungen interessante Ergebnisse bringen. Beeinträchtigungen beim Entscheiden sind ein wesentliches Merkmal einiger psychiatrischer Erkrankungen. Darüber hinaus finden sich bei vielen psychiatrischen Erkrankungen einerseits abnormale Muster neuronaler Dynamik und andererseits Störungen in Botenstoffsystemen. Wie diese beiden zusammenhängen ist aber unklar. Führt die gestörte Neurotransmitterbalance letztendlich zu klinischen Symptomen, weil das Ungleichgewicht zu einer gestörten neuronalen Dynamik führt? Oder sind dies zwei unabhängige Phänomene? Offene Fragen, auf die Dr. Gerhard Jocham im geförderten Projekt Antworten finden möchte.

Über  PD Dr. rer. nat. Gerhard Jocham

Nach seinem Studium der Psychologie in Konstanz und Düsseldorf promoviert der 1975 in Wangen im Allgäu geborene Gerhard Jocham 2006 an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Am Max-Planck-Institut für Neurologische Forschung in Köln arbeitet er danach in der selbstständigen Nachwuchsgruppe „Kognitive Neurologie“ mit Prof. Dr. Markus Ullsperger. Nach einem dreijährigen Forschungsaufenthalt an der Universität Oxford übernimmt er 2013 die Leitung der unabhängigen CBBS-Forschergruppe „Cognitive Neuroscience“ am Center for Behavioral Brain Sciences (CBBS) an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. 2015 erlangt er mit der Habilitation an der Universität Magdeburg die Venia Legendi für das Fach Psychologie.

ERC Consolidator Grant

ERC Consolidator Grants fördern exzellente Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen und unterstützen ihre unabhängige Forschung. Hintergrund der Förderung ist, dass sich derzeit in Europa nur wenig Gelegenheiten für junge Forscher bieten, ihre Laufbahn unabhängig zu entwickeln und den Übergang von der angeleiteten Forschung zum selbständigen Forscher zu schaffen, so die Begründung des Europäischen Forschungsrates. Dieses strukturelle Problem führe zu einem dramatischen Verlust an Forschungstalenten in Europa und erschwere außerdem die Bildung der nächsten Generation von Spitzenforschern, die mit neuen Ideen und neuer Dynamik aufwarten.

Das Center for Behavioral Brain Sciences (CBBS)

Das CBBS wurde 2007 als Dachstruktur neurowissenschaftlicher Forschung in Magdeburg gegründet, um exzellente Nachwuchswissenschaftler zu fördern und durch Bündelung vielfältiger Herangehensweisen, Methodiken und Themen Synergien zu schaffen und Kompetenzen zusammenzuführen. Als zentrale Einrichtung wird sie wissenschaftlich gemeinsam von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und dem Leibniz-Institut für Neurobiologie (LIN) Magdeburg getragen und vereint gegenwärtig 100 Neurowissenschaftlerinnen und –wissenschaftler aus sechs Fakultäten der OVGU, dem LIN sowie dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE). Das CBBS wird gefördert aus Mitteln des Landes Sachsen-Anhalt, des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) sowie der Leibniz-Gemeinschaft.

 

Bilder zum Download

Bild 1 // Quelle: Harald Krieg / Universität Magdeburg // Bildunterschrift: PD Dr. Gerhard Jocham

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Der Magdeburger Dom als Adventskalender

In der Prototypenwerkstatt der Universität Magdeburg weihnachtet es sehr. Der Grund: Die Herstellung eines nachhaltigen Adventskalenders orientiert an der Grabkirche Otto des Großen, dem Namenspatron der „Ottostadt Magdeburg“. Aus insgesamt 60 Kilogramm Holz, 100 limitierten und per Hand verpackten Bausätze mit 145 unterschiedlichen kleinen Teilen zum Zusammenstecken bastelten Doreen Glanz und Hansjörg Stern das Wahrzeichen Magdeburgs zu einem Domkalender. „Architekt Hansjörg Stern hat den Dom bereits vor einigen Jahren aus Papier entwickelt, damit wir Kindern aus Magdeburg etwas von ihrer eigenen Stadt vermitteln konnten“, beschreibt Ideengeberin Doreen Glanz. Die Mutter von zwei Kindern hat lange Zeit für die Jugendkunstschule Magdeburg gearbeitet und somit bereits einige Dom-Unikate aus Papier gesehen. „Die Papier-Miniaturausgaben des Doms wurden von den Kindern bei Stadtführungen immer wieder mit dem Originalgebäude verglichen und so sind wir auf die Idee gekommen, unseren Entwurf auch auf andere Art und Weise einzusetzen“, berichtet Hansjörg Stern.

