Dies und Das
Exkursion ins Filmmuseum Potsdam
Am 19. Januar haben wir eine Exkursion ins Filmmuseum Potsdam gemacht.
Wie fasst man Leinwandmythen in Worte?…Mühsam – darum muss man sie erleben. Dies wurde uns möglich durch eine Exkursion, eine Entdeckungsreise ins Mythenland Film, auf die wir uns begaben. Von der Leinwand im nachtblauen Kinosaal des Potsdamer Filmmuseum strahlten uns diese elegischen Augen an. Filmliebhaber verbinden mit diesen Augen eine Schauspielerin, deren beispiellose Karriere in Deutschland begann und sie nach Hollywood zu einem Weltstar werden ließ. In „Die freudlose Gasse“ sahen wir „Die Göttliche“ – ihr bald verliehener Titel führt direkt zu dem, was zahlreiche Menschen an dieser Frau fasziniert hat – und erlebten die Entstehung dieses Mythos bei ihren ersten Leinwandversuchen. Nach diesem Film „Die freudlose Gasse“ ging die Garbo direkt nach Hollywood. „Die freudlose Gasse“, ein Stummfilm aus dem Jahr 1925 des Regisseurs Georg Wilhelm Pabst, spielt in Wien nach dem Ersten Weltkrieg. Menschliche Schicksale, Elend und Luxus, Prostituierte und Geschäftemacher, Arbeitslose und Spekulanten treffen aufeinander. Mit diesen krassen Gegenüberstellungen vermag es der Film, eine soziale und gesellschaftliche Kritik zu üben, die heute hochaktuell ist. Sein immenser Erfolg beeinflusste nachfolgende Filme und Literatur maßgeblich.
Neben dem Erleben des Mythos Garbo im Stummfilm wurde uns eine weitere Legende, mehr die Legende des Stummfilms schlechthin, offenbart: Asta Nielsen.
Sie und alle anderen Figuren in „Die freudlose Gasse“ müssen sich allerdings in diesem Film eines verfeinerten/ästhetischen Ausdrucks enthalten, um der Schönheit „der Göttlichen“ Platz zu machen. Und dennoch ist Asta Nielsen in ihrer Individualität der eigentlich herausragende Star. Sie ist überhaupt der erste Filmstar Deutschlands, mit einer ununterbrochenen Karriere seit 1911. Wie gemacht dafür verkörpert sie in „Die freudlose Gasse“ mit Mizzi eine ausdrucksstarke Frau, die in die tragische Situation gerät, sich als Prostituierte für ihre standeswidrige und unglückliche Liebesbeziehungen zu verdingen. Damit ist sie Heilige und Hure zugleich. Asta Nielsen, die bereits eine herausragende Schauspielerin war, überließ ihrer jungen Kollegin Greta Garbo die Rolle der reinen Unschuld.
Und so wurden wir Zeugen eines Stummfilms mit einer Bildmagie ganz eigener Art, der Geburtsstunde „Der Göttlichen“ und der schauspielerischen Poesie einer Asta Nielsen. Damit veredelten wir unsere Reise in über 100 Jahre Filmgeschichte. Aber hier begann sie nicht. Den Eintritt in die Geschichte des Mythos Film gewährte uns eine Führung durch das Museum. Mit der aktuellen Ausstellung „Glück für alle!“ wurden wir umfassend vor allem DEFA-Filmen näher gebracht. Die DEFA-Zeit ist die bisher längste und bereits im Vergessen begriffene Periode der Babelsberger Studiogeschichte. Zahlreiche Filmausschnitte und Exponate gaben eine eindrucksvolle Vorstellung bekannter und vieler vergessener Filme und dem kulturellen Kontext jener Zeit. Wir gingen den Spuren des Films von der Gründung der DDR bis zu ihrem Ende nach. Von „Die Mörder sind unter uns“ (1949) über „Spur der Steine“ (1966) und „Paul und Paula“ (1973) bis zu „Einer trage des anderen Last“ (1987) zeigte sich eine Welt, die schön färbend, aber auch lebenswirklich und kritisch sein konnte.
Diese Exkursion war im Fazit eine unverzichtbare Begegnung, die unsere Filmleidenschaft zum Leben erweckt und mit wertvollem Wissen angereichert hat. Gehen wir noch einen Schritt weiter zurück, nämlich zum Anlass unserer Entdeckungsreise ins Mythenland Film, waren es genau diese Filmleidenschaft und die Liebe zur Literatur und Kultur, die uns StudentInnen zu dieser Exkursion veranlasst haben. Als sozusagen abrundendes Dessert des kulturwissenschaftlichen Seminars ‘Schreiben wie Film’ am Institut für Germanistik unter der Leitung von Dr. Katja Kauer. Denn in diesem Seminar arbeiteten wir gemeinsam daran, beispielhaft zu entdecken, wie das Medium Film die Literatur beeinflusste und zwar nicht nur auf inhaltlicher Ebene in Form der Nachahmung cineastischer ‘Realität’, sondern auch im Hinblick auf filmische Erzählweisen. Bei der Arbeit wurde deutlich, dass viele von uns eine schlummernde Hingabe besitzen, die durch die Entdeckung vieler vorher uns unbekannter Größen wie Asta Nielsen, Buster Keaton oder auch Irmgard Keun nun zum Leben erweckt wurde.
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