|
Sommerfrische
| |
„Was ist der Mensch in Berlin, wenn
der Monat Mai zu Ende geht? Ein geplagter Wurm, der Sand atmet und sich
vor schlechter Luft und Hitze krümmt. In der Bellevuestraße, am Großen
Stern, auf den öffentlichen Plätzen ist schon alles graugrün, nichts
mehr grün; alles trocken, nichts mehr frisch. Und wer noch gezwungen
ist, aus irgendeinem Grunde einige Zeit hier zu weilen, in dem mahnt und
summt es täglich stärker und stärker, wie einst ein deutscher Dichter
eine schöne Frau mahnte: Verlaß Berlin mit seinem dicken Sande ...“
|
|
|
Der Leipziger Kulturhistoriker Andreas Mai
stieß in seinen Forschungen zu Ferienformen in den 1920er
Jahren auch auf die deutsche „Sommerfrische“. Im
Grimmischen
Wörterbuch wird die Sommerfrische als „Erholungsaufenthalt der
Städter auf dem Lande zur Sommerzeit“ definiert. Der Begriff
Sommerfrische ist eine Redewendung, die vorrangig in der 2.
Hälfte des 19. Jahrhunderts in Mitteleuropa verstärkt verwendet
wurde und bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts populär blieb.
Die „Sommerfrische“ bezeichnet den
Erholungsurlaub der meist städtischen, mittelständigen Familien
auf dem Land während der Sommermonate. Beliebte Reiseziele waren
Gebirgs-Regionen und die Küsten von Nord- sowie Ostsee. Die Zielorte
der Sommerfrischler lagen meist nicht weit vom Heimatort
entfernt. |

Radauwasserfall bei Bad Harzburg um
1900 |
Im Zuge der
Industrialisierung und der raschen Expansion der Städte versuchten die
städtischen Familien auf diese Weise dem Alltag und der staubigen
Stadtluft für kurze Zeit zu entfliehen. Die Sommerfrische war oft ein
ursprünglich
unerschlossener Raum in idyllischer Landschaft, den die städtischen
Gäste meist mit der Vorstellung an ein idealisiertes und gesundes Landleben verknüpften.
|

Sommerfrischler in Wernigerode, 1910 |
Anfangs war es üblich, sich bei
Privatpersonen auf dem Land ein einfaches Zimmer oder eine
kleine beschauliche Ferienwohnung zu mieten. Im Zuge zunehmender
Nutzung mancher Ortschaften als Sommerfrische wurden viele Orte
und Gemeinden umstrukturiert. Um einen Ort als Sommerfrische
bezeichnen und ihn touristisch vermarkten zu können, bedurfte es
einiger Vorraussetzungen: es musste eine gute touristische
Infrastruktur (Unterbringung, Verpflegung, Erreichbarkeit,
medizinische Versorgung und Freizeitmöglichkeiten) gegeben sein.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich
insbesondere in den Randbereichen des Harzes zahlreiche
Sommerfrischen. Zu jenen gehörten beispielsweise Harzburg, Thale
und Wernigerode; Orte also die heute noch stark touristisch
frequentiert sind. |
Winterfrische
Als Pendant zum Begriff "Sommerfrische"
umschreibt die Bezeichnung "Winterfrische" eine eher kurze, betont
sportliche Reise in eine schneesichere Gegend während der kalten
Jahreszeit bzw. den entsprechenden touristischen Zielort. Die Verbindung von kalter Luft und Aktivität im Freien
sollte hier dem Körper wohl tun und hatte letztlich auch einen
medizinischen Hintergrund.
|
Ab 1884 hielt der Ski Einzug in das
Deutsche
Kaiserreich. Zunächst wurde er noch als bloßes Arbeitsgerät
im Forst oder beispielsweise bei der Postzustellung in den im Winter tiefer
verschneiten Regionen genutzt, ehe er sich wenige Zeit später vor allem
als Freizeitzubehör durchsetzte. Die
Sommerfrischen, die in der kalten
Jahreszeit über
ausreichend Schnee verfügten, versuchten über Wintersportangebote wie
Skifahren oder Schneeschuhwandern nach und nach auch zwischen Dezember
und März Gäste in ihre Orte zu locken. Die Idee fand großen Anklang. Besonders in der
höher gelegenen Harzregion stellte man sich allerorts auf die
Wintertouristen ein. So fand bereits 1897 das erste Winterfest im
Harz in
St. Andreasberg statt.
Der Aufenthalt in einer Winterfrische, da gab es
unter den touristisch engagierten Zeitgenossen um 1900 keine Zweifel,
war äußerst gesund. Um sich von der schlechten Stadtluft zu erholen und
Körper wie Geist wieder in die richtigen Bahnen zu lenken, konnten
angeblich drei bis fünf Tage im winterlichen
Harz Wunder bewirken.
Schon der Harzburger Tourismuspionier Rudolf Stolle wies in seinem Ratgeber aus dem Jahr 1908 auf eben
die intensive, kräftige und vor allem nachhaltige Wirkung eines
erfrischenden Wintertages hin. Mit der Winterfrische begann eine
Tradition, die in zahlreichen Harzorten fester Bestandteil der
kalten Jahreszeit wurde und jährlich mehr und mehr Touristen anzog. |

Titelblatt der Zeitschrift "Der
Brocken", Ausgabe vom 1. Januar 1910.
|
|
Sommerfrische
Winterfrische |