Adventskalender_Dom(c)Harald KriegIdeengeber und Umsetzer des Domkalenders Doreen Glanz und Hansjörg Stern im FabLab der Universität Magdeburg. (Foto: Harald Krieg / Universität Magdeburg)

Anfang dieses Jahres hat Papiermodell, das keine 1:1 Abbildung des Magdeburger Doms darstellt, die ersten Züge eines Adventskalenders aus Holz angenommen. Genau drei Prototypen und einige Bastelstunden im FabLab, dem Fertigungslabor zur Herstellung von Anschauungs- und Funktionsmodellen der Universität, später konnten die ersten Kalender zusammengesteckt werden.

„Bis alle Steckverbindungen richtig gepasst haben, mussten ein paar Kinderkrankheiten vom Beginn verbessert werden“, erinnert sich Fabian Laufer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Fertigungstechnik und Qualitätssicherung der Fakultät für Maschinenbau. Mit seiner Unterstützung konnte die technische Umsetzung finalisiert und die Feinheiten des Kalenders erarbeitet werden. Dafür wurde das Modell am Computer digital umgesetzt und mithilfe einer Laseranlage auf drei Millimeter dicke Plättchen übertragen, um die gewünschten Steckverbindungen ausschneiden zu können. „Wichtig ist, dass das Holz eine gute Qualität besitzt. Jeder Bausatz ist sehr exakt und einzelne Elemente können nur nach genauen Maßen passen“, so Fabian Laufer.

„Nächstes Jahr wird es den jetzt noch limitierten Kalender auch mit Inhalt geben. Beispielsweise mit regionalen Kleinigkeiten, die im Domkalender Platz finden und auch für jede Generation passen“, schaut Doreen Glanz voraus. „Und auch als normales Modell werden wir einen Bausatz vom Dom für das ganze Jahr erstellen – dieses Feedback haben wir von regionalen Läden hier erhalten.“

Der Domkalender als Bausatz

Die insgesamt 145 Teile für den Adventskalender werden gesteckt, so sieht jeder Dom am Ende gleich aus. Der Aufbau nimmt ca. 30 bis 45 Minuten in Anspruch, geübte Bastler können es auch in 10 bis 15 Minuten schaffen. Wer verzweifelt kann neben der Bauanleitung im Paket auch ein Video auf der Seite www.sternmitglanz.de zur Überprüfung einsetzen. „In jedem Bausatz befinden sich 29 kleine Briefumschläge“, erzählt Hansjörg Stern. „In jedem Brief steht eine Geschichte über Magdeburg drin. Vom Dom, das Magdeburger Lied oder die Lukas-Geschichte in mehreren Teilen.“ Aufgrund der geometrischen Gegebenheiten des Doms dürfen sich Eigentümer des Kalenders nicht nur auf die traditionellen 24, sondern 29 Türchen freuen. „Bei unserem Domkalender werden jeden Advent und Heiligabend zwei Türchen geöffnet“, freuen sich die beiden Tüftler.

Der limitierte Domkalender ist in folgenden Verkaufsstellen in Magdeburg zu finden:

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Manche mögen's heiß

Sie fühlen sich pudelwohl, wenn es so richtig heiß ist. Sie sind klein, winzig klein, im Mikrobereich zu finden, und sie leuchten in den schönsten Regenbogenfarben. Die Rede ist von Phosphoren. Nicht zu verwechseln mit dem Element im Periodensystem mit der Ordnungszahl 15 und dem Symbol P, dem Phosphor.

Prof. Dr.-Ing. Frank Beyrau, Leiter des Lehrstuhls für Technische Thermodynamik an der Fakultät für Verfahrens- und Systemtechnik der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, und sein Team nehmen Mikropartikel dieser leuchtenden Stoffe im Projekt PHOSPHOR – Synthesis of Novel Phosphor Sensor Particles for Advanced Flame Diagnostics genau unter die Lupe. Mit ihrer Hilfe haben die Magdeburger Forscher ein neues Verfahren entwickelt, um Verbrennungsvorgänge besser analysieren zu können.

