Über Erinnerungen stolpern

Zwischen nächster Vorlesung, dem Mittagessen in der Mensa oder dem nächsten Meeting ist man als Studierender oder Mitarbeitender der Uni mit festem Blick nach vorn auf dem Campus unterwegs. Doch nimmt sich zwischen all den Terminen des Alltags noch jemand die Zeit für einen Blick in frühere Zeiten? Wer mit offenen Augen über den Campus geht, dem begegnen kleine, messingfarbene Quadrate, die in den Boden eingelassen sind: Stolpersteine, die an früher erinnern sollen.

 „Früher“, damit meine ich die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Blickt man 90 Jahre zurück, war an den heutigen Unicampus nicht zu denken. Wohnhäuser mit verwinkelten Hinterhöfen standen da, wo heute die Mensa oder Gebäude mit Hörsälen, Seminarräumen und Laboren sind. An die Bewohner dieser Häuser, die von den Nationalsozialisten gefangen genommen, deportiert und ermordet wurden, weil sie anderen Glaubens, anderer Orientierung oder Meinung waren, sollen die Stolpersteine erinnern.

 Bis 1933 lebten rund 3000 Menschen jüdischen Glaubens in Magdeburg. An sie und andere Familien erinnern heute rund 170 Stolpersteine in der Stadt. Neun davon befinden sich auf dem Campus an den Orten, wo ihr letzter selbstgewählter Wohnort war. Während auf den Stolpersteinen nur die Namen, Geburtstage, Sterbedaten und -orte der Opfer des Nationalsozialismus zu finden sind, gibt es auf der Internetseite der Stadt Magdeburg eine Liste aller verlegten Stolpersteine und die Geschichten der Menschen zum Nachlesen.

Stolpersteine der Familie Moosbach auf dem Campus (c) Stefan BergerStolpersteine vor dem Gebäude 14/15 erinnern an Antonie und Paul Moosbach. Foto: Stefan Berger


Unter ihnen war das Ehepaar Paul und Antonie Moosbach. Mit ihren Söhnen Fritz und Heinz wohnten sie in der Königgrätzer Straße 17, der heutigen Denhardtstraße auf dem Campus. 1934 bezog das alte Ehepaar Moosbach eine Wohnung eine Querstraße weiter in der Andreas-Kritzmann-Straße 4a, wo heute die Stolpersteine an sie erinnern. Ihr Sohn Heinz schaffte es mit seinem Sohn Stefan nach England zu emigrieren. Seine Frau Else blieb zurück. Das Ehepaar Paul und Antonie Moosbach musste 1941 seine Wohnung verlassen, denn seit 1939 hatten Juden in Deutschland kein Recht mehr, eine Mietwohnung zu bewohnen. Sie lebten dann im sogenannten „Judenhaus“ in der Arndtstraße 5. Im November 1942 wurden sie nach There­sienstadt deportiert, wo sie im März 1943 kurz nacheinander starben.

 Die Geschichten hinter den Stolpersteinen enden fast alle gleich: Mit dem Tod. Sie zu lesen macht traurig und immer wieder betroffen darüber, welches Leid diesen Menschen widerfahren ist. Damit so etwas nie wieder passieren kann, ist es wichtig, an sie zu erinnern und nicht nur in Eile über die Stolpersteine hinwegzulaufen.

Weitere Stolpersteine auf dem Campus

  • Bruch, Elise und Margot, Gebäude 03, ehem. Falkenbergstraße 9a
  • Dessauer, Louis, Mathilde und Franz, Gebäude 03, ehem. Falkenbergstraße 9a
  • Eyck, Erna, Hohepfortestraße vor Studentenwohnheim, ehem. Hohepfortestr. 40
  • Hamlet, Lydia, Denhardtstaße, ehem. Königgrätzer Straße 5
  • Henschke, Leo (Arie), Ruth, Albert Max, Hohenstaufenring, ehem. Hohenstraufenring 9
  • Katz, Salomon, Margarete und Brunhilde, Mensavorplatz, ehem. Gitschiner Straße 8
  • Kruse, Fritz Arnold, Hohepfortestraße, ehem. Hohepfortestr. 34
  • Moosbach, Paul und Antonie, Gebäude14/15, ehem. Andreas-Kritzmann-Str. 4a
  • Weißstock, Gertrud, Gebäude 03, ehem. Falkenbergstraße 9a

 

Friederike Steemann

Letzte Änderung: 27.02.2019 - Ansprechpartner: Webmaster