Wie verändert Gewalterfahrung dauerhaft unser Gehirn?

02.09.2013 -  

Psychologen, Biologen und Mediziner der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg (OVGU) und der Universität Ulm erforschen erstmals in einem großangelegten, interdisziplinären Verbundprojekt, wie Gewalterfahrungen in der Kindheit unsere Gehirnstrukturen verändern und warum Eltern negative Erlebnisse an die eigenen Kinder weitergeben.

Gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universität UIm wollen sie in den nächsten drei Jahren untersuchen, wie Kindheitserfahrungen der Mutter in die Beziehung zu ihrem Kind einfließen und welchen Einfluss sowohl das soziale Umfeld, als auch gehirnbiologische Faktoren haben. „Nur wenn wir wissen, welche Faktoren den Aufbau einer feinfühligen Mutter-Kind-Beziehung fördern, können vielfältige Hilfsangebote für Eltern danach ausgerichtet werden“, so die Neurobiologin Prof. Katharina Braun von der Universität Magdeburg.

Studien belegen: Wer in seiner Kindheit Gewalt oder Vernachlässigung erlebt hat, trägt ein erhöhtes Risiko, diese negativen Erfahrungen an sein Kind weiter zu geben. Was befähigt Betroffene aber, mit dem eigenen Kind dennoch einen besseren Weg zu gehen? In der Studie „Meine Kindheit - Deine Kindheit“ suchen erstmals in Deutschland Psychologen, Biologen gemeinsam Antworten auf diese Fragen.

Dazu werten die Wissenschaftler Prof. Jörg M. Fegert, Prof. Ute Ziegenhain, Prof. Joachim Gündel und Prof. Iris-Tatjana Kolassa der Universität Ulm kurz nach der Entbindung, nach drei und nach zwölf Monaten in Gesprächen und Fragebögen Informationen u.a. über Kindheitserfahrungen der Mutter und die Beziehung von Mutter und Kind aus. Parallel dazu werden biologische Faktoren untersucht, denn Gefühle und Erfahrungen spiegeln sich beispielsweise in unserem Hormonhaushalt wider. „Stress in der Kindheit verursacht neben hormonellen Veränderungen auch Reaktionen unseres Immunsystems, die sich sowohl auf die Eltern-Kind-Bindung, als auch längerfristig auf die Anfälligkeit für körperliche Erkrankungen auswirken“, so Prof. Braun.

Gleichzeitig werden am Institut für Biologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg unter der Leitung von Prof. Katharina Braun und PD Dr. Jörg Bock die gehirnbiologischen Mechanismen an einem Tiermodell untersucht. Um grundlegende molekulare und epigenetische, also für die Vererbung verantwortliche, Mechanismen im Gehirn im Detail zu verstehen, wird überprüft, inwieweit frühkindliche Vernachlässigung und Traumatisierung in die neuronale Entwicklung der Gehirnregionen eingreift, die für die Verarbeitung von Emotionen verantwortlich sind. Krankhafte Veränderungen in diesen Gehirnzentren könnten sowohl die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind beeinträchtigen, als auch zu vermutlich lebenslangen emotionalen Störungen führen, die dann an die nächste Generation weiter gegeben werden.

Die Untersuchung des sozialen Umfelds der Mutter liegt im Fokus einer Arbeitsgruppe am Deutschen Jugendinstitut in München. Die Wissenschaftler wollen herausfinden, welche Art von Unterstützung Müttern hilft, eine gute Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen. Welche Rolle spielt der Beistand von Vater oder Freunden? Wie erfolgreich sind Anstrengungen von Kommunen, Familien zu unterstützen? Was muss passieren, um passgenaue Hilfen für Familien zu entwickeln?

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert diese interdisziplinäre Verbundstudie TRANS-GEN: Stressresilienz in der transgenerationalen Weitergabe von Missbrauchs-, Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen in der Kindheit mit insgesamt 2,4 Mio. Euro im BMBF-Forschungsnetz „Missbrauch, Vernachlässigung und Gewalt im Kindes- und Jugendalter“.

Ansprechpartnerin:
Prof. Dr. rer. nat. habil. Katharina Braun, Institut für Biologie, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Tel.: 0391 67-55001, E-Mail:

 

Letzte Änderung: 30.03.2016 - Ansprechpartner: Katharina Vorwerk