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Prof. Dr.-Ing. Frank Beyrau mit Laserschutzbrille richtet eine Kamera zur Detektion der leuchtenden Phosphor-Partikel aus. (Foto: Harald Krieg)

Die Bezeichnung Phosphore (Plural) leitet sich aus dem englischen Wort „phosphor“ ab und steht für Leuchtstoff. Phosphore, bekannt aus Leuchtstoffröhren, Uhren mit Leuchtziffernblatt, Nachtsichtgeräten und LED-Bildschirmen, sind keramische Materialien, die nach der Beleuchtung durch einen Laser Licht abstrahlen. Leuchtfähig sind sie, weil in das keramische Wirtsmaterial Leuchtionen dotiert, also eingebracht, werden. Das können Seltene Erden wie Ytterbium oder Erbium oder Übergangsmetalle wie Chrom oder Mangan sein. Sie liegen tief im Innern und reagieren nicht auf die Umgebung, in der sich der Kristall befindet. Hängen Farbe und Leuchtdauer der Emission von der Temperatur des Wirtsmaterials ab, dann nennt die Wissenschaft sie thermografische Phosphore. Aus den verschiedenartigen Konfigurationen von Wirtsmaterial und Leuchtionen ergeben sich viele Eigenschaften, die Phosphore für die Sensorik attraktiv machen. 

Den Kollegen in Princeton über die Schulter schauen

Gemeinsam mit Partnern der Princeton University in den USA möchten die Magdeburger Wissenschaftler diese Konfigurationen optimieren, mit dem Ziel, durch Synthese neuer, für die Strömungstemperaturerfassung optimierter, Phosphore den messbaren Temperaturbereich zu vergrößern. Auf einer Tagung waren die Kollegen aus Princeton auf die Arbeit von Professor Beyrau und seinem Team aufmerksam geworden und dann als Partner in das Projekt PHOSPHOR eingestiegen. Die Förderung durch das EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation „Horizont 2020“ ermöglicht es, dass Lehrstuhlmitarbeiter Dr. Christopher Abram den Kollegen am Advanced Combustion and Propulsion Lab an der Princeton University für 18 Monate über die Schulter schauen kann. Dort werden innovative Synthesemethoden entwickelt, welche die Herstellung von Phosphor-Partikeln mit spezifischen physikalischen und optischen Eigenschaften ermöglichen. Er lernt, Phosphore unter Verwendung dieser hochmodernen Verfahren herzustellen.  Die ersten eigenen Versuche von Dr. Abram brachten Beachtenswertes: Seine Phosphore zeichnen sich durch eine monodisperse Größe aus, das heißt, sie sind alle von der gleichen Größe, und sie sind schön rund, und das ist optimal für die Forschungen in Magdeburg, bei denen derzeit noch auf kommerzielle, weniger gut geeignete plättchenartige Phosphore zurückgegriffen werden muss. Nach seiner Rückkehr wird der Nachwuchswissenschaftler in Magdeburg am Lehrstuhl für Technische Thermodynamik ein Labor aufbauen, in dem die neuen Materialien hergestellt, unter anderem bezüglich der Temperatursensitivität charakterisiert und für praktische Anwendungen eingesetzt werden können.

Simultan Temperatur und Strömungsgeschwindigkeit erfassen

Partikel_Labor_Detail_2Warum nun sind die thermografischen Phosphore so spannend für die Magdeburger Forschenden? „Weil es mit ihnen erstmals möglich ist, gleichzeitig in Verbrennungssystemen die herrschenden Temperaturen und die Strömungsgeschwindigkeiten zu messen“, erklärt Professor Frank Beyrau. „In bisher etablierten Verfahren wurden entweder die Geschwindigkeit oder die Temperatur in einem System erfasst. Um aber Verbrennungsprozesse in Motoren oder Gasturbinen endgültig verstehen und somit auch optimieren zu können, müssen die während der Verbrennung ablaufenden Prozesse simultan erfasst werden.“ In Gasturbinen, beispielsweise in Flugzeugtriebwerken, werden die Flammen sehr heiß. Trotz extrem hitzebeständiger Materialien halten die Bauteile Temperaturen von weit über 1.000 Grad Celsius oft nicht ohne zusätzliche Kühlung aus. Deshalb werden in die Brennkammerwände und Turbinenschaufeln kleine Löcher eingebracht, um kalte Luft einströmen zu lassen, die sich zur Kühlung wie ein Film auf die Bauteile legt, Effusionskühlung ist der Fachbegriff.
Wie dick ist der Film? Wo zieht er hin? Wie mischt er sich mit den heißen Verbrennungsgasen? Diese Fragen beschäftigen die Wissenschaftler. Den Luftstrom in seiner Kühlwirkung zu optimieren, ist nicht trivial. Ihn zu analysieren, haben Professor Beyrau und sein Team nun die Messmethode entwickelt, in der mithilfe von Phosphor-Partikeln simultan Temperatur und Strömungsgeschwindigkeit erfasst werden können. Winzige Phosphor-Teilchen werden im Brennraum relativ gleichmäßig verteilt. Mit einem kommerziellen Laser können sie zur Phosphoreszenz, zum kalten Leuchten, angeregt werden. Die Farbe und die Dauer des Leuchtens hängen von der Temperatur der Phosphor-Partikel ab. Sie leuchten im sichtbaren Spektralbereich, nicht ultraviolett oder infrarot. Um die Farbveränderungen zu erfassen, ist deshalb keine besondere Spezialkamera nötig. Da die Partikel so winzig klein sind, reagieren sie sehr schnell auf Änderungen ihrer Umgebungstemperatur und auch auf Änderungen der Strömungsgeschwindigkeit des sie umgebenden Fluids. Das ist eine gängige Methode. „So können wir die Partikel, mit denen wir die Strömungsgeschwindigkeit erfassen, bequemerweise gleich auch als Temperatursensoren nutzen“, erläutert Professor Beyrau. „Wir haben also an das standardisierte Verfahren der Geschwindigkeitsmessung mithilfe von funktionalisierten Mikropartikeln die Temperaturmessung angedockt. Ein Partikel für zwei Messungen.“ 

