Kabarett "Zwickmühle" mit neuem Programm

WAHN ohne SINN


Schon Richard Wagner erkannte, dass die verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit ohne Sinn ist. Folgerichtig lässt er Hans Sachs in seiner Oper Die Meistersinger von Nürnberg über den Wahn philosophieren. Dass dabei Nürnbergs "Kommunalpolitik anno 1650" und die Kunst nicht gut wegkommen, ist bekannt. Allein schon das Wort Wahnsinn hat einen Hauch von Schizophrenie.

Als "Trio Infernale" begeben sich in ihrem neuen Programm Hans-Günter Pölitz, Marion Bach und Klaus Schaefer auf Spurensuche. Sie suchen und finden im politischen Alltag, in den Programmen der Parteien, ihren Wahlversprechen und in Politikerreden den Wahn und müssen feststellen, dass wenig Sinn dahinter steckt. Das Programm ist ein einziges kabarettistisches Furioso. Dabei geben sich die "Zwickmühlen"-Kabarettisten als Solidargemeinschaft - jeder Einzelne profitiert von den solistischen Stärken des anderen. Hans-Günter Pölitz brilliert, als "Meister" des Wortes und der Dialektik, im Aufspüren möglicher und unmöglicher Zusammenhänge in der Politik. Marion Bach singt hinreißend, spielt Zither und zeigt schauspielerisch, dass sie immer mehr an Wandlungsfähigkeit gewinnt. Klaus Schaefer ist als Musiker und mit feinnervigem, zuweilen hintersinnigem Humor in Bestform! Und so ist das Ergebnis bestimmt von Spiellust und Spielkunst, die bei allem Witz immer auch auf intellektuellen Anspruch setzen.

"Ein bisschen WAHN muss sein" singt man als Terzett und das hat Methode. Ob Schönheitswahn, Gesundheitswahn, Rinderwahn - Wahnsinn ist überall. Regina Pölitz hat spritzig und ideenreich das Programm von Hans-Günter Pölitz mit Texten von Olaf Kirmes, Klaus Schaefer und Rainer Otto lebendig in Szene gesetzt. Was mit einer pointierten Analyse der Sinnhaftigkeit der "Berliner Rede" von Bundespräsident Horst Köhler anhand von Wilhelm-Busch-Zitaten beginnt setzt sich mit kabarettistischen Dauerattacken aufs Zwerchfell fort.

Brillantes Partnerspiel

Da sinnieren Schaefer und Pölitz beim Restaurieren des Kopfes von Hitler im Kabinett der Madame Tussoud über Politiker-Köpfe, die in "Wachs gehauen" gehören. In einer "Tauschbörse" für Arzttermine feilschen sie: "Termin beim Urologen gegen Termin beim Gynäkologen." Und weil die Realität im Gesundheitswesen genauso ist, wie hier gezeigt, hat das Lachen etwas WAHN-witziges. In einer einzigen Szene bringen Klaus Schaefer als Psychiater Freud-Haus und Hans-Günter Pölitz als SPD-Ortsvereins-Mitglied Anton Sozikowski die politische "Schizophrenie" der SPD so auf den Punkt, dass man schließlich nicht weiß, wer eigentlich dem Wahn wirklich verfallen ist.

So brillant als Schauspieler im Partnerspiel mit Klaus Schaefer hat man Hans-Günter Pölitz selten erlebt. "WAHN wir schreiten Seit an Seit" ist folgerichtig das (sozialdemokratische) Fazit aus dieser Szene. Immer wieder überrascht das Terzett damit, dass es auf der Suche nach dem SINN-losen Wahn fündig geworden ist, wie zum Beispiel in einer Szene um das Ausfüllen des Fragebogens für "Einwanderer", bei dem als polnische (!) Immigrantin Marion Bach den beiden Besserwissern "Moses" lehrt. Oder an einem Terminal der Bahn für Fahrkarten der sorgenvolle Umgang mit Daten thematisiert wird - Satire, die das wahre Leben schreibt.
Das Programm lebt aber auch von den thematischen Gegensätzen. Wenn Marion Bach Michael Sostschenkos legendäre Geschichte Die Kuh im Propeller auf den Afghanistan-Krieg gemünzt vorträgt und statt einer Kuh Kinder "im Propeller getötet" werden, hat das Lachen etwas Bitteres. Das aber muss man aushalten, weil das eben auch politisch-satirisches Kabarett ist! Der WAHN-SINN gipfelt in einer "kollektiven" Vision von einem "Königreich Sachsen-Anhalt" mit der Währung DILDO (Devisen im Lande der Ottonen) und der MESAZ (Mitteleuropäischen Sachsen-Anhalt-Zeit). Soviel WAHN bringt Hans-Günter Pölitz eine Zwangsjacke und dem Programm ein hinreißendes Jodler-Finale ein.
Herbert Henning

 

Letzte Änderung: 30.03.2016 - Ansprechpartner: Webmaster