Neue Lehrer braucht das Land

05.03.2019 -  

Die Lage im Land ist beängstigend: Es gibt kaum Nachwuchs für die Pflegeberufe, aber einen stetig wachsenden Bedarf. Die Herausforderung ist, vorhandene Pflegefachkräfte im Beruf zu halten und gleichzeitig den Beruf für Auszubildende attraktiver zu machen. Aber was heißt das für die Ausbildung, welche Rolle spielt dabei die Lehramtsausbildung an der Uni, welche Chancen haben Quereinsteiger? Pressesprecherin Katharina Vorwerk sprach vor dem Hintergrund der laufenden Pflegeberufe-Reform mit Professorin Astrid Seltrecht über eine Vorreiterrolle der Uni Magdeburg.

Alten- und Krankenpflege gehört zur gesellschaftspolitischen Daseinsvorsorge. Wie ist die Situation im Land Sachsen-Anhalt?

Klares Ziel der öffentlichen Daseinsvorsorge sind gleichwertige Lebensverhältnisse auf dem Land und in der Stadt. Mit Blick auf Sachsen-Anhalt fällt aber auf, dass gerade in entlegenen ländlichen Regionen eine medizinische und pflegerische Unterversorgung droht. Eine gesundheitliche Versorgung darf aber keine regionale Unterscheidung machen! Die in den zurückliegenden Jahren demografisch geführte Diskussion, dass weniger Menschen weniger gesundheitsversorgende Infrastruktur benötigten, darf so nicht weitergeführt werden.

Das Land verzeichnet einen Rückgang der Bewerberzahlen für die Alten- und Krankenpflege, wo sehen Sie Ursachen?

Pflegefachkräfte haben ihren Beruf gewählt, weil sie kranke, hilfsbedürftige oder alte Menschen im Prozess der Genesung oder im Alter unterstützen, begleiten und beraten wollen. Der nicht-monetäre Gewinn, den sie aus ihrer täglichen Arbeit ziehen, ist das Lächeln und die Dankbarkeit von Patien­ten oder Altenheimbewohnern. Pflegefachkräfte stehen aber nicht nur ihren Patienten gegenüber, sondern auch den institutionellen Anforderungen. Und ein Pflegeschlüssel, bei dem in Deutschland auf 100 zu pflegende Patienten im Krankenhaus 12 Pflegekräfte kommen, wird den Erwartungen an einen ‚sorgenden‘ Beruf, wie sie zu Beginn der Ausbildung noch vorhanden sind, im Berufsalltag kaum mehr gerecht. In Norwegen werden 100 Patienten von 43 Pflegekräften versorgt. Würden wir in Deutschland die Versorgung auf diesen Pflegeschlüssel anheben, müssten wir schlagartig 566000 Pflegekräfte einstellen.

Interview Astrid Seltrecht (c) Harald Krieg

2017 wurde das Pflegeberufe-Reformgesetz vom Bund verabschiedet: Bisher getrennt geregelte Pflegeausbildungen werden zusammengeführt. Was bedeutet das für die Lehrkräfte?

Eine große Umstellung, von der wir heute noch gar nicht sagen können, wie wir ab 2020 im Bereich der Pflegeausbildung tatsächlich aufgestellt sein werden. Derzeit nehmen verschiedene Institutionen Stellung zum Referenten­entwurf der neuen Ausbildungsverordnung für Pflegeberufe. Unter welcher ministeriellen Hoheit und mit welchem Curriculum in den einzelnen Bundesländern 2020 die Pflegeausbildung starten wird, wird derzeit verhandelt. Für die Lehrkräfte mit weitreichenden Folgen, denn die Pflegeausbildungen fanden bislang in verschiedenen Schulformen statt, in Krankenpflegeschulen und in berufsbildenden Schulen. Das hatte Auswirkungen auf die Einstellungspraxis und die Einstellungsvoraussetzungen von Lehrkräften. Denn an berufsbildenden Schulen benötigten sie eine berufliche Fachrichtung und ein Unterrichtsfach, alternativ zwei berufliche Fachrichtungen, die sie in einem universitären Lehramtsstudium mit dem Abschluss Master of Education erlangten. Zudem mussten sie eine zweiphasige Ausbildung durchlaufen: einen Masterstudiengang und den Vorbereitungsdienst, also das Referendariat. Für Krankenpflegeschulen reichte bislang ein Bachelor- oder Masterabschluss aus, ohne dass es sich um ein explizites Lehramtsstudium gehandelt haben musste. Auch eine zweite Ausbildungsphase, das Referendariat, war nicht vorgesehen.

Was bedeutet diese Reform für die Lehramtsstudierenden der Uni Magdeburg?

Das Curriculum des an der OVGU angebotenen Masterstudiengangs ‚Gesundheit und Pflege‘ entspricht schon jetzt den hohen wissenschaftlichen und hochschuldidaktischen Anforderungen. Die Lehramtsstudierenden durchdringen gesellschaftliche, gesundheitspolitische und institutionelle Herausforde­rungen sowie individuelle Problemlagen. Sie analysieren Zusammenhänge zwischen Gesellschaft, Beruf, Berufsausbildung und Bildungspolitik, erleben eine enge Verzahnung von Fachwissen und Didaktik, von Theorie und Praxis, Forschung und Lehre. Ich sehe die angehenden Lehrkräfte aber auch immer als Multi­plikatoren. Sie sind es, die die künftigen Pflegekräfte auf eine lange Berufstätigkeit unter gesundheitlichen Belastungen und Beanspruchungen vorbereiten und frühzeitig beraten, sodass sie langjährig ihren Beruf gesund und im Interesse der Patienten und Bewohner ausüben können.