Die Phosphor-Sensoren sind unheimlich breit einsetzbar, beispielsweise in der Automobilindustrie, um die Kühlung des Motors zu verfolgen. Durch das Aufheizen der Motorbauteile geht sehr viel Energie verloren. Die Bauteile, an denen besonders viel Wärmeübertragung passiert, könnten durch Keramikbeschichtungen, sogenannte thermische Barrieren, wie sie bereits in den Turbinenschaufeln der Flugzeuge üblich sind, geschützt werden. Um herauszufiltern, an welchen Bauteilen eine Beschichtung sinnvoll ist, kann die simultane Temperatur- und Strömungsgeschwindigkeitsmessung zum Einsatz kommen. Nicht nur die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Lehrstuhl nutzen die neue Messmethode, um unter anderem Wärmeübertragungsprozesse zu untersuchen oder die optimale Zerstäubung von Kraftstoff vor der Verbrennung herauszufinden.

Phosphor

 

Tuning der phosphorischen Eigenschaften

Ein neues Forschungsfeld hat sich für die Wissenschaftler zudem in biologischen Anwendungen aufgetan. Kooperationspartner fanden sie am Institut für Molekulare und Klinische Immunologie der Universität Magdeburg. „Bei Messungen in biologischen Systemen kommen wir sehr schnell in den Nanobereich“, sagt Professor Beyrau und gibt einen Ausblick in zukünftige Forschungsaufgaben. „Mit diesen noch kleineren Partikeln könnten wir in immer kleineren Systemen messen, beispielsweise in Zellen oder auf Computerplatinen. Dafür gibt es momentan kein physikalisches Thermometer. Mit robusteren Phosphoren könnten wir in höheren Temperaturbereichen messen, beispielsweise direkt in der Flamme. Und auch die Leuchtkraft der Partikel möchten wir erhöhen. Dafür müssen wir herausfinden, welche Kombination aus Wirtsmaterial und Leuchtionen bei höheren Temperaturen sinnvoll ist.All diese Eigenschaften möchten die Magdeburger Wissenschaftler im Projekt PHOSPHOR so tunen, dass sie ideal für ihre Untersuchungen werden. Die Forschungsergebnisse werden neue Messmöglichkeiten für die angewandte und Grundlagenforschung liefern und zur Verbesserung des Designs von Antrieben in der Automobil- und Flugzeugindustrie beitragen. „Die neuartigen Materialien werden auch in der Beleuchtungs- und Displaytechnologie oder als biologische Sensoren Verwendung finden. Sie können aber auch zur Untersuchung von Phänomenen, wie sie in Meeresströmungen oder in Magmabewegungen unter dem Erdmantel auftreten, genutzt werden. Die Einsatzmöglichkeiten der Phosphor-Sensoren sind von einer geradezu unendlichen Bandbreite.

Wussten Sie schon, dass...

