Absolventin der Uni Magdeburg erhält Grimme-Preis

20.06.2019 -  

Jana Merkel hat den Grimme-Preis 2019 in der Kategorie „Information und Kultur“ gewonnen. 2008 hatte sie ihr Studium an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg abgeschlossen. Sie ist freie Mitarbeiterin beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR). Ihre Fernsehdokumentation „Am rechten Rand - Wie radikal ist die AfD?“, produziert in Kooperation mit dem NDR, wurde von der Jury als „politische Aufklärung auf höchstem Niveau“ gelobt. Julia Heundorf hat mit ihr gesprochen.


Liebe Frau Merkel, Sie haben an der Uni Magdeburg Germanistik und Soziologie studiert. Jetzt wurden Sie mit dem Grimme Preis ausgezeichnet. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Ich erinnere mich noch gut, dass der Grimme Preis immer als geflügeltes Wort benutzt wurde. „Na, der Vortrag war ja nicht gerade ‚grimmepreisverdächtig‘“, solche Sätze sind schon im Studium gefallen. Dass ich eines Tages aber tatsächlich selbst einmal einen Grimme-Preis in der Hand halten würde, davon hätte ich nicht zu träumen gewagt.

Ich habe schon während des Studiums mehrere Praktika im Medienbereich gemacht und nebenbei für eine kleine Produktionsfirma gejobbt. Im letzten Studienjahr machte ich ein Praktikum im MDR Landesfunkhaus, in der Redaktion des Regionalmagazins „MDR Sachsen-Anhalt heute“. Und dort habe ich anschließend als freie Mitarbeiterin angefangen. Im Jahr 2014 wechselte ich von Magdeburg nach Leipzig zur Redaktion „Politische Magazine und Reportagen“. Wir produzieren die Magazine „Exakt“ für den MDR und „FAKT“ für Das Erste. Dort beschäftige ich mich mit vielen sozialen Themen, Ostdeutschland, der Landespolitik und auch mit der AfD. Deshalb schlug meine Redaktion vor, mich als Autorin ins Rennen zu schicken, als beschlossen wurde, dass MDR und NDR gemeinsam eine Dokumentation produzieren würden, die sich die Frage stellt, wo die AfD politisch steht. Dass dieser Film jedoch am Ende von der Grimme Preis-Jury ausgezeichnet würde, damit habe ich nicht gerechnet.

Wie hat Sie das Studium in Magdeburg auf Ihren Job vorbereitet? War das Studium der ideale Weg in den Journalismus für Sie?

Grundsätzlich bin ich überzeugt, dass das Studium der Humanwissenschaften dazu beiträgt, sich differenziert mit Themen auseinanderzusetzen. Und das ist eine Fähigkeit, die für Journalisten unerlässlich ist.

Selbstverständlich spielt die Sprache für mich als Germanistin DIE zentrale Rolle. Als Journalistin ist die Sprache mein tägliches Brot. Beim Fernsehen kommen natürlich noch die Bilder und Töne dazu. Aber die Sprache ist es, über die ich die Zuschauer erreiche und mit Hilfe derer ich Bilder einordne, Rechercheergebnisse verständlich und korrekt vermittle. Dabei hilft mir vieles von dem, was ich in den sprachwissenschaftlichen Seminaren gelernt habe, heute enorm weiter über Metaphern, Wortwahl, Framing usw. Ich habe bei meinen Kollegen den Ruf, besonders kritisch und akribisch zu sein, wenn es um Wortwahl und das korrekte Benennen von Dingen geht. Da kommt regelmäßig die Germanistin in mir durch.

Auch die Fragen, die wir in der Soziologie diskutiert haben, das Wissen darum, wie eine Gesellschaft funktioniert, helfen mir in meiner Arbeit oft weiter. Ich erinnere mich gut an Seminare über das Fremdsein oder die Deutsche Wiedervereinigung und ihre Auswirkungen. Gerade diese Themen sind heute für Journalisten aktueller denn je. Ich habe schon oft meine Notizen und Bücher aus Studienzeiten zu Rate gezogen, um mir Zusammenhänge erneut zu verdeutlichen, Mechanismen zu verstehen, Experten für Interviews zu finden oder mich einfach noch mal grundsätzlich in ein Thema einzulesen.

Woher kam die Idee für den Beitrag „Am rechten Rand“? Wie lange haben Sie daran gearbeitet?

Ich arbeite seit mehreren Jahren in der Redaktion „Politische Magazine und Reportagen“ beim MDR in Leipzig. Dort beschäftigt mich das Thema AfD, neben anderen Themen, schon seit einigen Jahren. Insofern hatte ich also inhaltlich zumindest was das MDR-Sendegebiet und insbesondere Sachsen-Anhalt betrifft ein wenig Vorlauf in der Recherche. Deshalb hat mein Redaktionsleiter mich gebeten, an diesem Film mitzuwirken. Die Doku war eine Koproduktion von NDR und MDR. Der MDR stellte mich als Autorin, der NDR meinen wunderbaren Kollegen Michael Richter.

Es war klar, dass es eine Dokumentation über die AfD werden soll, die sich mit verschiedenen Fragen beschäftigt: Wo steht die Partei politisch? Welche Akteure prägen die Partei inhaltlich und stilistisch? Und in welches Netzwerk, in welche Art von Strukturen ist die Partei eingebunden bzw. wer unterstützt sie? Wir waren auf zahlreichen kleinen und großen Parteiveranstaltungen, haben Politiker der Partei bei verschiedenen Gelegenheiten begleitet, zahlreiche Hintergrundgespräche auch ohne Kamera geführt und haben Akteure aus dem Umfeld der AfD getroffen. Das war eine sehr intensive Zeit. Wir haben ungefähr 8 Monate an der Dokumentation gearbeitet und Unmengen an gedrehtem Material zusammengetragen. Wie der Film am Ende aussehen würde, welche Aspekte wir thematisieren würden diese Entscheidungen sind erst in der letzten Phase getroffen worden, also im Schnitt.

Worüber werden Sie in Zukunft berichten?

Ich fühle mich mit meinen Themen und hier in der Region sehr wohl. Ich glaube, kaum irgendwo in Deutschland ist es zurzeit politisch und gesellschaftlich spannender als in Ostdeutschland. Und ich bin froh, hiergeblieben zu sein. Hier in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen gibt es so viele unbeantwortete Fragen, so viele Menschen, deren Geschichten erzählt werden sollten.

Ich arbeite außerdem weiterhin im Bereich der journalistischen Aus- und Weiterbildung. Im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen versuche ich in Seminaren gemeinsam Antworten auf drängende journalistische Fragen zu entwickeln. Diese Arbeit ist eine schöne Ergänzung zum journalistischen Alltag. Sie schärft für mich persönlich auch immer wieder den Blick für das Handwerk, für die Maßstäbe und Grundsätze, die meiner Arbeit zu Grunde liegen. Daneben würde ich auch gern für die Zuschauer und Nutzer transparenter machen, wie Journalistinnen und Journalisten arbeiten. Ich stelle immer wieder fest, dass es dazu viele offene Fragen und Missverständnisse gibt. Ich arbeite zurzeit an Konzepten für Veranstaltungen und Werkstattgespräche und freue mich über Einladungen von Bildungsträgern und Organisationen, die sich mit dem Thema beschäftigen wollen.

Liebe Frau Merkel, vielen Dank für das Gespräch!