Wer regelt und definiert das neue Curriculum für die Lehre ‚Gesundheit und Pflege‘ an der Uni Magdeburg?

Der Masterstudiengang für das Lehramt an berufsbildenden Schulen im Profilschwerpunkt Gesundheits- und Pflegepädagogik ist 2012 mit der beruflichen Fachrichtung ‚Gesundheit und Pflege‘ gestartet, nachdem es im Masterstudien­gang für das Lehramt an berufsbildenden Schulen bereits fünf technische Fachrichtungen und eine gewerbliche Fachrichtung gab. Das Curriculum ist inneruniversitär abgestimmt, wird regelmäßig akkreditiert und orientiert sich an den Empfehlungen der Kultusministerkonferenz zu Kompetenzbereichen und inhaltlichen Schwerpunktsetzungen für die Gesundheits- und Pflegewissenschaft sowie zu denen der Fachdidaktik Gesundheit und Pflege.

Wie wichtig sind Quereinsteiger und wie werden sie künftig an der OVGU qualifiziert?

Die berufliche Fachrichtung ‚Gesundheit und Pflege‘ bieten wir lediglich im Masterstudiengang an. Damit sind alle Studieninteressierten, die für den Masterstudiengang von einer anderen Hochschule zu uns wechseln, Quereinsteiger ins Lehramt. Wir qualifizieren sie unter anderem mithilfe eines Brückenprogramms. So können sie fehlende Inhalte im Bereich der Berufspädagogik sowie ein Unterrichtsfach ‚nachstu­dieren‘. Im April 2018 haben wir darüber hinaus die berufliche Fachrichtung ‚Pflege‘, die in Kombination mit der beruflichen Fachrichtung ‚Gesundheit‘ studiert wird, eingeführt. Damit setzen wir die mit dem Land abgesprochene Zielvereinbarung um. Die sieht vor, mit der Uni Halle ein Bachelor-Master-Modell ‚zu stricken‘, das den Vorgaben der Kultusministerkonferenz für Lehramtsstudiengänge entspricht. Studierenden, die den Studiengang ‚Evidenzbasierte Pflege‘ an der Universität Halle oder den Studiengang ‚Pflegewissenschaft‘ an der Ostfalia Hochschule Wolfsburg absolviert haben, können anschließend auflagenfrei und ohne zusätzliches Brückenprogramm unseren Master studieren. Zukünftig wird es auch nötig werden, weitere Hochschulkooperationen einzugehen.

Welche Kooperationen sind da gemeint?

Es bedarf neben Kooperationen mit Hochschulen auch einer engeren Zusammenarbeit mit Ausbildungsschulen: Viele Absolventen der Pflegeausbildung suchen bereits nach kurzer Zeit Aufstiegschancen, die sie unter anderem in einer Lehrtätigkeit sehen. Ohne den ‚richtigen‘ Bachelorabschluss bleibt ihnen aber der Masterstudiengang an der OVGU verschlossen. Eine institutionelle Verzahnung von Pflegeausbildungsschulen, Hochschulen für pflegewissenschaftliche Studiengänge und der Universität Magdeburg kann immer auch Berufs- und Studienberatung sein und sichert langfristig eine gewisse Anzahl an Studienbewerbern für das Lehramt in der beruflichen Fachrichtung Pflege.

In welcher Rolle sehen Sie die OVGU künftig bei der Fachkräftesicherung im Land?

Die sehe ich neben der Lehre auch in Forschungsprojekten. Dort widmen wir uns gezielt Fragen zur Professionalisierung der Gesundheits-, Pflege- und Lehrkräfte. Als Mitglied des Forschungsnetzwerks ‚Demografie und Fachkräftesicherung in den neuen Bundesländern‘ untersuchen wir gezielt den Verbleib und die Zufriedenheit von Gesundheits- und Pflegefachkräften. Die ‚Dritte Mission‘ der Universität, also das Hineinwirken von Forschungsergebnissen in die Region, zeigt sich vor allem im Bereich Laienpflege. So untersuchen wir psychische Belastungen und Beanspruchungen von Familien Pflegebedürftiger in entlegenen ländlichen Räumen. Die Ergebnisse sollen später in eine Fortbildungsveranstaltung für Lehrkräfte in der Ausbildung von Gesundheits- und Pflegeberufen münden. Lehrkräfte haben vor diesem Hintergrund eine Multiplikatorenfunktion: Sie können in die ländlichen Räume hineinwirken und die nachfolgende Generation der Gesundheits- und Pflegeberufe für die Besonderheiten dieser Region und die Bedürfnisse einer immer älterwerdenden Bevölkerung sensibilisieren.

 

Frau Professorin Seltrecht, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Letzte Änderung: 05.03.2019 - Ansprechpartner: Webmaster