 Grafik_Phosphor1 ... Lumineszenz das Aussenden von Licht nach vorangegangener Anregung durch Energieaufnahme ist? Also, wenn ein Elektron aus einem Zustand der höheren Energie in einen Zustand der niedrigen Energie wechselt. Dabei wird überschüssige Energie als „kaltes Licht“ abgegeben. Übrigens ist Lumineszenz abgeleitet vom lateinischen „lumen“ für „Licht“.
 Grafik_Phosphor2 ... sich der Begriff Keramik aus dem altgriechischen „keramos“, der Bezeichnung für Ton, ableitet? Keramiken werden aus anorganischen, feinkörnigen Rohstoffen und Wasser geformt und anschließend in einem Brennprozess bei hohen Temperaturen gesintert. Manche mögen's heiß, wie es der Titel des Filmklassikers nicht nur Marilyn Monroe, Tony Curtis und Jack Lemmon verheißt. Ein bedeutendes Einsatzgebiet sind sogenannte Heißanwendungen in Brennsystemen oder der Ofenbau, bei denen Temperaturen bis 2.500 Grad Celsius auftreten können.

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Exellenz für nachfolgende Generationen

Die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg wird anlässlich des 415. Geburtstages ihres Namenspatrons auf dem Akademischen Festakt, der wichtigsten Veranstaltung der Alma Mater im akademischen Jahr, wieder exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auszeichnen.

Im Beisein des Staatssekretärs im Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung des Landes Sachsen-Anhalt, Dr. Jürgen Ude, und weiterer Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur des Landes Sachsen-Anhalt werden der „Otto-von-Guericke-Forschungspreis“, der „Otto-von-Guericke-Lehrpreis“, der „Klaus-Erich-Pollmann-Forschungsförderpreis“, das „Eike-von-Repgow-Stipendium“ sowie der „Dissertationspreis“ vergeben.

 

WAS: Akademischer Festakt der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
WANN: 23. November 2017, 18:30 bis 21:00 Uhr
WO: Johanniskirche Magdeburg, Johannisbergstraße 1, 39104 Magdeburg

 

Den Festvortrag hält Dr. Stefan Rhein, Direktor der Luthergedenkstätten zum Thema „Zum Gespräch geboren. Das Politikverständnis Philipp Melanchtons“.

Wie in den vergangenen Jahren, werden die Gäste der Veranstaltung wieder die Ersten sein, denen die druckfrische Ausgabe des Forschungsmagazins der Universität Magdeburg, GUERICKE`17, überreicht wird. Auf über 100 Seiten berichtet die Universität von aktuellen Forschungsprojekten und stellt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor.

Die Veranstaltung wird von der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Universität Magdeburg unterstützt und von Mitgliedern der musikalischen Ensembles der Universität begleitet.

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Medizintechniker der Universität Magdeburg gründet europäische Forschungsplattform für medizinischen Strahlenschutz

Prof. Dr. rer. nat. Christoph Hoeschen vom Lehrstuhl Medizintechnische Systeme der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg ist Gründungspräsident der ersten europäischen Plattform zur Erforschung des medizinischen Strahlenschutzes. Der Medizintechniker wird künftig maßgeblich daran beteiligt sein, medizinische Diagnose- und Therapieverfahren zu individualisieren, Patienten, aber auch Mediziner vor übermäßiger Strahlenbelastung zu schützen und einheitliche europäische Standards für die Nuklearmedizin durchzusetzen.

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Luxus oder Daseinsfürsorge für Sachsen-Anhalt?

Anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Exzellenzforschungszentrums Centre for Behavioral Brain Sciences CBBS an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg wollen die Forscherinnen und Forscher einen gesellschaftlichen Diskurs zur Rolle der neurowissenschaftlichen Grundlagenforschung für das Land Sachsen-Anhalt beginnen. Gemeinsam mit Landespolitikerinnen und -politikern sowie Gästen aus Wirtschaft und Wissenschaft soll auf einem Parlamentarischen Abend zum einen Bilanz gezogen werden, zum anderen aber auch ein Austausch darüber begonnen werden, wie neurowissenschaftliche Grundlagenforschung in Sachsen-Anhalt künftig gestaltet werden kann und welche konkreten Erwartungen sowohl die Politik als auch die Neurowissenschaften haben.

