"Der Campus-Knigge"

Nonsens oder Satire?


Es gibt Bücher, da begründet sich die Erwartungshaltung aus dem Renommee des Verlages, in dem sie erscheinen. Der C.H.Beck-Verlag ist zweifelsohne ein solcher Verlag. Unverständlich, dass dieser nun mit dem "Campus-Knigge" dieses in Form eines Lexikons konzipierte Buch als eine Art "Sittenkodex für Akademiker und Studenten" herausgebracht hat (ISBN 978 3 406 55062 1).

Neun Herausgeber

Insgesamt 69 Autoren, vornehmlich Geisteswissenschaftler und die meisten davon als "Privatdozenten" in Wartestellung auf eine ausgeschriebene oder freiwerdende W1- bis W3-Professur, lassen an denselben und an den Studenten kaum ein gutes Haar. Glaubt man ihren Beschreibungen, dann ist der "typische Akademiker" ein weltfremder "Erbsenzähler", dessen Leben "ereignislos" ist.

Zu mehr als 200 Stichwörtern "von Abschreiben bis Zweitgutachten" bemühen sich die Autoren und insgesamt neun (!) Herausgeber des Buches, allesamt junge Wissenschafter der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, den akademischen Alltag zwischen Hörsaal, Mensa und Labor zu beschreiben. Man findet solche Wortschöpfungen, wie "Knödeldiagramm" und "Festschriftendruckkostenzuschussversicherung" oder "Queenbee" und "Rattenopfer", die mit "akademischer Sprachkultur" (selbst umgangssprachlich) wenig zu tun haben.

Nur peinlich

Die Vorgehensweise der Autoren ist meist so: Man sucht eine Umschreibung des Begriffs mittels Suchmaschine im Internet und "erfindet" dazu eine Situation, die zum Thema passt. Das ist allerdings in den wenigsten Fällen originell, und man fragt sich, ob das Buch als Satire gemeint ist. Zumindest sind zwei der Autoren Mitarbeiter des "Titanic"-Satiremagazins! In jeder Begriffserklärung gibt es Verweise auf andere Begriffe. So zum Beispiel bei dem Begriff "Erbsenzählen". Mit der Feststellung, "dass manche Wissenschaftler aus dem Stadium des Erbsenzählens nie so richtig herauskommen" verweist man auf die Begriffe: "Sex", "HiWi" und "Schnippelkurs". Dort erfährt man allerdings wenig darüber, was "Erbsenzählen" mit dem Campus- oder Akademikerleben zu tun hat. Vielleicht verstehe ich keinen Spaß, aber wenn man unter "Ausschlafen" liest: "Ist mit Abstand das beste am Forscherdasein" empfinde ich dies schon als peinlich, wie auch die Charakterisierung des Studenten mit der Beschreibung, dass er rund ein Drittel seines Studiums in der Mensa verbringt und später als Taxifahrer noch gebraucht wird.

Übrigens findet man in den 200 erläuterten Begriffen "Student" und "Professor" nicht, dafür unter dem Stichwort "Silberrücken" Folgendes: "Älterer Lehrstuhlinhaber ... Ist so einflussreich, dass sich seine Kontaktpflege darauf beschränkt, Hof zu halten. (Privatissimo). Treibt die Karriere seines Kronprinzen (Mentoring) voran, indem er ihm Plenarvorträge und Einladungen zu wichtigen Veranstaltungen verschafft." Selbst diese Beschreibung ist alles andere als lustig.
Fazit: Ein Buch, das die Welt auf keinen Fall braucht.
Prof. Dr. Herbert Henning

 

Letzte Änderung: 30.03.2016 - Ansprechpartner: Webmaster