Konferenz zur Frauen- und Geschlechterforschung

Frauenfreundschaften


Das Institut für Geschichte (Prof. Dr. Eva Labouvie) richtete Mitte November 2008 die "6. Interdisziplinäre Konferenz zur Frauen- und Geschlechterforschung in Sachsen-Anhalt" an der Universität aus. 19 Referenten diskutierten in sechs parallelen Workshops zum Thema Schwestern und Freundinnen. Zur Kommunikations- und Beziehungskultur von und unter Frauen.

Als Sozialbeziehung

Eingangs untersuchte Horst Heidbrink (Hagen, Psychologie) Freundschaft als Sozialbeziehung und machte Frauenfreundschaften als "Face-to-Face"-, Freundschaften unter Männern als "Side-by-Side"-Beziehungen aus. Dem Milieuvergleich in Frauennetzwerken widmete sich der Vortrag von Renate Liebold (Erlangen-Nürnberg, Soziologie). Nicht inhaltliche Anliegen, sondern ein identisches "Geschlechter-Wissen", das aber milieuspezifisch begründet werde, sei kohäsionsstiftendes Element dieser Wir-Gemeinschaften.
Katrinette Bodarwé (Regensburg, Geschichte) untersuchte Beziehungs- und Kommunikationsstrukturen in den "geistigen Kernfamilien" frühmittelalterlicher Frauenklöster, die sich durch Gründung von Töchterklöstern, Besuche und Briefe nach außen zu einer geistigen Schwesternschaft mit eigenem Kommunikationsnetz erweiterten.

In Adelsfamilien

Beatrix Bastl (Archiv Universität Wien) ging in ihrem Referat auf die Strukturierung und Verzahnung weiblicher Kommunikationskulturen und der adligen "familia" im österreichischen Adel ein, während Johanna Geyer-Kordesch (Glasgow, Medizingeschichte) am Freundschaftsbund zwischen der Fürstin Louise von Anhalt-Dessau, Elisa von der Recke und Friederike Brun eindrucksvoll demonstrieren konnte, dass die Betrachtung mehrerer Kommunikationsebenen einen Schlüssel zur adäquateren Interpretation von "Empfindsamkeit" bieten kann. Ausgehend von den Tagebüchern einer Frau aus der NS-Zeit verwies Christa Ehrmann-Hämmerle (Wien, Geschichte) auf die zentrale Bedeutung von Freundinnen-Netzwerken in extremen Krisensituationen und gab Einblicke in die "Sammlung Frauennachlässe" am Wiener Institut für Geschichte. Bettina Baumgärtel (museum kunst palast, Düsseldorf) stellte die Malerin und Grafikerin Angelika Kaufmann sowie die Funktion und Bedeutung von Freundschaftsbünden unter Künstlerinnen für die kunsttheoretischen Ideen und Themenschwerpunkte ihres Oeuvres vor.

Schwesternbeziehungen

Der Vortrag von Claudia Häfner (Jena, Geschichte) setzte sich mit neuartigen Möglichkeiten weiblicher Beziehungs- und Kommunikationspflege über literarisches Schaffen im 1817 von Frauen gegründeten "Weimarer Musenverein" auseinander. Die Bedeutung von Frauenfreundschaften im deutschen Bildungsbürgertum als Materialisierung von Bildung, als Gefühl und Praktik stellte Pia Schmid (Halle, Pädagogik) ins Zentrum ihrer Betrachtung, während Ute Pott (Gleimhaus Halberstadt) über die Briefe und Gedichte der Dichterin Anna Louisa Karsch an Frauen den Chancen und Grenzen von Frauenbeziehungen über Standesgrenzen hinweg und den Funktionen von Freundschaftstexten nachspürte.
Mit dem Thema Schwesterlichkeit startete Ann-Cathrin Harders (Freiburg, Alte Geschichte) mit einem Vortrag zu Schwesternbeziehungen in Familie, Kultus und Politik in der antiken römischen Gesellschaft.

Jutta Prieur-Pohl (Staats- und Personenstandsarchiv Detmold) zeichnete anhand der Briefe der Schwestern Leopoldine, Casmire und Agnese von Anhalt-Dessau schwesterliche Beziehungen im Adel nach, während Carolin Doller (Magdeburg, Geschichte) am langjährigen Briefwechsel der Schwestern Auguste Friederike und Louise Ferdinande von Stolberg-Wernigerode nicht nur der schwesterlichen Beziehungs- und Kommunikationskultur, sondern auch den Einflussnahmen von Sub- bzw. Ordnungssystemen auf die Schwesternbeziehung nachging. Bernhard Jahn (Magdeburg, Germanistik) konstatierte für die Konstruktion der Schwesternbeziehung im Drama des 18. Jahrhunderts, sie sei als 'Nullversionen', also konfliktfrei, inszeniert worden, möglicherweise eine Folge der sich ausbildenden 'Geschlechtscharaktere' dieser Zeit.

In hohem Lebensalter

An Schwager-Schwägerin-Ehen im 19. Jahrhundert, in denen die Schwester den Platz der verstorbenen Schwester in Ehe und Familie einnahm, zeigte Margareth Lanzinger (Wien, Geschichte), dass Schwesternbeziehungen in problematischen Familiensituationen den "Mörtel des Verwandtschaftssystems" (Johnson) bildeten. Annette Vogt (Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin) betrachtete die Nutzung alter und die Bildung neuer Beziehungs- und Kommunikationsstrukturen zwischen verschwisterten Naturwissenschaftlerinnen im historischen Kontext der Barrieren und Karrieren für deutsche Wissenschaftlerinnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, auch mit Blick auf Netzwerke unter Wissenschaftlerinnen heute. Die Diskrepanz zwischen in Fotografien dargestellten Ausbildungs- und Alltagsbedingungen von Krankenschwestern und ihrer realen Arbeitsbelastung standen im Mittelpunkt des Vortrags von Eva Brinkschulte (Magdeburg, Medizingeschichte), während Vera Bollmann und Corinna Onnen-Isemann (Vechta, Bildungs- und Sozialwissenschaften) unter Einbezug des Diversity-Ansatzes der Bedeutung von Schwesternbeziehungen im hohen Lebensalter als mittlerweile primärer sozialer Beziehung nachgingen.

Das große Interesse am Konferenzthema bestätigte einen besonders hohen Informations- und Diskussionsbedarf, aber auch, welch große Forschungslücken noch in allen Disziplinen bestehen. Die Ergebnisse der Konferenz können in einem Sammelband, der 2009 im Böhlau Verlag erscheinen wird, nachgelesen werden.
Carolin Doller

 

Letzte Änderung: 30.03.2016 - Ansprechpartner: Webmaster