„Die Neurowissenschaften sind eine Schlüsseldisziplin der Forschung im 21. Jahrhundert“, so Prof. Dr. med. Hans Jochen Heinze, Sprecher des CBBS. „In den vergangenen Jahren ist am Standort Magdeburg ein neurowissenschaftlicher Forschungsschwerpunkt mit großer nationaler und internationaler Ausstrahlung herangewachsen, der sich ein Renommee weit über die Landesgrenzen hinaus erarbeitet hat. Wir müssen nun aber in den Austausch darüber treten, welche Rahmenbedingungen moderne Forschung angesichts großer internationaler Konkurrenz braucht und hinterfragen, welche Forderungen die Landespolitik an die Neuroforschung stellt.“

 

WAS: Parlamentarischer Abend des Landesforschungszentrums
„10 Jahre Center for Behavioral Brain Sciences CBBS“
WANN: 22. November 2017, Einlass ab 17:30 Uhr, Beginn 18:00 Uhr, Ende ca. 21:00 Uhr
WO: Kulturhistorisches Museum Magdeburg, Kaiser-Otto-Saal, Otto-von-Guericke-Str. 68-73, 39104 Magdeburg

 

Nach der Begrüßung durch den Ministerpräsidenten des Landes Sachsen-Anhalt, Dr. Reiner Haseloff, und die Präsidentin des Landtages Sachsen-Anhalt, Gabriele Brakebusch, werden der Rektor der Universität Magdeburg, Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan, der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, Prof. Dr. Matthias Kleiner, das Mitglied des CBBS-Beirats, Prof. Dr. Thomas Münte, und der CBBS-Forscher Jun.-Prof. Dr. Michael Hanke ihre Standpunkte und Sichtweisen zum Thema präsentieren.

Daran schließt sich unter dem Motto "Wie kann das Land vom CBBS profitieren? Ist Grundlagenforschung Luxus oder Daseinsfürsorge für die Entwicklung des Landes?" eine Diskussion zum Thema an. Die Magdeburger CBBS-Forscherin, Prof. Dr. Daniela Dieterich, und der Sprecher des CBBS, Prof. Hans-Jochen Heinze, werden dazu mit Parlamentariern und dem Präsidenten des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, Prof. Dr. Reint Gropp, diskutieren.

Ein Empfang mit musikalischer Begleitung bietet danach Raum für weiterführende Gespräche und Interviews.

Das Centre for Behavioral Brain Sciences CBBS

2007 wurde das Center for Behavioral Brain Sciences, kurz CBBS, als Dachstruktur neurowissenschaftlicher Forschung in Magdeburg gegründet. Mit dem CBBS wurde eine Struktur geschaffen, um exzellente Nachwuchswissenschaftler innerhalb des Forschungsschwerpunktes weiter zu fördern und durch Bündelung vielfältiger Herangehensweisen, Methodiken und Themen Synergien zu schaffen und Kompetenzen zu bündeln. Als zentrale Einrichtung der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg wird sie wissenschaftlich gemeinsam von der Universität Magdeburg und dem Leibniz-Institut für Neurobiologie LIN getragen. Das CBBS vereint gegenwärtig 100 Neurowissenschaftlerinnen und –wissenschaftler aus sechs Fakultäten der Universität Magdeburg, aus dem Leibniz-Institut für Neurobiologie sowie dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE). Aus CBBS-Verbünden sind inzwischen zwei von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG geförderte Sonderforschungsbereiche (TRR-SFB 62 und SFB 779) hervorgegangen. Das CBBS wird gefördert aus Mitteln des Landes Sachsen-Anhalt und des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE).

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„University Club“ soll Forschungssynergien an der Universität stärken

Die Prorektorin für Forschung, Technologietransfer und Chancengleichheit der Universität Magdeburg, Prof. Dr. rer. nat. Monika Brunner-Weinzierl, im Gespräch mit der Universitätssprecherin, Katharina Vorwerk, zu neuen Formaten für einen forschungsstrategischen Dialog zwischen den Fakultäten der Universität.

Portrait Fr. Brunner-Weinzierl

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Frau Prof. Brunner-Weinzierl, über 62 Millionen Euro Drittmittel sind insgesamt von der Universität Magdeburg 2016 verausgabt worden. Wo steht die OVGU aktuell im Vergleich mittelgroßer Universitäten?

Laut Hochschulrektorenkonferenz 2015 verfügten die 121 deutschen Universitäten, inklusive der Universitätsklinika, durchschnittlich über rund 51 Millionen Euro Drittmittel. Die OVGU lag damals mit rund 58 Millionen Euro verausgabten Drittmitteln bereits über diesem Durchschnitt und hat im vergangenen Jahr noch einmal zugelegt und ist jetzt bei einer Summe von rund 63 Millionen Euro. Wichtig ist bei der Betrachtung von Drittmittelzahlen aber auch, dass sie im Kontext der Gesamtuniversität bewertet werden. Und das ausschließliche Ziel, Drittmitteleinkünfte zu erhöhen, kann zu Lasten anderer Universitätsleistungen gehen, zum Beispiel der Lehre oder der sogenannten „Third Mission“, also den Leistungen der Universität für die Gesellschaft und die Region.

Um hier die richtige Balance zu halten und dabei tatsächlich Forschungsleistung zu steigern, bedarf es einer Forschungsstrategie, die sinnvoll und zukunftsorientiert in eine ganzheitliche Universitätsstrategie eingebettet ist und die auf die verschiedenen Charakteristika der Fakultäten eingeht. Es kommt hier darauf an, OVGU-spezifische Standortvorteile zu erkennen und dort die Schwerpunkte zu legen. Hierzu wollen wir nun verstärkt den wissenschaftlichen Dialog fördern und dafür müssen wir Plattformen schaffen. Eine davon wird der sogenannte University Club sein.

 

Was sind die Ziele des University Clubs und gibt es Vorbilder?

Unser Ziel ist es, ein fakultätsübergreifendes Forum anzubieten, um einen forschungsstrategischen Diskurs zu etablieren. Wir müssen künftig gemeinsam den Standortvorteil ausnutzen, den unsere Fächerkombinationen und Schwerpunkte bieten. So schaffen wir den forschungsstrategischen Dialog zwischen den Fakultäten und unterschiedlichen Fächern und innovative Techniken oder Denkansätze aus einem Fach können in ein anderes Fach übertragen werden. Es werden neue Schnittstellen für Forschungskooperationen identifiziert und Methoden, Instrumente oder Expertise mehrfach genutzt.

Ein Vorbild in diesem Sinn gibt es nicht. Inspiriert wurde ich eher aus meiner eigenen Sicht als Forscherin, wo ich wichtigen Input aus anderen Bereichen oder neuester Technik als großen Vorteil erfahren habe. Und unsere Forscherinnen und Forscher sind doch prädestiniert für so eine Form des Austausches. Ich hatte zum Beispiel so den Zugang zu einer ausgesprochen sensitiven Färbemethode über magnetische Fettkügelchen zur Analyse von einer sehr effektiven, aber kleinen Zellpopulation. Ich konnte sehr viele Erkenntnisse damit generieren. Mit Ausnutzung solch eines Standortvorteils kann man in seinem Fach leicht ein paar Nasenlängen voraus sein. Diesen innovativen Input möchte ich mit dem Unversity Club sozusagen institutionalisieren.

 

Wie wird ein University Club ablaufen?

In unregelmäßigen Abständen übernimmt jeweils eine Fakultät die Rolle des „Gastgebers“ und präsentiert aktuelle forschungsstrategische Entwicklungen, neueste Techniken und Maßnahmen der Fakultät. Diskussionsimpulse können Kooperationsvorhaben oder auch interdisziplinäre Forschungsprojekte sein. Anschließend gibt es Diskussionsrunden im informellen Rahmen, auch ein Science Dating ist denkbar. Unterschiedliche Veranstaltungsformate können und sollen ausprobiert werden – die gastgebende Fakultät entscheidet.

 

Wer gehört zur Zielgruppe des University Clubs?

Das sind zu allererst Entscheidungsträger und kooperationsinteressierte Forscherinnen und Forscher aus den neun Fakultäten der Universität Magdeburg. Alle sollen einbezogen werden, gleichzeitig soll in überschaubarer Gruppegröße intensiv und effizient diskutiert werden. Deshalb wird jede Fakultät gebeten, bis maximal zehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu benennen, die sich in den Erfahrungsaustausch einbringen und im Anschluss die Ergebnisse in die Fakultäten tragen. Wir legen außerdem Wert darauf, außeruniversitäre Institute einzubeziehen.

 

Wann findet der erste University Club statt?

Die erste Veranstaltung wollen wir am 22. November 2017 durchführen. Dabei wird die Fakultät für Informatik den Anfang machen. Geplant ist zunächst ein Impulsvortrag des Dekans, in dem er darstellen wird, welche Art von fakultätsübergreifender Zusammenarbeit sich Informatiker wünschen – in Kombination mit der Präsentation eines aktuellen Beispielprojekts für eine solche Kooperation. Es folgen Kurzvorstellungen der verschiedenen Lehrstühle und der Forschungsbereiche der Fakultät. Im Anschluss ist dann Zeit für individuelle Gespräche zu den Forschungsschwerpunkten der drei Institute.

Die Informatik hat ja bereits ihr Profil geschärft, indem Sie die Schwerpunkte Bild, Wissen und Interaktion definiert hat. Von den dabei gemachten Erfahrungen können vielleicht auch die anderen Fakultäten profitieren. Wir freuen uns sehr auf die Veranstaltung und sind gespannt, wie viele Kooperationen sich anbahnen und welche Nachhaltigkeit daraus entsteht.

 

Prof. Brunner-Weinzierl, herzlichen Dank für das Gespräch!

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Optisches Chaos zur Kontrolle von Licht

Physiker der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg haben gemeinsam mit Kollegen aus China und den USA erstmals eine Methode entwickelt, bei der Licht so kontrolliert gesteuert wird, dass es breitbandig und schnell in einen Lichtspeicher, einen sogenannten Mikroresonator, eingespeist und wieder entnommen werden kann. Dieses Verfahren könnte künftig die bisher auf der Mobilität von Elektronen basierende Weiterleitung digitaler Informationen durch kontrolliert gelenkte Lichtwellen ersetzen. Im Gegensatz zu den sich relativ langsam und mit Reibungsverlust bewegenden Elektronen wäre Licht wesentlich schneller unterwegs.

Die Wissenschaftler um Prof. Jan Wiersig haben zusammen mit den Gruppen von Prof. Yun-Feng Xiao (Peking University, China), Prof. Marko Loncar (Harvard University, USA) und Prof. Lan Yang (Washington University, USA) ihre Forschungsergebnisse soeben in dem renommierten internationalen Fachjournal Science veröffentlicht.

Extrem kompakte optische Schaltkreise, in denen Licht statt Elektronen zur Datenübertragung verwendet wird, könnten künftig die Kommunikation und Datenverarbeitung revolutionieren. Aber die Kontrolle von Licht stellt eine große Herausforderung dar,“ so Prof. Jan Wiersig. „Das Hauptproblem dabei ist, dass das Licht in den verschiedenen Bestandteilen des Schaltkreises, z. B. im Lichtspeicher oder auch im Wellenleiter, was dem Draht in einem elektrischen Schaltkreis entspricht, unterschiedliche Geschwindigkeiten hat. Das bedeutet, dass es nicht effizient und kontrolliert von einem Bestandteil des Schaltkreises zum nächsten wechseln kann.“

Wellenleiter und Lichtspeicher 1 Wellenleiter und Lichtspeicher 2

Illustration des Kopplungsprozesses zwischen einem geraden Wellenleiter und einem Lichtspeicher. Der Fahrradfahrer versucht, dem schnell fahrenden Auto Lichtpakete zu übergeben. Bild 1: Ohne Chaos ist die Kopplung ineffizient. Bild 2: Mittels Chaos können die Lichtpakete effizient übergeben werden. (Bilder: Zeichnungen von Yin Feng und Xuejun Huang)

Um die unterschiedlichen Geschwindigkeiten des Lichts in dem Wellenleiter und in einem angrenzenden ringförmigen Lichtspeicher aneinander anzugleichen und somit eine schnelle Übergabe von Lichtpaketen in den Speicher zu ermöglichen, benutzten die Wissenschaftler erstmals ein besonderes Verfahren: Sie verformten die ringförmige Struktur des Lichtspeichers leicht und erzeugten damit ein sogenanntes optisches Chaos. Das äußert sich darin, dass es zu schnellen Schwankungen der Geschwindigkeit des Lichts im Lichtspeicher kommt. Diese schnellen Schwankungen haben zur Folge, dass die unterschiedlichen Geschwindigkeiten im Wellenleiter und Lichtspeicher für einen sehr kurzen Moment gleich und synchronisiert sind. Diese extrem kurze Zeitspanne reicht aus, um Licht sehr schnell aus dem Wellenleiter in den Lichtspeicher einzuspeisen oder auch wieder zu entnehmen. Mit diesem Verfahren könnten künftig Licht statt Elektronen genutzt werden, um sehr große Datenmengen breitbandig in optischen Schaltkreisen zu verarbeiten.

 

Grafiken zum Download:

Bild 1 // Bild 2 // Quelle: Zeichnungen von Yin Feng und Xuejun Huang // Bildunterschrift: Illustration des Kopplungsprozesses zwischen einem geraden Wellenleiter und einem Lichtspeicher. Der Fahrradfahrer versucht, dem schnell fahrenden Auto Lichtpakete zu übergeben. Bild 1: Ohne Chaos ist die Kopplung ineffizient. Bild 2: Mittels Chaos können die Lichtpakete effizient übergeben werden.

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Letzte Änderung: 15.08.2017 - Ansprechpartner:

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